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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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27.03.2020 | 13:35
Reduktion des Alltags: Welche Stühle bleiben leer? Die Bernerin Anja Dietrich dokumentiert unser Leben im Ruhemodus (Foto: Anja Dietrich)

Tag elf in der Quarantäne sei der schwierigste, hat mir kürzlich irgendwer zugeraunt und was von ominösen «Studien» dazu gebrummelt. So als sollte ich gewarnt werden, vor dem was heute auf mich wartet. Ich konsultiere den Kalender, zähle nach, ertappe mein Herz wie es einen kleinen verzögerten Hüpfer nach vorn macht, als ich bei elf angelangt bin. Heute. So schlecht fühlt sich dieser schwierigste Tag ehrlich gesagt nicht an, auch nach knapp einem Dutzend Tag-Nacht-Wenden ist die ganze Szenerie für mich noch kaum greifbar. Voraussichtlich wird sie diesen diffusen Charakter behalten.

Meine privilegierte Lage, die sich bei allem Schwermut über vermeintliche Eingeschränktheit nicht wegdiskutieren lässt, bringt das so mit sich. Sorgen machen mir höchstens die Blicke der umstehenden, schön distanzierten Migros-Besucher*innen, wenn ich alle zwei Tage einen Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln überladen unter leisem Ächzen zur Self-Checkout-Kasse stosse. Acht hungrige Menschen zuhause, die sich 24 Stunden pro Tag aus dem Kühlschrank und den Küchenschränken ernähren, kommen mir mittlerweile vor wie eine Horde Wölfe in freier Wildbahn, die sich auf einen reservenzehrenden Winter vorbereiten müssen. Die acht Brote, die ich nach Hause bringe, haben also nichts mit Hamstereinkäufen zu tun, sondern sind eine Notwendigkeit um den sozialen Frieden in den eigenen vier Wänden zu wahren.

Die eigene seelische Unversehrtheit wurde dafür gestern jäh gestört, als ich blauäugig aus der naiven Lust an Unterhaltung heraus diesen unschuldig wirkenden Link öffnete: https://www.youtube.com/watch?v=UqTHybiuk9I An dieser Stelle sei gewarnt, dass sich hinter der kryptischen Buchstabenkombination eine Fussballmannschaft verbirgt, die mit dem Pathos der drohenden Apokalypse John Lennons «Imagine» durch den Dreck zieht. In mir sträubte es sich während der Darbietung, doch die Faszination für das Ungeheure liess mich die drei Minuten durchstehen. Ane Hebeisen hatte zwar kürzlich schon davor gewarnt, dabei aber vergessen, dass der Kreativstau auch vermeintlich einfach gestrickte Wesen wie Profifussballer dazu verleiten kann, sich ohne jedes Anzeichen von Selbsthintersinnung musikalisch zu betätigen.

Vielleicht steckt hinter dem unverhofften Lebenszeichen ja  nur der Drang, nicht in Vergessenheit zu geraten, wenn plötzlich alle von Solidarität faseln, der Selbstverwirklichung hinterherjagen und dabei die Abwesenheit des live übertragenen Rasenschachs kaum bemerken. Wer aktuell vergessen geht oder nicht gesehen wird, den oder die trifft es besonders hart. Wir richten den mentalen Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf gefährdete Altersgruppen, auf Menschen im Gesundheitsbereich, die SVP unterstreicht die Gefahren für Konzerne, die Kulturszene zeigt mit beiden Händen auf konkursgefährdete Konzertlokale und perspektivlose Künstler*innen.

Doch wer keine Lobbygruppe und Öffentlichkeitsarbeit hat, steht momentan mehr im Schatten als zuvor. Wo sind die Menschen hin, die mich täglich hier im Bahnhofperimeter nach Münz fragen, überlege ich mir, während ich das erste Mal seit vielen Tagen wieder an der Heiliggeistkirche vorbeispaziere. Wer sind die Menschen, die vergessen werden könnten und die jetzt dringender denn je drauf angewiesen sind, dass wir an sie denken? Sich physisch einzuschliessen heisst nicht, sich geistig einzuengen. Briefe schreiben gegen Einsamkeit wäre deshalb schon mal was. Schön, dass Menschen aus der Heitere Fahne dafür etwa das Büro der Brieffreundschaften eingerichtet haben. Oder auch mal Merci sagen ist angebracht, all den Menschen, die jetzt erst recht versuchen, für andere da zu sein, wie zum Beispiel die Gassenarbeit Bern. Ganz ohne milliardenschwere Hilfspakete.

 

Weiterlesen, jetzt:

https://daslamm.ch/corona-bundesbern-scheint-viele-lebenswelten-schlichtweg-nicht-auf-dem-schirm-zu-haben

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