Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°
25.03.2020 | 10:48
Die Zeiten ändern sich. «Corona» hat seinen königlichen Glanz verloren. Und das Wort «Verbreitung» will im Zusammenhang mit Corona auch niemand mehr hören...  (Foto: Bettina Hahnloser)

Noch keine zehn Tage Quarantäne und schon fühlt sich einiges an wie aus einer anderen Zeit. TV-Werbung mit sorglos plaudernden Menschen in sommerlichen Gärten, an Pools und Grills, die sich umarmen, tanzen, grillieren, Bier trinken. Ein Gesundheitsmagazin, das den «Generationenpakt» preist mit den Worten «Warum junge und alte Menschen gesünder und länger leben, wenn sie sich zusammentun».

Nix «zusammentun»: jeder für sich und möglichst in den eigenen vier Wänden. Bei mir sind langsam die hintersten Ecken staubfrei, die obersten Regale sauber und sogar mein Büro, das ich seit Monaten aufräumen wollte, ist endlich aufgeräumt. Ja, sogar die längst abgelaufenen Konserven sind verwertet.

Die Agenda ist leergefegt, mit einer Ausnahme. Ein Arzttermin. Welch ein Glück! Denn das heisst: Lizenz zum Ausbrechen. Und weil der ÖV tabu ist, komme ich sogar zu einem behördlich tolerierten Spaziergang durch die die Stadt. Es ist allerdings kein genussvolles Flanieren. Unter den Lauben keine Menschenseele, leere Restaurants, geschlossene Läden und Schaufenster, die nicht wirklich locken. Frühlingsmode, warum auch? Zum Hausputz tun es die ältesten Jeans, das verwaschene T-Shirt. Esswaren bestellt man unterdessen im Internet...

Es könnte ganz schön trist sein, wenn da nicht dieses eine Schaufenster in der Altstadt wäre. Ich muss zweimal hinsehen, aber da steht wirklich – in einer Zeitung aus dem Jahre 1923: «Warum wählen so viele Corona?». Und obwohl der Satz im Moment so unpassend scheint wie ein Prospekt mit Osterreisen in den Süden, muss ich schmunzeln. Corona ist kein königlicher Name mehr für eine Schreibmaschine, es ist ein Schreckgespengst. Ein Wort hat seine Unschuld verloren. Bittersüsse Ironie. Und doch ....

Dass es in Krisenzeiten Leute gibt, die dem Alltag augenzwinkernd die Schwere nehmen, fasziniert und beglückt mich. Danke, ihr Hofnarren und Witzbolde! Es braucht euch mehr denn je.