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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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22.03.2020 | 08:00

Liebe u65-Generationen
Liebe Kinder, Jugendliche, Auszubildende, Arbeitende und unverschuldet Arbeitslose,
Behördenmitglieder und Verantwortliche

 

wenn ich bereits in der Anrede und auch im folgenden Brief auf die gewohnte und angebrachte Höflichkeitsform verzichte und mich statt dessen in «vertraulichem» Ton an Euch wende, nehmt es nicht als mangelnden Anstand, sondern als Zeichen des aufrichtigen Beeindruckt- und Berührt-Seins und einer zutiefst verspürten Verbundenheit.

Es geht um das, was in öffentlichen Verlautbarungen dieser Tage, in Communiqués und Kommentaren, soweit ich sie hörend oder lesend vernehme, schlicht fehlt, vergessen oder zumindest verschwiegen wird und dabei dringend auszusprechen wäre – dies wenigstens geböte auch nur bescheidenster Anstand.

Was Ihr als Pflegende, Dienst Leistende, Lernende und Lehrende, Ordnende, Beschützende, Verwaltende und Gestaltende zur Zeit in Kauf nehmt, aus eigener Einsicht oder infolge behördlicher Anordnung, was Ihr leistet über das übliche, vielleicht auch das zumutbare Mass hinaus,  worauf Ihr verzichtet, schweren Herzens zumindest und vielleicht trotz existentieller Sorgen und Ungewissheit, doch jedenfalls ohne Murren, ist beispielhaft und wenigstens so weit unsere Erinnerung reicht ohne Beispiel, erheischt den tiefsten Respekt und den unermesslichen Dank von uns, den Grosseltern, Rentnerinnen, AHV-Bezügern – den zur aktiven Hilflosigkeit Angehaltenen, den Verletzlichen und Schutzbedürftigen einer jetzt unerbittlich auf die Probe gestellten Gesellschaft. 

Selbstverständlich ist dies alles in keiner Weise, denn Ihr könntet der heimtückischen Pandemie ja auch wesentlich gelassener begegnen – die vom neuen Virus hervorgerufenen Beschwerden scheinen für Euch, die jüngeren Generationen, wenigstens für die Gesunden unter Euch, kaum bedenklicher zu sein als die altbekannte und fast vertraute saisonale Grippe. Ihr tut es also für uns, die unterdessen «nutzlos» Gewordenen, die fast schon notorisch angemahnten Überzähligen, die mittlerweile auch «auf Eure Kosten» den Ruhestand geniessen und dazu noch eine ziemlich beschädigte (Um-)Welt hinterlassen – für uns, die jetzt höchstens noch durch Stillehalten helfen können, die Krise zu bestehen.

Wer oder was gäbe uns das Recht, so viel Anteilnahme von Euch zu erwarten, Euch in diesem Ausmass zu beanspruchen? Wie können wir es Euch danken? Was geben wir Euch zurück?

Ich verneige mich in grösstem Respekt vor Euch, vor Euren immensen Anstrengungen, diese Herausforderung zum Wohl aller lebenden – und gerne noch etwas weiter lebenden – Generationen zu meistern. Ich will versuchen, später daran zu denken, mich noch mehr als bisher für Eure Anliegen und Bedürfnisse einzusetzen, sei es im Alltag, in besonderen Situationen, Diskussionen ... oder auch politischen Abstimmungen. Ich hoffe und gehe davon aus, nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern im Sinne Vieler, der meisten von uns älteren Menschen, so zu denken, zu schreiben, zu sprechen – und dann, wenn es einmal ausgestanden sein wird, auch zu handeln. 

 

Ihr seid wunderbar, grossartig – schaut gut zu Euch und tragt Euch Sorge!
Ich wünsche Euch und Euren Anstrengungen Kraft, Energie und Kreativität!
Wir – die meisten von uns – werden es überstehen durch Eure Solidarität: Ich danke Euch!

 

Christoph Marti
(pensionierter Musiklehrer)


Bitte verteilt diesen Text nach Belieben an alle, die er betrifft: an Jüngere, die direkt angesprochen sind, als bescheidene und vielleicht unbeholfene Unterstützung ... und an Ältere mit der Einladung, ihn ohne Einschränkung weiter zu geben, auch ergänzt mit eigenen Worten und Gedanken.