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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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19.03.2020 | 16:25
Schade, Sassy J beehrt uns heute nicht im Ross. Dafür in doppelter Lautstärke zu Hause (Bild: Luca Hubschmied)

Friedlich fühlt er sich an, Tag drei des stillstehenden Alltags. Verpflichtungen lösen sich in nichts auf, Zuhause zu sein ist der neue Standard geworden. Ist es erlaubt, sich in einer solchen Situation zu freuen? Bei der ganzen Ernsthaftigkeit und hochstilisierten Krisenmiene scheint es fast unangebracht, diese Freiheit zu geniessen. Selbstverurteilung überkommt mich, wenn der Liegestuhl im Garten zu gemütlich wird. Ganz ehrlich: Der lockdown mag viele Leute hart treffen, ebenso das abstrakte Konstrukt Gesellschaft und die Wirtschaft, sosehr personifiziert letztere ist, so entfremdet sie sich in diesen Tagen anfühlt. Bei uns im Garten tanzen Kinder, symptomfrei versteht sich, und fallen nach ein, zwei unrhythmischen Schritten rückwärts in den moosüberwachsenen Rasen. Stahlberger ist der Soundtrack des Surrealen.

Im Wahn des beginnenden Jahres habe ich vor einigen Wochen verkündet, der Begriff «Dystopie» dürfe 2020 nicht mehr verwendet werden, er sei durch die inflationäre und unpräzise Verwendung überflüssig geworden. Heute Morgen erhalte ich eine Nachricht eines Freundes, der mich darauf anspricht: «Was kann noch dystopisch sein, wenn schon die Realität so ist?» Es brauche den Begriff nun definitiv nicht mehr, meint er. Einverstanden damit bin ich nicht. Nur die Absurdität der Existenz wurde soeben auf eine neue Ebene gehievt, der von Camus beschriebene Alltag, die absurden Momente in der Strassenbahn, sind jäh unterbrochen. Das allgegenwärtige «Es», der Virus, dessen Name nicht genannt werden soll, bringt uns zum Glauben, die Welt stehe auf der Kippe. Dabei werden nur Selbstverständlichkeiten hinterfragt, die schon lange ausdiskutiert werden sollten.

Wie ist das aktuelle Dilemma der Linken zu lösen: Der Staat der seine Bürger*innen schützen soll, auch auf Kosten des BIP gegen die damit einhergehende Autoritarisierung und Bevormundung mittels Notrecht?
Gibt es zwischen obrigkeitsgläubigem Gehorsam und blinder Ignoranz ein Niemandsland der gemeinsamen Solidarität? Wer erforscht es und welche Wesen mögen darin hausen?
Welche Werte schützen wir und welche werfen wir beim ersten Anzeichen von Widerstand über Bord?
Das BAG empfiehlt, unnötige Kontakte zu vermeiden: Wo ziehe ich im sozialen Umfeld die Grenze? Wo hätte ich sie schon lange ziehen sollen?

Bei all den Fragen hilft tief Durchatmen, Kopf in den Nacken legen und die Sonne anblinzeln, dem Gefühl standhalten, dass der lauernde Mahnfinger des kollektiven Mitleidens einen jederzeit unter das schläfrig geschlossene Lid ins Auge stechen kann.