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Sagt, was Bern bewegt
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31.03.2020 | 09:53
In Krisen greifen die Behörden immer wieder auf die gleichen neoliberalen Rezepte zurück. (Bild: Claudio Schwarz) (photo: )

Zwischendurch hört man die Einschätzung: «Die Krise macht uns alle gleicher». Ich fürchte das Gegenteil ist der Fall. Sicher, die Krankheit ist für alle gleich. Zudem gibt es die gelebte, eindrückliche Erfahrung von Solidarität und das Gefühl, alle sitzen im gleichen Boot. Aber die Auswirkungen der ergriffenen und ausgebliebenen Massnahmen, die Folgen für Wirtschaft und Politik – alles deutet in die andere Richtung.

Es ist in Berns Gassen sichtbar, jede und jeder von uns ist entweder direkt betroffen oder weiss von Bekannten: Die Verunsicherung über die direkten und die indirekten Folgen der Ladenschliessungen und des Veranstaltungsverbots ist riesig und trifft viele Menschen mit bescheidenem Einkommen und mit oft unsicheren Arbeitsperspektiven. Was von den 42 Milliarden – die dringend und wichtig sind -  für Selbständige und kleine Unternehmen vorgesehen ist, wird für viele nicht reichen. Die Beiträge sind zu klein und als rückzahlbare Kredite ausgelegt: «Aufruf zur Massenverschuldung» nennt Nationalrätin Jacqueline Badran dies. Viele weitere werden von den Massnahmen gar nichts sehen, weil sie «nur» indirekt aber genauso stark vom Ausfall der Einnahmen betroffen sind. Zudem sind Mieten weiterhin geschuldet. Nicht zu reden von der Situation derjenigen, die jetzt schon in schwierigen Lebenssituationen stecken. Prekäre Familiensysteme geraten an ihre Belastungsgrenzen etwa bei der Unterstützung von Angehörigen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, oder durch die eingeschränkten Möglichkeiten, die Kinder bei geschlossenen Schulen zuhause zu unterstützen. Immerhin – wenn Lösungen kommen, entstehen sie wie meist von unten, aus gelebter Solidarität und auf der Ebene der Stadt oder Gemeinde.

Kredite und Kurzarbeitsentschädigung kommen hingegen grösseren Unternehmen zugute, selbst wenn sie weiter Milliarden an Dividenden auszahlen. Sie sollten lediglich etwas zurückhaltend sein, hat der Bund sie gebeten. Auch Bonusprogramme werden nicht angetastet. Bei den Banken ist offen, wie weit sie gleich ihre schlechten Risiken und damit sich selbst sanieren. Es kursieren Tipps in der Finanz- und Börsenwelt für die späteren Gewinner und es laufen Wetten darauf, welche Firmen schliessen werden. Letztes lässt sich mit geschickter Aktienpolitik sogar befördern, was eigentlich längst verboten sein sollte

Damit nicht genug: Der Bund wird kaum in der Lage sein, ein nachhaltiges Konjunkturprogramm aufzulegen, wenn die Nachfrage weiter ausbleibt. Die Arbeitslosigkeit wird steigen, ebenso der Druck auf die 2. Säule mit weiteren Rentenkürzungen. Sind die Milliarden des Bundes erst ausgegeben, wird der Bund „dank“ der Schuldenbremse neue Sparprogramme durchführen, und diese betreffen wohl – genau – Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich.

Mehr vom Gleichen

Geraten Politik und Behörden unter Druck einer so dramatischen Wirtschaftskrise, dann reagieren sie wie die meisten Menschen und Institutionen: Mit dem Rückgriff auf die bekannten Rezepte. Und diese stammen in der Schweiz seit Jahrzehnten aus derselben neoliberalen Küche. Mehr vom Gleichen – das ist die Devise. Der Bund greift auf die Massnahmen der Finanzkrise 2008 zurück: Milliarden-Kredite, mit welchen er damals Grosskonzerne gerettet hat. Konjunkturprogramme sind nicht vorgesehen, das Bundesamt für Konjunkturfragen wurde vor zwanzig Jahren abgeschafft. Ein Verbot von Wetten auf Firmenschliessungen oder die Einschränkung oder zumindest Besteuerung von Kapitalbewegungen ist nicht vorgesehen – das stand auf der Agenda und wurde nie umgesetzt. Selbst das Verteilen von Geld – «Helikoptergeld» – das ultimative neoliberale Rezept aus den 30er Jahren und vom Hedgefonds Black Rock mit dem Schweizer Philipp Hildebrand schon vor Monaten gefordert, wird jetzt offenbar nicht nur in Singapur, sondern auch in den USA grossflächig angewandt.

Das gleiche Muster befürchtet der Klimaexperte Martin Grosjean bei der Klimapolitik, dass sich nämlich, je länger die Krise dauert, desto eher die alten Rezepte durchsetzen: Wenn Geld fehlt, Öl billig ist und schnelle Resultate nötig sind, dann wird die bisherige Wirtschaft wieder aufgebaut, statt den Weg zu einem nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft weiter zu gehen.  Die zeitweise ausgefallenen Flüge sind da nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Das Verhalten der Schweiz in der Wirtschaftskrise der 30er Jahren war übrigens nicht anders. Es brauchte schon den unvergleichlichen Kraftakt eines Roosevelts, um in den USA nach gewonnener Präsidentschaftswahl und vier Jahre nach dem Börsencrash von 1929 mit dem New Deal eine völlig andere Krisenbekämpfung auf die Reihe zu kriegen. Die Weltwirtschaftskrise ist denn auch die einzige, welche eine vorübergehende Abnahme der Ungleichheit zur Folge hatte. Neuere Untersuchungen zeigen, dass alle vorherigen und nachfolgenden Wirtschaftskrisen die Ungleichheit verstärkt hatten, eingeschlossen der Börsencrash 1987, die Dotcomblase 2000 oder die Finanzkrise 2008. Die Konzepte, das Wissen und die Menschen, die für einen anderen Weg einstehen, sind auch heute vorhanden. Aber es braucht viel Mut und Engagement, denn von allein wird nichts gehen, das ist eine der bitteren Lehren aus der Finanzkrise 2008.

30.03.2020 | 19:21

Medienkonferenzen des Bundesrats, stets mit mehreren Mitgliedern der Regierung, finden jetzt zweimal wöchentlich statt. Ständiges Thema: Covid-19. Gängiges Ritual: Allgemeines zum Stand der Pandemie in der Schweiz, Orientierung über neue Beschlüsse, abschliessende Ermahnung zu Disziplin und Solidarität: «Es kommt auf alle an». Dann Eröffnung der Fragerunde durch den Vizekanzler. Journalistinnen und Journalisten stellen Fragen, bis das Bedürfnis versiegt.

Das Setting ist immer dasselbe: Die Mitglieder des Bundesrats sitzen auf der Empore mit Blick zu den Medienleuten. Chefbeamte der einschlägigen Departemente nehmen unten im Saal Platz, sie sehen zum Bundesrat auf, haben die Reihen der Journalistinnen und Journalisten im Rücken, können sie also nicht sehen. Die Ordnung ist klar: Bundesrat und Medienvertreter sitzen sich gegenüber, «auf Augenhöhe» zumindest räumlich. Der Platz der Verwaltungsleute ist unter und zwischen den beiden Gruppen, beengt, mit Blickkontakt nur zu einer Seite, zu ihren Vorgesetzten.

Fragt eine Journalistin, richtet sie sich an eine Bundesrätin oder einen Bundesrat, sieht sie oder ihn an – und der oder die Antwortende wendet der Fragenden das Gesicht zu. Was auffällt: Die Antworten nehmen in der Regel die Frage ernst, ergründen deren Gehalt, sind substantiell und nicht selten länglich, auf sachliche Information ebenso bedacht wie aufs Überzeugen wollen. Angesichts des Themas fallen die bundesrätlichen Ausführungen meist ernst aus, bedacht, meist empathisch; nur selten – etwa bei Alain Berset oder Ueli Maurer – ein ironischer Ton, ein Scherz, eine harmlose Grobheit. 

Es ist wie im Säli einer Wirtschaft auf dem Land bei einer wohltemperierten Abstimmungs- oder Wahlveranstaltung: Man nimmt sich ernst, man will überzeugen, beziehungsweise überzeugt werden. Noch die abwegigsten Fragen stossen auf fast unlimitierte Bereitschaft zu antworten. Hier die Gewählten, da die Wählenden hat man den Eindruck. Vor dem Gewicht der Stimme des demokratischen Fussvolks bzw. seiner Medienvertreter schrumpft der Rangunterschied. Wer zum Pathos neigt, könnte meinen, hier zeige sich direkte Demokratie in Reinkultur: «Was alle angeht, können nur alle lösen» (Dürrenmatt).

Anders die Antworten der Beamtenschaft, die selten direkt angesprochen wird, meistens von ihrer Chefin oder ihrem Chef, «zum Ergänzen» anhebt. Ihre Aussagen wirken – mit Ausnahme derer von Daniel Koch – weniger bezogen auf die Fragenden, hölzerner, blutleerer. Anstatt zu vertiefen, zu detaillieren, zu veranschaulichen bleiben die Ausführungen Statements, allgemeingültig, nicht auf die Adressaten bezogen, in jener scheinbar leidenschaftslosen Sachlichkeit, die man auch eunuchisch nennen könnte. Auf der Strecke bleibt der Bezug zum wirklichen Leben, zu den konkreten Umständen, zu den schwierigen Problemen, von denen dich die Beamtinnen und Beamten so viel mehr zu berichten hätten als ihre Chefinnen und Chefs. So entsteht zuweilen der Eindruck der Abstraktion, der Arroganz, ja der Gelangweiltheit.

Weshalb ist das so? Warum wirken die «Höheren» offen, lernfähig, selbstkritisch und authentisch – anders als die «Unteren»? Vielleicht sind sie vom Rede-und-Antwort-stehen in Kommissionen und im Parlament, von Auftritten in Abstimmungskämpfen oder an der «Arena» einfach geübter. Vielleicht sind sie, die im Leben einige Volkswahlen zu bestehen hatten, in gewisser Weise bescheidener geworden. Während die Beamtinnen und Beamten, durch den Bundesrat gewählt und ohne Bewährung in Versammlungen und Gremien ins Amt gekommen, derlei nicht kennen.

Und die Journalistinnen und Journalisten, die Dritten im Bunde dieses neuen Rituals? Sie sitzen den Bundesrätinnen und Bundesräten gegenüber wie Vertreterinnen und Vertreter der Bevölkerung. Sie stellen Fragen, wichtige und entbehrliche, stellvertretend für uns alle, die selbst nicht zu Wort kommen, aber Medien lesen. Es entwickelt sich ein Dialog, nur im Ansatz zwar, aber immerhin. Der Anflug einer demokratischen Begleitung, einer kritischen Befragung der Landesregierung, die derzeit ungewöhnliche Macht ausüben soll und darf.

29.03.2020 | 08:00
Auch wenn die Massnahmen des Bundes gut sein mögen - ein bisschen mehr Skepsis wäre in Zukunft sicher nicht schlecht. (Foto: Claudio Schwarz/Unsplash) (photo: Claudio Schwarz)

Am Anfang fühlte es sich so an, wie damals in der Schule, als der Lehrer nach dem zweiten Klingeln noch immer nicht im Klassenzimmer stand und die Schulleiterin ein paar Minuten später die stille Hoffnung, er habe sich vielleicht was eingefangen und Mathe falle deshalb aus, mit sanfter Hand in die Realität stiess. Plötzlich lösen sich Pflichten in Nichts auf, Sekunden, Minuten und Stunden fallen wie Münzen aus einem Spielautomaten in die hohle Hand. Corona ist doch kein Übel, dachte ich. Jedenfalls für mich nicht, dessen Privilegien derzeit ihre volle Schutzwirkung entfalten. Ich vertreibe mir die Zeit damit, im neu bezogenen Haus den Garten zu kehren und mich in die Sicherheit einer Home-Office-Stelle zu wiegen im Wissen, dass meine zweite Stelle trotz temporärer Schlissung des Betriebs weiterhin zahlt.

Aber dann habe ich gestern schlecht geschlafen. Erst war ich müden, dann dünnhäutig, dann wütend. Das Gute an der Wut ist, dass sie einen schützt, indem sie Ursachen externalisiert. Plötzlich konnte ich mich ohne Anstrengung ab sämtlicher Corona-Berichterstattung aufregen, ab den knallroten BAG-Plakaten, den Influencer*innen, die ihre Hände-wasch-Videos mit dem Hashtag «#stayhome» unterlegen, ab den gefühlt stündlich stattfindenden Pressekonferenzen, ab den Menschen, die mir sagen, die Massnahmen würden «sicher verlängert», ab den Abstandsstreifen vor dem Coop und selbst ab denen, die sich über all das lustig machen, weil: Rire c’est bon pour la santé, oder?

Mittlerweile sind sowohl Müdigkeit als auch Wut gewichen. Nicht zuletzt, weil mich mein Anstand eingeholt und dazu angehalten hat, etwas mehr Durchhaltevermögen an den Tag zu legen. Immerhin ist Corona für einige Menschen eine echte Bedrohung. Nicht nur für die Risikogruppe, sondern auch für jene, die kein Corona haben, aber eines der wenigen Betten auf den Intensivstationen brauchen. Und wenn DJ Antoine das Leben in der Isolation mit einem Wohnzimmerkonzert auf Blick.ch für einige ein wenig erträglicher macht, muss ich das wohl aushalten.

Etwas ist mir aber geblieben von meinem Ausbruch: Ich habe Abstand von den harschen Massnahmen der Behörden und den Forderungen nach noch härterem Durchgreifen gewonnen. Ich schäme mich nicht mehr zu sagen, dass mir die ganze Sache mächtig auf den Zeiger geht – ohne sie aber falsch zu finden. Ich möchte diese Einstellung sogar weiterempfehlen, denn sie scheint mir die einzig richtige zu sein. Man muss die Massnahmen des Bundes nicht gut finden. Man sollte sie auch nicht gut finden, sondern allenfalls notwendig. Gerade in Anbetracht der massiven Grundrechtseinschränkungen und der extrem ausserordentlichen Situation, dass von jetzt auf gleich sieben indirekt gewählte Menschen die Geschicke eines ganzen Landes lenken, wäre kollektive Skepsis eine gute Reaktion. Selbst, wenn sich alle behördlichen Massnahmen als verhältnismässig herausstellen, muss unbedingt und wiederholt darauf hingewiesen werden, dass dieser Weg der Repression bei der allerersten Abzweigungsmöglichkeit wieder neu verhandelt werden muss.

27.03.2020 | 13:35
Reduktion des Alltags: Welche Stühle bleiben leer? Die Bernerin Anja Dietrich dokumentiert unser Leben im Ruhemodus (Foto: Anja Dietrich) (photo: Anja Dietrich)

Tag elf in der Quarantäne sei der schwierigste, hat mir kürzlich irgendwer zugeraunt und was von ominösen «Studien» dazu gebrummelt. So als sollte ich gewarnt werden, vor dem was heute auf mich wartet. Ich konsultiere den Kalender, zähle nach, ertappe mein Herz wie es einen kleinen verzögerten Hüpfer nach vorn macht, als ich bei elf angelangt bin. Heute. So schlecht fühlt sich dieser schwierigste Tag ehrlich gesagt nicht an, auch nach knapp einem Dutzend Tag-Nacht-Wenden ist die ganze Szenerie für mich noch kaum greifbar. Voraussichtlich wird sie diesen diffusen Charakter behalten.

Meine privilegierte Lage, die sich bei allem Schwermut über vermeintliche Eingeschränktheit nicht wegdiskutieren lässt, bringt das so mit sich. Sorgen machen mir höchstens die Blicke der umstehenden, schön distanzierten Migros-Besucher*innen, wenn ich alle zwei Tage einen Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln überladen unter leisem Ächzen zur Self-Checkout-Kasse stosse. Acht hungrige Menschen zuhause, die sich 24 Stunden pro Tag aus dem Kühlschrank und den Küchenschränken ernähren, kommen mir mittlerweile vor wie eine Horde Wölfe in freier Wildbahn, die sich auf einen reservenzehrenden Winter vorbereiten müssen. Die acht Brote, die ich nach Hause bringe, haben also nichts mit Hamstereinkäufen zu tun, sondern sind eine Notwendigkeit um den sozialen Frieden in den eigenen vier Wänden zu wahren.

Die eigene seelische Unversehrtheit wurde dafür gestern jäh gestört, als ich blauäugig aus der naiven Lust an Unterhaltung heraus diesen unschuldig wirkenden Link öffnete: https://www.youtube.com/watch?v=UqTHybiuk9I An dieser Stelle sei gewarnt, dass sich hinter der kryptischen Buchstabenkombination eine Fussballmannschaft verbirgt, die mit dem Pathos der drohenden Apokalypse John Lennons «Imagine» durch den Dreck zieht. In mir sträubte es sich während der Darbietung, doch die Faszination für das Ungeheure liess mich die drei Minuten durchstehen. Ane Hebeisen hatte zwar kürzlich schon davor gewarnt, dabei aber vergessen, dass der Kreativstau auch vermeintlich einfach gestrickte Wesen wie Profifussballer dazu verleiten kann, sich ohne jedes Anzeichen von Selbsthintersinnung musikalisch zu betätigen.

Vielleicht steckt hinter dem unverhofften Lebenszeichen ja  nur der Drang, nicht in Vergessenheit zu geraten, wenn plötzlich alle von Solidarität faseln, der Selbstverwirklichung hinterherjagen und dabei die Abwesenheit des live übertragenen Rasenschachs kaum bemerken. Wer aktuell vergessen geht oder nicht gesehen wird, den oder die trifft es besonders hart. Wir richten den mentalen Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf gefährdete Altersgruppen, auf Menschen im Gesundheitsbereich, die SVP unterstreicht die Gefahren für Konzerne, die Kulturszene zeigt mit beiden Händen auf konkursgefährdete Konzertlokale und perspektivlose Künstler*innen.

Doch wer keine Lobbygruppe und Öffentlichkeitsarbeit hat, steht momentan mehr im Schatten als zuvor. Wo sind die Menschen hin, die mich täglich hier im Bahnhofperimeter nach Münz fragen, überlege ich mir, während ich das erste Mal seit vielen Tagen wieder an der Heiliggeistkirche vorbeispaziere. Wer sind die Menschen, die vergessen werden könnten und die jetzt dringender denn je drauf angewiesen sind, dass wir an sie denken? Sich physisch einzuschliessen heisst nicht, sich geistig einzuengen. Briefe schreiben gegen Einsamkeit wäre deshalb schon mal was. Schön, dass Menschen aus der Heitere Fahne dafür etwa das Büro der Brieffreundschaften eingerichtet haben. Oder auch mal Merci sagen ist angebracht, all den Menschen, die jetzt erst recht versuchen, für andere da zu sein, wie zum Beispiel die Gassenarbeit Bern. Ganz ohne milliardenschwere Hilfspakete.

 

Weiterlesen, jetzt:

https://daslamm.ch/corona-bundesbern-scheint-viele-lebenswelten-schlichtweg-nicht-auf-dem-schirm-zu-haben

https://www.megafon.ch/globale-monarchie/?artikel=Lass%20mal%20gemeinsam%20%C2%ABcurve-flattenen%C2%BB

 

26.03.2020 | 13:55
Einer der Schätze, der uns erhalten bleibt. (photo: )

Jetzt haben wir Alten Zeit in Fülle, manchmal fast zu viel. Was im Haushalt zu tun ist, ist einmal getan. Auch der Spaziergang, der Ausflug mit dem Velo oder ein Joggingversuch dauern nicht ewig. Kontaktpflege per Mail, am Telefon, via Skype, alles hat seine Zeit.

Es bleiben Schätze. Ein Schatz ist die Erinnerung oder besser: Der Blick in die Schweizergeschichte. Er zeigt auch bei oberflächlicher Wahrnehmung wie viel besser wir es heute in der Corona-Krise haben als die Menschen in unserem Land damals 1918, als am Ende des Ersten Weltkriegs die Spanische Grippe grassierte mit tausenden von Toten, viele davon junge, kräftige Männer. Oder während des Zweiten Weltkriegs zur Zeit der Mobilmachung, als Lebensmittel rationiert, die «Anbauschlacht» geschlagen, Verdunkelung befohlen und in der Nacht eine Quasi-Ausgangssperre galt. Wie anders heute: Kein Mangel an Lebensmitteln und allem, was man täglich braucht, keine Angst vor einem Feind von aussen, vor Gewalt, Zerstörung, Kälte.

Im gegenwärtigen Aushaltenmüssen des Ausnahmezustands sind wir privilegiert, bestens informiert, unterstützt von zahlreichen Hilfsangeboten, können uns gefahrlos draussen bewegen mit Mass und Abstand. Auch wenn uns gelegentlich die Decke auf den Kopf zu fallen scheint: Bleiben wir realistisch – uns geht es gut. Wenn wir nicht für ein paar Wochen etwas vom vermeintlichen Recht auf das abgeben, was wir pathetisch Freiheit nennen (und was in vielen Fällen Egoismus und Selbstverwirklichung ist), dann haben wir nicht begriffen, wie es in der Welt zugeht.

Ein anderer Schatz ist der Zugang zu Kunst und Kultur. Musik hören am Radio, ab der CD, im Internet. Bücher lesen. Filme anschauen am Fernseher oder am Laptop. Auch wenn die Kinos, Theater, Tanzorte, Museen, Konzertlokale, Galerien und so weiter geschlossen sind, was ich für sie und das Publikum äusserst bedaure – wir sind nicht ohne Kunst. Ein Buch zu lesen, war schon immer eine intime Angelegenheit. Musik hören kann man bestens allein. Viele Bilder und andere Kunstwerke sind über die Websites von Museen zugänglich. Das Museum für Kommunikation ermöglicht jeweils von Dienstag bis Freitag um 13:30 Uhr virtuelle Einblicke. Nicht ausgehen zu können bedeutet nicht, von Kunst und Kultur abgeschnitten zu sein. Es erfordert und erlaubt vielmehr neue Konzentration darauf, virtuell in der Form, real im Erleben.

Natürlich ist dieser Zustand katastrophal für die Kunst- und Kulturorte jeder Art, deren Einnahmen wegbrechen, und noch viel mehr für die Kunst- und Kulturschaffenden, die nicht arbeiten und auftreten können und also nichts verdienen. Am schlimmsten trifft es die Selbständigerwerbenden in jeglicher Sparte. Hilfe ist beschlossen und demnächst real – das heisst in Franken und Rappen – verfügbar, doch gerade im Kulturbereich ist sie bürokratisch organisiert. Und auch die Unterstützung hier und heute befreit die Betroffenen nicht von der Sorge, wie es in Zukunft sein wird, wenn wir aus dem Tunnel wieder ins Freie gelangen: Wollen die Leute meine Darbietung noch erleben, meine Werke sehen, meine Überlegungen anhören?

Wer bin ich, wenn die Welt neu zu sich kommt? Oder kommt sie eben jetzt im Ausnahmezustand zu sich? Und ist am Ende des Tunnels nicht alles wie es vorher war, sondern neu wie es jetzt ist – und bleiben wird? Zumindest teilweise?

25.03.2020 | 10:48
Die Zeiten ändern sich. «Corona» hat seinen königlichen Glanz verloren. Und das Wort «Verbreitung» will im Zusammenhang mit Corona auch niemand mehr hören...  (Foto: Bettina Hahnloser) (photo: )

Noch keine zehn Tage Quarantäne und schon fühlt sich einiges an wie aus einer anderen Zeit. TV-Werbung mit sorglos plaudernden Menschen in sommerlichen Gärten, an Pools und Grills, die sich umarmen, tanzen, grillieren, Bier trinken. Ein Gesundheitsmagazin, das den «Generationenpakt» preist mit den Worten «Warum junge und alte Menschen gesünder und länger leben, wenn sie sich zusammentun».

Nix «zusammentun»: jeder für sich und möglichst in den eigenen vier Wänden. Bei mir sind langsam die hintersten Ecken staubfrei, die obersten Regale sauber und sogar mein Büro, das ich seit Monaten aufräumen wollte, ist endlich aufgeräumt. Ja, sogar die längst abgelaufenen Konserven sind verwertet.

Die Agenda ist leergefegt, mit einer Ausnahme. Ein Arzttermin. Welch ein Glück! Denn das heisst: Lizenz zum Ausbrechen. Und weil der ÖV tabu ist, komme ich sogar zu einem behördlich tolerierten Spaziergang durch die die Stadt. Es ist allerdings kein genussvolles Flanieren. Unter den Lauben keine Menschenseele, leere Restaurants, geschlossene Läden und Schaufenster, die nicht wirklich locken. Frühlingsmode, warum auch? Zum Hausputz tun es die ältesten Jeans, das verwaschene T-Shirt. Esswaren bestellt man unterdessen im Internet...

Es könnte ganz schön trist sein, wenn da nicht dieses eine Schaufenster in der Altstadt wäre. Ich muss zweimal hinsehen, aber da steht wirklich – in einer Zeitung aus dem Jahre 1923: «Warum wählen so viele Corona?». Und obwohl der Satz im Moment so unpassend scheint wie ein Prospekt mit Osterreisen in den Süden, muss ich schmunzeln. Corona ist kein königlicher Name mehr für eine Schreibmaschine, es ist ein Schreckgespengst. Ein Wort hat seine Unschuld verloren. Bittersüsse Ironie. Und doch ....

Dass es in Krisenzeiten Leute gibt, die dem Alltag augenzwinkernd die Schwere nehmen, fasziniert und beglückt mich. Danke, ihr Hofnarren und Witzbolde! Es braucht euch mehr denn je.

 

23.03.2020 | 10:58
Jetzt noch die grössere Gefahr: Der Blick endet am Gartenzaun (Foto: T. Göttin) (photo: )

Ich sitze zuhause und versuche einzuordnen was gerade passiert. Dabei konzentriere ich mich auf die Wirtschaft, von Gesundheitsfragen verstehe ich noch viel weniger. Aber eigentlich sitze ich nur vor einer völlig chaotischen Ansammlung von Links, Notizen und Zeitungsauschnitten. Besonders in ausserordentlichen Situationen hilft mir allerdings schon das Sammeln, oder es beruhigt wenigstens. Ich könnte später all das in Ruhe nachlesen, was in der Realität viel zu schnell abläuft. Ich habe solche Sammlungen bis zurück in die 70er Jahre, darum weiss ich jedoch, dass ich nie alles lesen werde.

Für die aktuelle dramatische Wirtschaftskrise finde ich schwer Erfahrungswerte. Und doch kommt die Situation nicht unerwartet und nicht allein wegen dem Virus. Meine  Anknüpfungspunkte gehen zurück bis in die 1980er Jahre.

Ein Weltkongress in Bern

Der Weltkongress der Wirtschaftshistorikerinnen und – historiker tagte 1986 in Bern im Casino und kam zum Schluss: Die Laissez-faire Politik der 20er Jahre wurde beim grossen Crash von 1929 durch ein System ersetzt, in welchem der Staat eine wesentlich aktivere Rolle spielte. Doch in den 1980er Jahren begann eine neue Welle von  Deregulierung, Staatsabbau und Liberalisierung der Kapitalmärkte. Der Kongress warnte deshalb vor der Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise: „it can happen again“. Doch niemand wollte das hören, auch beim Crash 1987 nicht, im Gegenteil wurden seither fast alle Lehrstühle in Wirtschaftsgeschichte aufgehoben und das Bundesamt für Konjunkturfragen auch gleich aufgelöst. Die Zeit gehörte den neuen Finanzjongleuren, in der Schweiz den Werner K. Reys, Ebners, Blochers. Nach der Finanzkrise 2008 meinte ein gewisser Nationalrat Schneider-Amman: „Egoismus und Geldgier führen in die Katastrophe. Jetzt sind wir da“, und CVP-Nationalrat Edgar Oehler: „Die Realwirtschaft ist in Geiselhaft der Finanzwirtschaft und ihrer Habgier geraten“. Zwar hat der Bund damals 60 Milliarden zur Rettung der UBS aufgewendet, aber weiter nichts unternommen, um die Realwirtschaft aus der Geiselhaft zu befreien. Bei den Aktienkursen ging es weiter aufwärts, bei Steuern, sozialer Sicherheit und Gesundheitswesen sowie Staatsausgaben abwärts. Vor drei Jahren schrieben selbst Ökonomen des Internationalen Währungsfonds, die Kürzung von Sozialausgaben und die freien Kapitalmärkte seien nicht die Heilsbringer für Wachstum. Anfang 2020 hat dann auch Kristalina Georgieva, die neue Chefin des IWF, eindringlich für ein Umdenken plädiert.

Sorglosigkeit

Am 15. Januar 2020 führten wir im Polit-Forum Bern eine Veranstaltung mit der Nationalbank zu den Negativzinsen durch, den „fünfjährigen Ausnahmezustand“, wie die NZZ das nannte. Doch niemand interessierte sich für diese Zusammenhänge. Auch zwei der übrig gebliebenen Konjunkturbeobachter des Bundes gaben sich beim Apero unbesorgt. Als ich daraufhin beschloss eine Veranstaltung zu Börsensturz und Wirtschaftskrise zu planen, scheiterte ich schon mit der ersten Anfrage bei einem Moderator: Ob ich nicht etwas übertreibe?

Die Geldpolitik hatte in den letzten Jahrzehnten vieles ausgebügelt – zuletzt die Probleme aber auch verschärft. Die ungebremst steigenden Aktienkurse hatten den Blick auf die vielen prekären Arbeitsverhältnisse, die schwindenden Möglichkeiten öffentlicher Einrichtungen und die Verletzlichkeit des Wirtschaftssystems vernebelt. Schliesslich wurde das sogar der NZZ nicht mehr geheuer und sie beschrieb am 17. Februar 2020 eine noch nie gesehene, völlig verrückte Marktsituation. Aber noch am 10. März führten die meisten Wirtschaftsbeobachter den Absturz der Börsen auf den Preiskrieg ums Erdöl zurück.

Weichen werden gestellt

Nun, wo die Geldpolitik kaum mehr helfen kann, sind die 42 Milliarden Franken, welche der Bund bereitstellen will, absolut zentral zur Sicherung der Löhne und der Unternehmen in der nächsten Zeit. Doch was kommt danach? Jetzt werden die Weichen gestellt, und die Gefahr besteht, dass Bund und Politik einfach mehr von den  Rezepten der letzten Jahre anwenden. Die Schuldenbremse wird nicht aufgehoben: Der Bund wird seine Milliarden wieder einsparen wollen, womit ein weiterer Sozialabbau droht. Die Banken vergeben rückzahlungspflichtige Kredite mit Zinsen. Die Kapitalmärkte sind frei, während die Grenzen für Menschen zu sind, welche Rolle werden sie spielen? Und weil die Krise sowohl auf der Angebots- wie der Nachfrageseite stattfindet, wird mit der Sicherung der Löhne und Unternehmen allein die Nachfrage nicht zurückkommen. Was es mittelfristig braucht und eigentlich in der Schublade sein sollte, ist ein Programm zum Umbau der Wirtschaft. Was es vorher schon gebraucht hätte: Die Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems. Solche Ansätze müssen nun dringender und umfassender als bei der Finanzkrise von der Gesellschaft in die Politik getragen und eingefordert werden.

Was mir in diesen Tagen zuhause neben dem Sammeln von Notizen auch hilft, ist Blumen giessen. Mein Nachbar ennet dem Gartenhag, der aus der Finanzbranche kommt, kennt meine Sorgen nicht. Er geht davon aus, dass Bund und Nationalbank die Sache schon richten werden und Anfang Juni alles überstanden ist. Ich weiss nicht, ob mich das wirklich beruhigt,

22.03.2020 | 08:00

Liebe u65-Generationen
Liebe Kinder, Jugendliche, Auszubildende, Arbeitende und unverschuldet Arbeitslose,
Behördenmitglieder und Verantwortliche

 

wenn ich bereits in der Anrede und auch im folgenden Brief auf die gewohnte und angebrachte Höflichkeitsform verzichte und mich statt dessen in «vertraulichem» Ton an Euch wende, nehmt es nicht als mangelnden Anstand, sondern als Zeichen des aufrichtigen Beeindruckt- und Berührt-Seins und einer zutiefst verspürten Verbundenheit.

Es geht um das, was in öffentlichen Verlautbarungen dieser Tage, in Communiqués und Kommentaren, soweit ich sie hörend oder lesend vernehme, schlicht fehlt, vergessen oder zumindest verschwiegen wird und dabei dringend auszusprechen wäre – dies wenigstens geböte auch nur bescheidenster Anstand.

Was Ihr als Pflegende, Dienst Leistende, Lernende und Lehrende, Ordnende, Beschützende, Verwaltende und Gestaltende zur Zeit in Kauf nehmt, aus eigener Einsicht oder infolge behördlicher Anordnung, was Ihr leistet über das übliche, vielleicht auch das zumutbare Mass hinaus,  worauf Ihr verzichtet, schweren Herzens zumindest und vielleicht trotz existentieller Sorgen und Ungewissheit, doch jedenfalls ohne Murren, ist beispielhaft und wenigstens so weit unsere Erinnerung reicht ohne Beispiel, erheischt den tiefsten Respekt und den unermesslichen Dank von uns, den Grosseltern, Rentnerinnen, AHV-Bezügern – den zur aktiven Hilflosigkeit Angehaltenen, den Verletzlichen und Schutzbedürftigen einer jetzt unerbittlich auf die Probe gestellten Gesellschaft. 

Selbstverständlich ist dies alles in keiner Weise, denn Ihr könntet der heimtückischen Pandemie ja auch wesentlich gelassener begegnen – die vom neuen Virus hervorgerufenen Beschwerden scheinen für Euch, die jüngeren Generationen, wenigstens für die Gesunden unter Euch, kaum bedenklicher zu sein als die altbekannte und fast vertraute saisonale Grippe. Ihr tut es also für uns, die unterdessen «nutzlos» Gewordenen, die fast schon notorisch angemahnten Überzähligen, die mittlerweile auch «auf Eure Kosten» den Ruhestand geniessen und dazu noch eine ziemlich beschädigte (Um-)Welt hinterlassen – für uns, die jetzt höchstens noch durch Stillehalten helfen können, die Krise zu bestehen.

Wer oder was gäbe uns das Recht, so viel Anteilnahme von Euch zu erwarten, Euch in diesem Ausmass zu beanspruchen? Wie können wir es Euch danken? Was geben wir Euch zurück?

Ich verneige mich in grösstem Respekt vor Euch, vor Euren immensen Anstrengungen, diese Herausforderung zum Wohl aller lebenden – und gerne noch etwas weiter lebenden – Generationen zu meistern. Ich will versuchen, später daran zu denken, mich noch mehr als bisher für Eure Anliegen und Bedürfnisse einzusetzen, sei es im Alltag, in besonderen Situationen, Diskussionen ... oder auch politischen Abstimmungen. Ich hoffe und gehe davon aus, nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern im Sinne Vieler, der meisten von uns älteren Menschen, so zu denken, zu schreiben, zu sprechen – und dann, wenn es einmal ausgestanden sein wird, auch zu handeln. 

 

Ihr seid wunderbar, grossartig – schaut gut zu Euch und tragt Euch Sorge!
Ich wünsche Euch und Euren Anstrengungen Kraft, Energie und Kreativität!
Wir – die meisten von uns – werden es überstehen durch Eure Solidarität: Ich danke Euch!

 

Christoph Marti
(pensionierter Musiklehrer)


Bitte verteilt diesen Text nach Belieben an alle, die er betrifft: an Jüngere, die direkt angesprochen sind, als bescheidene und vielleicht unbeholfene Unterstützung ... und an Ältere mit der Einladung, ihn ohne Einschränkung weiter zu geben, auch ergänzt mit eigenen Worten und Gedanken.

21.03.2020 | 13:32
Ein Zeichen der Solidarität: Die chinesische Metropole Shenzhen schenkt der Schweiz 70'000 Atemschutzmasken. (photo: )

Die Stadt Shenzhen schenkt der Schweiz 70'000 Schutzmasken, davon explizit 15'000 dem Kanton Bern. Shenzhen zeigt sich solidarisch mit seiner Partnerregion.

Atemschutzmasken sind in der Schweiz ausgesprochen Mangelware. Am Dienstag berichtete der «Tages-Anzeiger», dass der Bund «nur noch gerade 300'000 qualitativ höherwertige Schutzmasken» zur Verfügung habe. Das reicht nirgendwo hin, nicht mal für die Spitäler und die Spitex.

Der akute Mangel erweist sich auch für viele Angestellten im Dienstleistungs- und Produktionssektor als grosses Problem. Zudem haben Zivilpersonen Angst davor, keine Atemschutzmasken erwerben zu können, oder sie kaufen sie zu Wucherpreisen ein. Einerseits ist die Einfuhr von Schutzmaterial aus den EU-Ländern bis anhin immer wieder blockiert gewesen und wird möglicherweise trotz neuer Bestimmungen weiterhin nicht unproblematisch bleiben. Anderseits besteht offenbar derzeit keine Möglichkeit, in der Schweiz entsprechende Atemschutzmasken zu produzieren.

Die geschenkten Masken werden den Bedarf nicht decken können. Aber es zeichnet sich eine Lösung ab: Die Firma Autefa Solutions in Frauenfeld hat angeboten, innerhalb von drei Wochen eine vollautomatische Maschine zu liefern, die täglich 40'000 Schutzmasken produzieren kann. Diese Maschine würde von ihrem Mutterhaus, der China Hi-Tech Group Corporation Sinomach, hergestellt und geliefert. Dies würde wohl den schweizerischen Bedarf vollständig abdecken.

Vor 4 Monaten reiste ich mit einer Delegation der Standortförderung des Kantons Bern nach Shenzhen. Zwischen Shenzhen und dem Kanton Bern besteht seit 5 Jahren eine Partnerschaft. Chinesen sind in ihrer Geschäftspraxis extrem beziehungsorientiert. Vertrauen und Loyalität sind wichtiger als kurzfristiger Profit. Wir realisierten während dieses Besuchs einen kurzen Film über mögliche Konkretisierungen von wirtschaftlichen Kooperationen im Bereich der Digitalisierung. Heute stellt sich heraus, dass diese Partnerschaft auch in ganz unerwarteten Bereichen hilfreich ist.

20.03.2020 | 12:28
Der rasiermesserscharfe NATO-Draht ist das Symbolbild der abgeschotteten und unsolidarischen Gesellschaft. (photo: )

Solidarität ist das Wort der Stunde: Solidarität mit den Alten, den Gefährdeten, den Kranken. Und ich bin einverstanden. Solidarität ist das, was es jetzt braucht, damit diese Krise nicht im GAU endet, aber auch das, was es schon immer gebaucht hat, zu jeder Zeit, überall. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir etwas immer erst dann lernen, wenn wir es am eigenen Leib erfahren. Nur zur Erinnerung: Seit 2011 tobt in Syrien ein unerbittlicher Krieg, der bereits über eine halbe Million Menschenleben gefordert hat. Im Jemen dauert der Krieg seit über 5 Jahren an. Im Mittelmeer ertrinken seit Jahren Menschen zu tausenden, weil wir sie nicht nach Europa lassen. Nicht erst seit Corona gibt es humanitäre Katastrophen, denen die starken Bande der Solidarität entgegengehalten werden müssten.

Es ist nicht die Zeit, jemandem Heuchelei vorzuwerfen, aber es geht mir nicht in den Kopf, dass immer noch Kriegsmaterial exportiert wird - die Werke der RUAG zum Beispiel spucken auch während der Corona-Krise noch Tötungsmaschinen wie den Cobra Mörser aus – Menschen aber gleichzeitig zornfaltig die Aare entlangspazieren und die Faust ballen, wenn sie eine Gruppe Jugendlicher beim Bräteln überraschen. Solche Dissonanzen sind schizophren.

Aber was bringt schon dieser Whataboutism? Was bringt es schon, von Kriegsgerät zu reden, wenn die Bedrohung für einmal nur unter dem Elektronenmikroskop sein Gesicht zeigt? Ausserdem mag niemand die Sorte Mensch, die dann auftaucht, wenn – entschuldigen sie die Sprache – die Kacke am Dampfen ist und mit gehobenem Zeigefinge auf vergangene, vergessene oder zumindest verdrängte Verfehlungen hinweist. Was interessiert mich das Gestern, wenn schweizweit keine 200 Betten mehr auf den Intensivstationen frei sind?

Jetzt Solidarität zu fordern ist das einzig Richtige. Es ginge nicht an, die Last einzig auf wenigen Schultern zu verteilen, indem zum Beispiel, wie im Kanton Uri geschehen, eine Ausgangssperre nur für Menschen über 65 verhängt wird. Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteiltes Leid ist doppelte Effizienz. Bleibt nur zu hoffen, dass dieselben Menschen, die heute für sich und ihre Landsleute die Solidarität der ganzen Welt einfordern morgen bereit sein werden, diese Solidarität wieder zurückzugeben. Auch nach Corona wird es genug Menschen geben, die sie bitter nötig haben.