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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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30.04.2020 | 08:00
Mein liebster Spaziergang in Paris. Im Bild: «La dernière écluse», bevor es in den unterirdischen Tunnel geht, der sich bis zur Bastille erstreckt. (Foto: Michael Kaufmann)

Oben ist seit Wochen dieser blaue Himmel und mitten im April eine Sommersonne. Gesichtslose Zeit, Stillstand. Wenigstens grüsst man sich gegenseitig der Aare entlang spazierend, irgendwo in der Elfenau: Das sind neue Zeiten! Das Grüssen nimmt proportional zur Distanz zu, die man gegenüber den Entgegenkommenden einhält. Der nichtgrüssende Massenmensch weicht den freundlich-korrekten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die im Abstand von genau zwei Meter von uns vorbeiziehen. Ob diese gelassene Höflichkeit im ausgangsgesperrten Paris wohl auch der Fall ist?

Mein Pariser-Lieblingsspaziergang beginnt bei der Métrostation Jean-Jaurès und führt vorerst dem Quai de Valmy entlang. Am Uferweg des charmanten Canal St. Martin geht’s von Schleuse zu Schleuse. Die «écluses» sind Zeugen der französischen Ingenieurkunst des 18. Jahrhunderts, damals wurde ganz Frankreich mit weit verzweigten Wasserwegen überzogen und man konnte dank der Schleusentechnik ganze Berg- und Hügelzüge überwinden. Es war - vor der Eisenbahn - die bequemste und günstigste, wenn auch schön langsame, Mobilitätsform der grossen Warenströme. Rechterhand kann man bald ins charmante Village St. Martin (10. Arrondissement) mit seinen Boutiquen und Läden eintauchen. Irgendwann quert man auf die linke Seite des Kanals und trifft so im 11. Arrondissement bald auf die berühmten Strassenzüge ums Boulevard Voltaire, die Rue St. Maur oder die Rue du Chemin Vert, wo die ersten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 aufgebaut worden sind.

Von hier und vom Richtung Süden liegenden Faubourg St. Antoine aus starteten bereits die entscheidenden Demonstrationszüge der Revolution von 1789: Handwerker, Bauern und Kleingewerbler sowie viele berufstätige Frauen hatten sich hier ab Mai 1789 versammelt um den Sturm auf die Bastille vorzubereiten, das Waffen- und Pulverarsenal des verhassten königlichen Regimes.

An diesen Ort lenken sich nun auch die Schritte des Flaneurs, den verwinkelten Häuserreihen entlang, wo sich das Volk damals versammelte. Der Historiker und Schriftsteller Eric Vuillard hat das in seinem «Quatorze Juillet» aufgrund von originalen Polizeiprotokollen zusammengetragen.[1] Sein Blickwinkel auf die Ereignisse ist jener dieser ganz normalen Menschen. Diese wollen nicht Helden sein, sie haben weder Voltaire noch Rousseau gelesen. Sie sind arm, leiden Hunger, überleben irgendwie im Kollektiv der Masse. Sie nehmen nun ihr Schicksal in die eigenen, nackten, Hände - um mit Holzstangen, Prügeln und schwingenden Ketten Richtung der nahen Bastille zu ziehen. Diese königliche Festung verteidigt eine Einheit von Schweizer Gardisten, ein Regiment von damals rund tausend Männern. Darunter natürlich eine beachtliche Anzahl an Bernern. Die Patrizier als wohlgefällige Offiziere, die stämmigen Berner Untertanen aus dem Mittelland und dem Emmental sowie dem benachbarten Entlebuch als Fussvolk[2].

Dieses «Kanonenfutter des Königs» verdient einen Sold, der weit über das herausgeht, was man damals beim mühseligen Kartoffelgraben an steinigen Emmentaler Högern herausholen konnte. Und die Herren Offiziere als Vertreter des Ancien Regime in der Schweiz und besonders der nachbarschaftlichen «Grossmacht Bern», können hier ihre Beziehungen zu den Mächtigen Frankreichs pflegen - supplément gibt’s das Luxusleben in der eleganten Stadt Paris.

Man gab am 14. Juli 1789 die Bastille gegenüber dem nicht endend wollenden Ansturm des Volks auf - um sich vorerst in die nächste «Bastion», die Tuilerien, zurückzuziehen. Deshalb verläuft unser Spaziergang jetzt von der Bastille aus Richtung Südwesten an die Seine, wo vis-à-vis das «Institut du monde arabe» das Stadtbild prägt: Es ist der Bau von Jean Nouvel (1987) mit seinen orientalisch-futuristischen Fenstern, welche sich nach Sonne und Schatten richten. Die Architektur symbolisiert die humanistische Offenheit in Zeiten der Globalisierung, er droht heute aber (wie an einer Führung vor einigen Monaten überprüft) in den Zustand einer Betonruine zurückzufallen. Ist das das Ende der Aufbruchstimmung, Fanal einer bereits vergangenen Epoche?

Der Seine entlang geht’s auf der lauschigen Seine-Promenade dem Stadtzentrum zu und letztlich zu den Tuilerien, wo am 10. August 1792 die endgültige Absetzung des Bourbonen-Königs erzwungen wurde - unter dem Preis der Abschlachtung von gegen 800 unserer tapferen Schweizer Gardisten. Die Mächtigen der Schweiz und mit ihnen ihre glorreiche Garde waren diesmal auf der falschen Seite.

Ironie Nr. 1 des Schicksals, dass einer der dort anwesenden jungen französischen Revolutionsoffiziere, bei aller republikanischen Überzeugung angewidert vom Gemetzel an den Schweizer Kerlen, ein Mann namens Bonaparte, sechs Jahre später zur Schlacht am Berner Grauholz das Ancien Regime der grossen Berner Republik aus den Angeln hob - selbstverständlich unter Abtransport des berühmten Berner-Geldschatzes à 3.5 Tonnen reinem Gold. Das ökonomische Schmiermittel der gnädigen Herren zu Bern verschwand damit auf einen Schlag in Richtung des «Sehnsuchtsorts» Paris. Keine Banken, wie dies heute (vielleicht) der Fall wäre, konnten den Schaden beheben und die Pleite Berns abwenden.

Ironie Nr. 2, dass der vormalige Berner Offizier im Dienst des französischen Königs, Karl Ludwig von Erlach, diese Schlacht am Grauholz gegen die Franzosen anführte - um kurz darauf als vermeintlicher Verräter am Vaterland (an den alten Pfünden?) vom Mob der Berner Landbevölkerung erschlagen zu werden.

Und Ironie Nr. 3: Der bisher republikanisch-revolutionäre Bonaparte liess sich bald darauf zum Empereur Napoleon I. krönen  - «libérté, égalité, fratérnité» und demokratischen Freiheitsgeist weit hinter sich lassend.

So endet der Spaziergang im staubigen Kies der winterlichen Tuilerien-Gärten[3]. Ich denke mit Blick auf einige hier herumbettelnde Obdachlose an den Fünftel der französischen Bevölkerung, der nun unter das Existenzminimum zu rutschen droht. Tendenz steigend: Wir stehen Mitte 2020 was die Vermögensverteilung innerhalb der Gesellschaft anbelangt in etwa dort, wo wir 1789 stehen geblieben sind.[4]

Heute, als ohnehin privilegierter Schweizer gemächlich auf einer Bank nahe der Augut-Brücke sitzend und auf die munter tanzenden Wasserwirbel der Aare schauend, taucht das Bild des Schiffs (auf der Seine?) in Arthur Rimbauds «Mouvement»[5] auf. Auf dem Kahn befindet sich eine muntere Runde der besseren Gesellschaft. Sie ist den weltweiten Entdeckungen, den Naturwissenschaften und dem Kapital zugetan. Sie lobt den Fortschritt der Menschheit und liebt Sport und Komfort. Ein Liebespaar auf dem Schiff steht abseits. Es schaut tatenlos zu, macht sich seine Gedanken - und singt.

Symbolisiert der Strom des Wassers das unendliche, alle Epochen der Menschheit überwindende, «mouvement»? Oder könnten das Innehalten und die kritischen Fragen des jungen Liebespaars den Gang der Dinge bewegen? Ist das für uns Lesenden ein Hinweis darauf, was auch ganz aktuell eine andere Zukunft sein könnte?

 

(Hauptstadt Bern, Ende April 2020)

 

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Song zum Text: «Mouvement» aus «Images» von Claude Debussy. Es könnte inspiriert sein von Arthur Rimbauds «Mouvement». Komponiert ca. 1905, kündigt diese vorwärtstreibende Musik jedenfalls die Moderne und den Umbruch an. Es spielt Artur Benedetti Michelangeli.

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er versucht, mit ungewollten Unterbrüchen, im 19. Arrondissement von Paris zu wohnen. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.



[1] Eric Vuillard, «Le 14 juillet», Actes Sud, 2016; 2019 auch in Deutsch bei Matthes und Seitz, Berlin. Vuillard erhielt 2017 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, für seine grossartige Erzählung «Orde du jour».

[2] Die Garde (ab ca. 1590 im Rahmen von Militärabkommen Frankreichs mit der Eidgenossenschaft bereits vorhanden) war ein Gemisch von Schweizer Abenteurern und Haudegen, die Offiziere teilweise auch weltanschaulicher Überzeugung: die (damals französisch sprechenden) Berner Adeligen eher in der Grossmachtsideologie von Bern und dem zentralistischen Frankreich verhaftet, die Luzerner und Innerschweizer als senkrechte Katholiken zur royalistischen Verteidigung der alten Welt gegen den Schwung der damaligen Reformation. Die «löwenhafte» (wenn auch zu Beginn zum Scheitern verurteilte) Verteidigung des Königs (der sich im übrigen schon lange von den Tuilerien weg aus dem Staub gemacht hatte) vom 10. August 1792 führte einige Zentralschweizer Patrioten im 19. Jahrhundert dazu, das Luzerner Löwendenkmal zu errichten. Aus heutiger Sicht ein typischer Beitrag zur «Erfindung von Tradition» in der Suche nach der heldenhaften Identität der jungen Schweiz.

[3] Der «alternative Spaziergang» wäre jener ins Musée de la Garde Suisse im Pariser Vorort Rueil-Malmaison gewesen. Auf diesen habe ich bisher grosszügig verzichtet. https://www.rueil-tourisme.com/fr/decouvrir-rueil-malmaison/musees/musée-des-gardes-suisses

[4] Der französische Ökonom Thomas Piketty hat dies erstmals 2013 in seinem Buch «Das Kapital am 21. Jahrhundert» (Seuil) aufgezeigt - und in seinem neusten Werk « Kapital und Ideologie» (Seuil, 2019) untermauert.

[5] Arthur Rimbaud, 1854-1891, das Gedicht «Mouvement» entstammt dem Zyklus «Illuminations». Das junge Liebespaar schaut dem Gang der Gesellschaft zu und singt. Die Frage (in die Zukunft gerichtet): «Est-ce ancienne sauvagerie qu'on pardonne ?» {Kann man der alten Barbarei verzeihen?}