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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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09.04.2020 | 08:00
Die Rue Erik Satie in 19e: Knappe 200 Meter für den Exzentriker und auf der anderen Strassenseite nichts als die Polizeiwache. (Foto: Michael Kaufmann)

Es war einer der letzten Abende vor der Ausgangssperre: «Manon» die grosse Oper von Jules Massenet in der Opéra Bastille war bereits abgesagt. Nicht aber, 10 Minuten zu Fuss von mir, im Kleintheater «Darius Milhaud» der Misanthrope von Molière. Das passte grad!

Das Kleintheater am nördlichen Ende des 19. Arrondissements befindet sich mitten in hingepfuschten Bauten der 1960-1980erjahre, ein Abbruchobjekt als kulturelle Oase mitten im Beton. Das Theater hat zwei kleine Säle. Im kleineren, mit maximal 30 Plätzen (ausverkauft an diesem Samstagabend) berührt man auf Bänke gepfercht mit den Knien die Vorderleute, in der ersten Reihe ist man eng am Bühnenrand wo sich manchmal auftretende Schauspielende durchzwängen. Die Ausgangstüre des kleinen Bühnenzimmers in dem der Menschenfeind haust und auf einer alten Schreibmaschine herumklappert, öffnet sich gleich auf die Strasse, wo Kinder im Neonlicht Fussball spielen.

Der mürrische Menschenfeind auf der Bühne hasst alle Menschen. Die bösartigen sowieso, aber auch die guten, welche sich ohnehin nur bemühen, dem Falschen und den Mächtigen nachzurennen. Und die Liebe? Naja, seinen Herzenswunsch will der schief gelagerte Moralist der Geliebten schon gar nicht preisgeben - um stattdessen zum Schluss in eine ferne Landschaft (sprich die trist-dunkle Quartierstrasse draussen) zu entschwinden. Ein köstlicher Theaterabend, eine Komödie voller Esprit und Aktualität. Das Lachen bleibt einem dabei oft im Hals stecken und spätestens wenn die geliebte Célimène auf der Bühne (in zwei Metern Distanz höchstens) dann noch kräftig hustet und niest, ist man wieder ganz in der Echtzeit angekommen.

Das schäbige «Darius Milhaud» war schon da, als wenige hundert Meter weiter westlich, auf der anderen Seite der Avenue Mitte der 1980er Jahre der Villette-Park eingeweiht worden ist. Dieses frühere Viehmarkt- und Schlachthausgelände ist heute ein Kultur- und Ausstellungshotspot von Paris. Hier steht - neben der Grossen Markthalle (wo 1981 die Rolling Stones auftraten) sowie weiteren Theater- und Kulturspielorten, Restaurants, Ausstellungshallen -  die französische Musikhochschule Nr.1 («national supérieur»!), die Cité de La Musique, welche Werkstätten sowie Konzertsäle umfasst. Diese ist auch die Heimat des zeitgenössischen «Ensemble Intercontemporain», eine Gründung des grossen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. Und nicht zuletzt steht hier seit vier Jahren, vom Stararchitekten Jean Nouvel geformt, der kühle Edelstein der Philharmonie de Paris.  Das ist der grosse Konzertort der Edel-Klassik der «Grande Nation» überhaupt.

Doch zurück ins «Normalquartier»: Ausgehend vom kleinen Theater, nach dem Komponisten Darius Milhaud genannt, sind in unmittelbarer Nähe viele Musiker-Strassen zu entdecken. Milhaud machte in den 1920 und 30er-Jahren Furore mit seiner modernen Lockerheit, der absurden Opernrevue «Le boeuf sur le toit» und seinen Anlehnungen an Populär- und Tanzmusik aus Südamerika und dem amerikanischen Jazz.

Ein genauerer Spaziergang lässt entdecken, dass hier, sozusagen auf der Schattenseite der grossen Pariser Kultur fast unbemerkt, eine deutlich überdurchschnittliche Anzahl Strassen, Alleen und Gebäude nach Musikern und Chansonniers des 20. Jahrhunderts benannt ist. Misst sich die Kulturaffinität einer Stadt an ihren Strassennamen? Oder ist es Tatsache, dass frühere Generäle, Aristokraten, Könige und Politiker (durchwegs Männer!) in allen Städten des alten Europa bei den Strassennamen vorherrschen? Das ist wenigstens in Paris der allgemeine Fall, aber auch in der Hauptstadt Bern, wo man vergeblich nach Namen aus Kunst und Musik sucht - die Hodler-, Böcklin-, Giacometti- oder Amietstrassen sind die grossen Ausnahmen während der mickrige Mani-Matter-Stutz am Rathaus ein zaudrig-peinliches Zugeständnis ans wichtigste einheimische Liedschaffen des 20. Jahrhunderts ist.

Die Spaziergänge im 19. Arrondissement von Paris ergeben jedenfalls Erfreuliches: Wir haben hier eine einzigartige Dichte von Strassenbenennungen nach Komponisten des 20. Jahrhunderts: Die «Groupe des Six» mit Francis Poulenc, Georges Auric, Darius Milhaud - aber natürlich nicht mit der einzigen Frau, Germaine Taillefer - ist bestens vertreten[1]. Nahe am Bassin drüben finden wir mitten in proletarischen Mietskasernen die Strasse des verrückten Edgar Varèse, dessen Grossstadtmusik hier am Rande der Industriebrache bestens passen würde. Drüben auf der anderen Seite haben wir die Alleen von Jacques Brel, Simone Signoret und Ives Montand und es gibt hier ein Gymnasium namens «Georges Brassens»: Die grossen Chansonniers und Filmleute sind also auch hier im «quartier populaire» vertreten. Nicht zuletzt finden wir noch gut versteckt die höchstens 200 Meter lange «Rue Erik Satie». Diese besteht aus einem langgezogenen anonymen Neubau - auf der anderen Strassenseite befindet sich der stark frequentierte Polizeiposten des Quartiers. Ob die Menschen, die hier ein- und ausgehen den exzentrischen Pianisten und Musikschreiber Erik Satie wohl kennen? Einen, der zu Lebzeiten von den Grossen der 1910er-Jahre belacht worden ist und der sein karges Leben als Pianist in einem drittrangigen Cabaret zu bestreiten hatte[2]. Doch auch Satie passt letztlich genau in dieses Quartier: Es sind nicht die grossen Namen, aber zumindest hat ihnen irgendein mutiges Kulturkomitee bei der Vergabe der Strassennamen gedacht. [3]

Nicht zu vergessen sind hier im Norden der Stadt die unzähligen kleinen Theater, Kinos, Galerien, Konzert- und Cabaretlokale, teilweise auf den im Kanal verankerten Péniches. Sie zeugen davon, dass hier eine lebendige und junge Kulturszene zu Hause ist und dass die Grenze zwischen professioneller «Hochkultur» und der Kreativität der «normalen» Menschen fliessend ist. Das zum Beispiel auch im alternativen Kulturzentrum «104» drüben im Quartierteil «Flandres»: Im früheren Fabrikgebäude nahe der Bahngeleise treffen sich in Normalzeiten in Ateliers und den grossen Hallen all jene, die Kunst selber machen und die an Tanz, Elektronik, Songs und Multimediakunst tüfteln.[4]

Jetzt, im explodierenden Frühling, warten alle sehnsuchtsvoll auf die Wiedereröffnungen. Schöne Strassennamen allein machen noch keine Kunst und auch das Votum des tragisch-komischen Menschenfeinds des Molière, «Am liebsten möcht’ ich in die letzte Wüste geh’n, Um keinen Menschen mehr zu seh’n» ist nicht die Sache der Leute hier. Schon gar nicht während der Ausgangssperre. So viel kulturelle Ungeduld gibt Hoffnung.

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Song zum Text: «Brasileira» für zwei Klaviere von Darius Milhaud, mit Martha Argerich und Nelson Freire.

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 Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.
Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.



[1] Der Schweizer Arthur Honegger (der auch zur Gruppe gehörte) hatte natürlich ohnehin keine Chance.

[2] Die meisten kennen von Satie die «Gymnopédies» und kaum die vielen Dutzenden von köstlichen Klavierstücken zu zwei und vier Händen, oder die seltsamen Lieder für Gesang und Klavier. Sehr schöne Zusammenstellung auf 2 CDs sind die Satie Einspielungen durch den Pianisten Alexandre Tharaud, Harmonia Mundi, 2009.

[3] Ganz anders sieht es aus, wenn man die Strassennamen des übrigen Paris ansieht: Wenn auch die grossen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts (Hugo, Dumas, Balzac, Zola, etc.)  immerhin eine Strasse oder gar Métrostation haben, sieht es bei den Musikern und beim 20. Jahrhundert allgemein schlecht aus: Nicht einmal der grosse Hector Berlioz ist in der Kernstadt vorhanden, Claude Debussy hat es grad zu einer Avenue im Vorort Clichy geschafft. Das musikalisch-literarische Multigenie Boris Vian (der dieses Jahr 100 Jahr alt wäre) hat einen kleine, düsteren Treppenweg mitten in der nordafrikanischen «Goutte D’Or» des 9. Arrondissements und für die Schwestern Nadja und Lili Boulanger, beide hervorragende Komponistinnen des 20. Jahrhunderts gibt’s grad noch eine an ihrem Wohnhaus angebrachte Gedenktafel im westlichen 9e.

[4] Le 104, siehe Webpage www.104.fr