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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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12.03.2020 | 12:00
Wahlplakate der Rechts-Liberalen gegen die Stadtpräsidentin Anne Hidalgo. Im aufmüpfigen 19. Arrondissement finden diese keine Beachtung. (Foto: Michael Kaufmann)

Eines ist sicher: Eine Frau wird Mitte März Stadtpräsidentin von Paris. In der 2.5-Millionenstadt werden in erster Linie die 20 Quartierbürgermeister (Maire) und Quartierparlamente vom Volk gewählt. Die neue Zusammensetzung der Quartiermehrheiten bestimmt darauf die Maire de Paris. Die Pariser Arrondissements sind also genauso wie in ganz Frankreich politische Gemeinden. «Mein» 19. Arrondissement ist mit über 180'000 Einwohnern das bevölkerungsreichste der ganzen Stadt. Der Maire hier ist ein Sozialist - und im linken Norden gut im Sattel.

Momentan touren vor allem drei Spitzenkandidatinnen fürs Präsidium zusammen mit den Quartierkandidierenden durch die Arrondissements. Sie wollen die letzten Wählerinnen und Wähler überzeugen: Die amtierende Maire und Sozialistin Anne Hidalgo ist dabei gezielt in den bürgerlichen Stammlanden unterwegs, während es Ihre republikanische Herausfordererin Rachida Dati umgekehrt auf die Arbeiterquartiere («Quartiers populaires») der rechten Seine-Seite abgesehen hat. Die Macronistin Agnès Buzyn hingegen ist erst seit drei Wochen Kandidatin der République en Marche (LRM). Sie versucht das Feld von hinten aufzurollen. Sie hat nach dem unrühmlichen Abgang des LRM-Mairekandidaten, Benjamin Griveaux[1] Mitte Februar den Posten als Gesundheitsministerin der Regierung Macron verlassen, um jetzt ohne Sicherungsnetz auf den Strassen von Paris einen ungewissen Balanceakt hinzulegen.

Im Vergleich zu Bern hätte im Paris des 21. Jahrhunderts ein Mann, und erst recht nicht einer aus dem Umfeld der Aristokratie, keinen Hauch einer Chance. Im Gegenteil herrscht in der aufmüpfigen Hauptstadt des französischen Zentralstaats spätestens seit der Revolution von 1789 ein gesundes Misstrauen gegenüber Regierenden und Oberschichten. Damals waren es die Könige mit Sitz in Versailles, heute residiert der Staatspräsident im Elyséepalast im Stadtzentrum. Alles, was nach Noblesse, Grossgrundbesitz, Autorität und Zentraladministration riecht, hat in Paris einen schweren Stand. Mehr noch: Ein echter Parisien oder eine echte Parisienne kommt aus dem Schmelztiegel von Einwanderung, Migration, Multikultur, politischer Unabhängigkeit und Freiheitsliebe. Es ist also kein Zufall, dass Anne Hidalgos Familie auf der Flucht vor dem Francoregime Spaniens einwanderte, Rachida Dati nordafrikanische Eltern hat und Agnès Buzyn aus einer polnischen Familie stammt, die von den Nazis deportiert worden war. Sie gelten mit ihren Wurzeln genauso - oder gerade erst recht! -  als Pariserinnen, und dominieren die Handvoll an Männerkandidaten des ganz linken, grünen und rechten Lagers. Über diese Männer spricht kaum einer.

Kopf an Kopf: Linksgrün gegen Liberale

Gemäss den letzten Umfragen vor wenigen Tagen[2] liegt Anne Hidalgo vorne, dicht gefolgt von Rachida Dati. Hidalgo verkörpert das links-ökologische Spektrum und kann nach 5 Jahren im Amt einiges vorweisen: Mehr Velowege, rechtliche Massnahmen gegen exorbitante Wohnungspreise, neue Grünzonen, Kehrichttrennung, Unterstützung von Quartier- und Sozialprojekten. Im Wahlkampf und mit 12-seitigem Wahlprospekt verspricht sie ganz Konkretes: Mehr Langsamverkehr durch Umwandlung von Strassenraum, soziale Wohnbauförderung, mehr erneuerbare Energie, Biofood in den Schulen, 4000 neue Kinderkrippenplätze, etc. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele von Hidalgo enttäuscht sind und ihr Ankündigungspolitik vorwerfen. Denn die reale Lage der Stadt sieht in Zeiten der sozialen Unruhe nicht überall rosig aus. Das Verkehrschaos ist gigantisch, die Obdachlosigkeit nimmt zu, die Abfallbehörden sind überfordert und allein im letzten Jahr haben die durchschnittlichen Miet- und Wohnungskosten wiederum um rund 10% zugenommen[3].
Die frühere Sarkozy-Ministerin Rachida Dati andererseits gibt sich als liberale Alternative, verspricht den kleinen und mittleren Betrieben den Aufschwung durch Steuerpolitik und setzt auf (polizeiliche) Sicherheit. Die dynamisch-aufgeschlossene Juristin ist der ideologische Gegenpol zur pragmatischen Bisherigen - was ihr aber aus den Männerbastionen der Rechten auch Feindschaften einbringt. Und wenn sie oben im multikulturellen 18. Arrondissement mit Pomp einen Thaibox-Match besucht, mag das zwar die Sportwelt begeistern, nicht jedoch meine Nachbarn, die darüber nur lachen und Madame Dati am liebsten in die noblen Quartiere des Westens zurückschicken würden: «C’est quoi son problème?».

Die Ärztin Agnès Buzyn hingegen kämpft als Grünliberale vor allem gegen das generelle Formtief der Macronisten an: Angesichts der Gelbwesten, der blockierten Rentenreform und der Querelen innerhalb der LRM wirkt ihre trotzige Aussage, sie habe auch angesichts dieses schwierigen Wahlgangs nie Angst im Leben, nicht als Wahlslogan, sondern eher als Ankündigung eines politischen Absturzes.

Frauen auf die Barrikade!

Wie auch in Bern werden in Paris damit im Jahre 2020 wohl die beiden klassischen politischen Pole das Stadtpräsidium unter sich ausmachen: Es ist Rot-Grün gegen Rechtsliberal. Wie das immer auch im komplexen Wahlprozedere herauskommt, bestimmend bleibt der Schlusssatz von Eric Hazan in seiner gross angelegten Stadtentwicklungs-, Politik- und Kulturgeschichte «Die Erfindung von Paris» [4]. Paris werde seine «Sprengkraft» (force de rupture) niemals verlieren, meint Hazan vieldeutig und das nicht nur mit Blick auf die kommende Stadterweiterung, des «Grand Paris» mit seinen gigantischen neuen Métrolinien. Gerade so viel Sprengkraft haben im heutigen Paris die sozialen Spannungen, die Umweltschäden, die gestörte Lebensqualität und Bürgersicherheit, die Krise im Schulwesen und die rasende Gentrifizierung der Quartiere. Die Gewählte von Paris wird als Maire der nächsten Legislaturperiode sehr viel anzupacken haben. Wenn hier eine Frau nicht für einen lebenswerten Alltag der Stadt und gegen den Ausverkauf des Wohnraums auf die Barrikaden steigt, wird auch sie im Mahlstrom der Geschichte von Paris rasch untergehen.

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Song zum Text - und zur Beruhigung der politischen Gemüter: «Les Barricades Mistérieuses» von François Couperin aus dem Paris von 1717. Interpret: Jean Rondeau.

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen sechs Beiträgen in 6 Monaten.



[1] Der Karrierepolitiker aus dem Umfeld von Staatspräsident Macron hat am 14.2.2020 wegen auf dem Netz veröffentlichten Sexvideos an eine Gespielin seine Kandidatur zurückgezogen.

[2] Umfrage IPSOS-SOPRA von Anfang März: Hidalgo erreicht 25% der Stimmen, Dati 24%, Buzyn 19%

[3] Dies jetzt zunehmend auch in den nördlichen Quartieren, wo eine Durchschnittswohnung von 60 m2 mittlerweile auch über 500'000 Euro kostet und der monatliche Mietzins für dieselbe Wohnungsgrösse über 1500 Franken klettert. Dies bei Durchschnittslöhnen von etwa 60% eines Schweizer Einkommens (Bericht le Monde, 22.2.2020).

[4] Eric Hazan, Die Erfindung von Paris (Ammann Verlag 2004), erschienen 2002 bei Seuil als «L’ invention de Paris - Il n’y a pas de pas perdus». Zu empfehlen ist die 2012 bei Seuil erschienene Ausgabe mit Bildmaterial.