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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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25.03.2020 | 17:40
Für die Zeiten nach der Ausgangssperre erhält das Velo eine noch wichtigere Bedeutung (Am Bassin de la Villette, Sonntag, 15. März 2020. Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Jetzt kurven die Polizeikontrollen auf Velos durchs Quartier. So wirken die Flics sehr menschlich und es ist zu spüren, dass ihre Kontrolltätigkeit hier am Bassin de Villette im Norden von Paris eine Unterstützung ist. Das gibt den Einkaufenden und sportlich Tätigen Sicherheit und wird nicht als Akt von polizeilicher Gewalt empfunden. Abgesehen davon winken die Beamteten die Jogger meist locker durch. In dieser Montur und auf Turnschuhen muss man in diesen Tagen das besagte Formular[1] kaum mal auspacken. Die Blicke der Behördenmitglieder sind dann fest - aber kollegial-freundlich auf einen gerichtet. Guter Nebeneffekt: Vom Velo aus sind die geforderten Abstände zwischen Menschen automatisch gewährleistet.

Paris ist ehrgeizig und will die Velohauptstadt der Welt sein: Die Stadtregierung hat grosse Pläne, will mit 150 Millionen Euro bis 2024 das bereits vorhandene Velowegnetz verdoppeln, neue Velostationen bauen und neue «Velo-Expressstrassen» quer durch die Metropole legen. Ein Plan, der in doppelter Hinsicht entscheidend ist, und hoffentlich für die Zeiten nach dem «confinement» zügig in Umsetzung geht. Denn einerseits ist das Velo auch für die Zukunft das einfachste, billigste, sozialste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel der Grossstadt. Dies in geschickter Kombination mit dem öffentlichen Verkehr: Kein Zufall ist der städtische Fahrradverleih «velib’» - immerhin seit 2007 einer der ersten dieser Art in Europa - mit seinen mittlerweile rund 20'000 Velos und rund 1500 Velostationen direkt mit dem regionalen «Navigo»-Abo des ÖV kombinierbar. Heute verwenden rund 245'000 Abonnierende dieses Angebot und machen alltäglich Gebrauch der intelligenten Räder ab der praktischen Vélib-App.[2]

Zweitens ist die Stadt trotz der hehren Pläne heute noch weit entfernt vom Ziel, eine echte Velostadt zu sein: Dies etwa im Vergleich zu den holländischen und dänischen Velometropolen, aber auch zur Hauptstadt Bern, die seit Jahren ein echtes Veloparadies ist. Der locker-charmante Schlagerhit «A vélo dans Paris» von Joe Dassin aus dem Jahr 1972[3], würde ganz jedenfalls gut für fortschrittliche Städte wie Bern passen. Sicher aber nicht auf die normalerweise chaotischen Verkehrsverhältnisse in Paris. Hierzulande hält man sich zwar jetzt brav an präsidiale Notrechtsparolen und es gibt böse Blicke, wenn man beispielsweise beim Zeitungskiosk etwas zu nah ansteht. Präsident Macrons Kriegsparole vom 16. März läuft sozusagen im Hinterkopf mit.

Betont nachlässig ist hingegen der Umgang der Parisiens mit Verkehrsregeln und anderen obrigkeitlichen Vorgaben in «Friedenszeiten»: Zwar gibt es Velowege und Velospuren, aber an diese halten sich weder die Velofahrenden selbst, geschweige aber dann alle anderen. Hier wird parkiert, angehalten, ausgeladen, Töff gefahren. Von den vielen Trottinetts, die überhaupt keine Regeln einhalten, gar nicht erst zu reden, denn diese fliegen einem überall im Strassenraum um die Ohren. Zudem wechseln die Fahrradstreifen laufend die Fahrbahn, manchmal ist man auf der linken Strassenseite, manchmal auf der rechten und man muss höllisch aufpassen, wenn man die stark befahrenen Strasse quert.

In den Spitzenzeiten - siehe Dassins Chanson! -  kommt in Paris ohnehin der ganze Verkehr zum Erliegen. Bei allen schönen Veloparolen: Die freiheitsliebenden Franzosen fahren mit ihren PW überall hin und eine verkehrsfreie Innenstadt ist höchstens schöne Vision einiger rotgrüner Politikerinnen und Politiker. Die totale Verkehrsblockade als Dauerzustand ergab sich in den 6 Wochen Streik (Dezember 2019 - Mitte Januar 2020) in der Metropole jeweils ab 08.30 Uhr bis in die Nacht hinein, da damals der ganze öffentliche Verkehr lahmlag. Als Velofahrer kämpfte man sich in dieser Zeit im Schneckentempo ohne Regeln (Lichtsignale bitte ja nicht beachten!) kreuz und quer durch. Wenn man denn überhaupt als Vélib-Kunde[4]  noch zu einem Vehikel kam: In der Streikzeit nahmen die Velofahrten in Paris um 30 und mehr Prozent zu, der Kampf ums letzte Velo an den Parkierstationen war meist hoffnungslos, der Fahrradverleih wurde vom eigenen Erfolg machtlos überrannt.

Frankreich ist durchaus ein Veloland, aber bisher vor allem des leichtfüssigen Velosports: Die seit 117 Jahren jährliche «Tour de France» ist (oder war bisher) das Weltklasse-Velorennen Nummer eins. Millionen von (meist per PW angereisten) Franzosen harren jeweils im Juli irgendwo am Rand heisser Asphaltstrassen oder an steil exponierten Bergpasskurven tagelang aus, um ihre Idole in 30 Sekunden vorbrausen zu sehen.

Die Grande Nation weinte, als im Sommer 1989 der intellektuelle Laurent Fignon die Tour auf der letzten Etappe wegen 8 Sekunden Rückstand an den Amerikaner Greg LeMond verlor und im vergangenen November 2019 war hierzulande eine halbe Staatstrauer angesagt, als die Rennfahrerlegende Raymond Poulidor (der ewige Zweite) mit 83 Jahren verstarb. Den Mythos des von den Franzosen leidenschaftlich geliebten Radlerheldentums nahm dabei schon im Jahre 1903 (das Jahr der 1. offiziellen Tour!) der Schriftsteller und Theatermann Alfred Jarry aufs Korn, indem er die Passion Jesu als Velorennen um den Sieg über 14 giftige Kurven bis hinauf auf den Hügel Golgatha darstellte.[5] Eine auch aus aktuellem Anlass durchaus ernst zu nehmende Blasphemie, nicht nur gegenüber der katholischen Kirche, sondern genauso gegenüber der radrennfanatischen und gedankenlosen Masse.

Es muss jetzt also dringlich ums «andere» Velo gehen: Nach diesen Monaten der Streiks und der momentanen Gesundheitskrise erhält das Fahrrad eine noch aktuellere Bedeutung und wird hoffentlich auch in Paris endlich zu dem, was es seit 140 Jahren sein sollte: Das normale, wichtigste und einfachste individuelle Fortbewegungsmittel der urbanen Massengesellschaften im Alltag. Vielleicht wären noch unendlich viel mehr Fahrräder und eine radikale Verkehrs- und Strassenplanung eine kleine Antwort auf die grosse Frage, wie man sich in einer globalisierten Welt am besten fortbewegt. Wenigstens wenn es um kürzere Distanzen in den Metropolen geht. Und solche sind in Zukunft ohnehin eher angesagt.

 

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Song zum Text: Joe Dassin (1972, als die Welt noch fast in Ordnung war!), «La complainte de l'heure de pointe (A vélo dans Paris)»

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.
Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.





[1] Die genaue amtliche Bezeichnung der Selbstdeklaration lautet in der französischen Administrationspoesie «Attestation de déplacement dérogatoire». Das Individuum X erklärt sich damit für genau fünf mögliche Gründe als von der Ausgehsperre ausgenommen.

[2] Die App von velib’ liefert alle Infos, es wird jede Fahrt dokumentiert, inkl. Leistung und  CO2-Einsparung. Praktisch vor allem ist der integrierte Stadtplan mit allen Standorten der Stationen und der Menge dort verfügbarer Vehikel (wobei dabei nicht immer alle funktionsfähig sind)

[3] Der schöne Refrain des Chansons lautet zuversichtlich im Sinne der aufgeweckten 1970er: «Dans Paris à vélo on dépasse les autos / A vélo dans Paris on dépasse les taxis»

[4] Das Privatvelo des Autors wurde schon nach 14 Streiktagen aus dem «geschützten» Innenhof gestohlen. Für eine Klage beim Polizeiposten des Quartiers (ein Erlebnis an und für sich!) hätte man 4 h warten müssen. Die Polizei hatte schon damals Wichtigeres zu tun.

[5] Alfred Jarry, «La passion considérée comme course de côte», in: Le Canard Sauvage, April 1903

12.03.2020 | 12:00
Wahlplakate der Rechts-Liberalen gegen die Stadtpräsidentin Anne Hidalgo. Im aufmüpfigen 19. Arrondissement finden diese keine Beachtung. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Eines ist sicher: Eine Frau wird Mitte März Stadtpräsidentin von Paris. In der 2.5-Millionenstadt werden in erster Linie die 20 Quartierbürgermeister (Maire) und Quartierparlamente vom Volk gewählt. Die neue Zusammensetzung der Quartiermehrheiten bestimmt darauf die Maire de Paris. Die Pariser Arrondissements sind also genauso wie in ganz Frankreich politische Gemeinden. «Mein» 19. Arrondissement ist mit über 180'000 Einwohnern das bevölkerungsreichste der ganzen Stadt. Der Maire hier ist ein Sozialist - und im linken Norden gut im Sattel.

Momentan touren vor allem drei Spitzenkandidatinnen fürs Präsidium zusammen mit den Quartierkandidierenden durch die Arrondissements. Sie wollen die letzten Wählerinnen und Wähler überzeugen: Die amtierende Maire und Sozialistin Anne Hidalgo ist dabei gezielt in den bürgerlichen Stammlanden unterwegs, während es Ihre republikanische Herausfordererin Rachida Dati umgekehrt auf die Arbeiterquartiere («Quartiers populaires») der rechten Seine-Seite abgesehen hat. Die Macronistin Agnès Buzyn hingegen ist erst seit drei Wochen Kandidatin der République en Marche (LRM). Sie versucht das Feld von hinten aufzurollen. Sie hat nach dem unrühmlichen Abgang des LRM-Mairekandidaten, Benjamin Griveaux[1] Mitte Februar den Posten als Gesundheitsministerin der Regierung Macron verlassen, um jetzt ohne Sicherungsnetz auf den Strassen von Paris einen ungewissen Balanceakt hinzulegen.

Im Vergleich zu Bern hätte im Paris des 21. Jahrhunderts ein Mann, und erst recht nicht einer aus dem Umfeld der Aristokratie, keinen Hauch einer Chance. Im Gegenteil herrscht in der aufmüpfigen Hauptstadt des französischen Zentralstaats spätestens seit der Revolution von 1789 ein gesundes Misstrauen gegenüber Regierenden und Oberschichten. Damals waren es die Könige mit Sitz in Versailles, heute residiert der Staatspräsident im Elyséepalast im Stadtzentrum. Alles, was nach Noblesse, Grossgrundbesitz, Autorität und Zentraladministration riecht, hat in Paris einen schweren Stand. Mehr noch: Ein echter Parisien oder eine echte Parisienne kommt aus dem Schmelztiegel von Einwanderung, Migration, Multikultur, politischer Unabhängigkeit und Freiheitsliebe. Es ist also kein Zufall, dass Anne Hidalgos Familie auf der Flucht vor dem Francoregime Spaniens einwanderte, Rachida Dati nordafrikanische Eltern hat und Agnès Buzyn aus einer polnischen Familie stammt, die von den Nazis deportiert worden war. Sie gelten mit ihren Wurzeln genauso - oder gerade erst recht! -  als Pariserinnen, und dominieren die Handvoll an Männerkandidaten des ganz linken, grünen und rechten Lagers. Über diese Männer spricht kaum einer.

Kopf an Kopf: Linksgrün gegen Liberale

Gemäss den letzten Umfragen vor wenigen Tagen[2] liegt Anne Hidalgo vorne, dicht gefolgt von Rachida Dati. Hidalgo verkörpert das links-ökologische Spektrum und kann nach 5 Jahren im Amt einiges vorweisen: Mehr Velowege, rechtliche Massnahmen gegen exorbitante Wohnungspreise, neue Grünzonen, Kehrichttrennung, Unterstützung von Quartier- und Sozialprojekten. Im Wahlkampf und mit 12-seitigem Wahlprospekt verspricht sie ganz Konkretes: Mehr Langsamverkehr durch Umwandlung von Strassenraum, soziale Wohnbauförderung, mehr erneuerbare Energie, Biofood in den Schulen, 4000 neue Kinderkrippenplätze, etc. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele von Hidalgo enttäuscht sind und ihr Ankündigungspolitik vorwerfen. Denn die reale Lage der Stadt sieht in Zeiten der sozialen Unruhe nicht überall rosig aus. Das Verkehrschaos ist gigantisch, die Obdachlosigkeit nimmt zu, die Abfallbehörden sind überfordert und allein im letzten Jahr haben die durchschnittlichen Miet- und Wohnungskosten wiederum um rund 10% zugenommen[3].
Die frühere Sarkozy-Ministerin Rachida Dati andererseits gibt sich als liberale Alternative, verspricht den kleinen und mittleren Betrieben den Aufschwung durch Steuerpolitik und setzt auf (polizeiliche) Sicherheit. Die dynamisch-aufgeschlossene Juristin ist der ideologische Gegenpol zur pragmatischen Bisherigen - was ihr aber aus den Männerbastionen der Rechten auch Feindschaften einbringt. Und wenn sie oben im multikulturellen 18. Arrondissement mit Pomp einen Thaibox-Match besucht, mag das zwar die Sportwelt begeistern, nicht jedoch meine Nachbarn, die darüber nur lachen und Madame Dati am liebsten in die noblen Quartiere des Westens zurückschicken würden: «C’est quoi son problème?».

Die Ärztin Agnès Buzyn hingegen kämpft als Grünliberale vor allem gegen das generelle Formtief der Macronisten an: Angesichts der Gelbwesten, der blockierten Rentenreform und der Querelen innerhalb der LRM wirkt ihre trotzige Aussage, sie habe auch angesichts dieses schwierigen Wahlgangs nie Angst im Leben, nicht als Wahlslogan, sondern eher als Ankündigung eines politischen Absturzes.

Frauen auf die Barrikade!

Wie auch in Bern werden in Paris damit im Jahre 2020 wohl die beiden klassischen politischen Pole das Stadtpräsidium unter sich ausmachen: Es ist Rot-Grün gegen Rechtsliberal. Wie das immer auch im komplexen Wahlprozedere herauskommt, bestimmend bleibt der Schlusssatz von Eric Hazan in seiner gross angelegten Stadtentwicklungs-, Politik- und Kulturgeschichte «Die Erfindung von Paris» [4]. Paris werde seine «Sprengkraft» (force de rupture) niemals verlieren, meint Hazan vieldeutig und das nicht nur mit Blick auf die kommende Stadterweiterung, des «Grand Paris» mit seinen gigantischen neuen Métrolinien. Gerade so viel Sprengkraft haben im heutigen Paris die sozialen Spannungen, die Umweltschäden, die gestörte Lebensqualität und Bürgersicherheit, die Krise im Schulwesen und die rasende Gentrifizierung der Quartiere. Die Gewählte von Paris wird als Maire der nächsten Legislaturperiode sehr viel anzupacken haben. Wenn hier eine Frau nicht für einen lebenswerten Alltag der Stadt und gegen den Ausverkauf des Wohnraums auf die Barrikaden steigt, wird auch sie im Mahlstrom der Geschichte von Paris rasch untergehen.

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Song zum Text - und zur Beruhigung der politischen Gemüter: «Les Barricades Mistérieuses» von François Couperin aus dem Paris von 1717. Interpret: Jean Rondeau.

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen sechs Beiträgen in 6 Monaten.



[1] Der Karrierepolitiker aus dem Umfeld von Staatspräsident Macron hat am 14.2.2020 wegen auf dem Netz veröffentlichten Sexvideos an eine Gespielin seine Kandidatur zurückgezogen.

[2] Umfrage IPSOS-SOPRA von Anfang März: Hidalgo erreicht 25% der Stimmen, Dati 24%, Buzyn 19%

[3] Dies jetzt zunehmend auch in den nördlichen Quartieren, wo eine Durchschnittswohnung von 60 m2 mittlerweile auch über 500'000 Euro kostet und der monatliche Mietzins für dieselbe Wohnungsgrösse über 1500 Franken klettert. Dies bei Durchschnittslöhnen von etwa 60% eines Schweizer Einkommens (Bericht le Monde, 22.2.2020).

[4] Eric Hazan, Die Erfindung von Paris (Ammann Verlag 2004), erschienen 2002 bei Seuil als «L’ invention de Paris - Il n’y a pas de pas perdus». Zu empfehlen ist die 2012 bei Seuil erschienene Ausgabe mit Bildmaterial.

27.02.2020 | 08:06
Zwischendurch irgendwo im quirligen Belleville (19e) sieht man den Eiffeltum. Er ist ganz weit weg. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Im Berndeutschen ist die Métro weiblich. Hier in Paris ist das «Le Métro». Eine Institution – ja viel mehr: Ein Lebensgefühl, Ingenieurkunst, die genialste Art der öffentlichen Fortbewegung, der Inbegriff der Poesie von Paris. Und auch ein Ort, um zu lesen. Was viele Menschen tun, denn die Métro hat etwas von einer Wohnstube - wenn sie nicht gerade in Spitzenzeiten übervoll ist.

Es ist vor dem 5. Dezember 2019, ich fahre auf der Linie 2 von «Jaurès» Richtung «Etoile». Eine junge Frau liest «Qui à tué mon père» von Édouard Louis.[1] Louis ist der aktuelle französische Kultautor. Ich hatte bereits seinen Roman «En finir avec Eddy Bellegueule» gelesen – und war schockiert von dieser direkten Auseinandersetzung mit dem realen Leben.

Ich kaufe mir also sofort das kleine Bändchen über die Frage, wer nun seinen Vater umgebracht haben könnte. Knappe 80 Seiten als Einstieg in mein Pariser Leben? Der Text hat – auf den ersten Blick! - gar nichts mit Paris zu tun. Und schon gar nichts mit der heilen Welt und dem Cliché der charmanten Stadt der Liebe. Louis, der Soziologe und brillante Seismograph siedelt seine autobiografischen Verarbeitungen irgendwo in nordfranzösischen Regionen an. Dort wo ausgestorbene Provinzstädtchen langsam vom Radar der grossen Politik verschwinden. Dort wo im Ambiente von Kreiselverkehr und Frittenbuden der Untergang der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts direkt spürbar ist und wo alle Rhetorik über die postindustrielle Dynamik des digital-ökologischen Zeitalters zynisch anmutet. Vor allem dann, wenn in diesen Regionen gleichzeitig die sozialen Netze, Spitäler, Altersheime, Schulen, Kinderbetreuung schlicht auf den Hund gekommen sind. Man (der Staat) hat kein Geld mehr für solche Sachen.

Ist das als Annäherung an Paris die Lektüre? Ich habe ab dem 5. Dezember, sozusagen im Sturmauge der Streiks von fast zwei Monaten genau diesen Text gelesen. Und stelle fest: Da ist ungeschminkt die Wirklichkeit unserer Gesellschaft beschrieben, das hilflose Scheitern eines Vaters am eigenen Unvermögen. Ein Unvermögen das aber ohne sein Zutun System hat. Hier geht es nicht um «art pour l’art» oder Bohème-Poesie, sondern ums nackte Überleben, um existenzielle Bedrohung, um ein Journal über das was hierzulande falsch läuft und über die massive Gefährdung der Kohäsion der demokratischen Gesellschaften.

Wenn ich «hierzulande» schreibe, meine ich Europa und auch die Schweiz: Ende November 2019 am Centre Culturel Suisse von Paris besuche ich eine Lesung von Schweizer Autorinnen und Autoren[2]. Ein hier vorgetragener Text hat ähnliche Sprengkraft, wie jener von Edouard Louis: Es ist die «Petite Brume» des bernjurassischen Autors Jean-Pierre Rochat.[3] Hier erzählt ein Landwirt die unumgängliche Versteigerung seines Hofs und den brutalen Untergang seiner ganzen - bisher kaum in Frage gestellten - Welt. Ein Ereignis, das mit den Realitäten der Schweiz und des Kantons Bern direkt etwas zu tun hat. Und das sich bei aller bernischen Staatsräson nicht unter den Teppich wischen lässt.

Rochat und Louis geben der Sprachlosigkeit der Verlierer das Wort. Das Thema ist die Ohnmacht gegenüber denen, die in den Zentren Macht ausüben. Die Hauptstädte sind in diesen Texten weit weg. Irgendwo im Dunst am Horizont versprechen sie eine neue Ära - sind hochtrabend und verlogen. Die Menschen draussen in der Provinz verstehen dies alles nicht. Sie tragen «Gilets Jaunes», sie driften politisch gegen rechts, sie wollen nichts mehr mit den Regierenden und den Eliten zu tun haben. Sie kennen höchstens die (hilflose) Revolte. Aber keine Auswege.

Wenn ich einige Wochen danach durch mein Quartier in Paris spaziere oder meine Bar um die Ecke besuche, kommt mir das alles sehr bekannt vor. Hier im Norden der Metropole beginnt schon die Provinz - und im Quartier reden die Leute genau gleich: Man will Macron nicht und findet seine Rentenreform «aberrant». Genauso absurd findet man die Streiks und die Bähnler, die letztlich nur ihre Rentenprivilegien verteidigen. Die meisten finden das auf Fragen alles «très compliqué». Und sagen dann gar nichts mehr.

Hier im 19 Arrondissement gibt es wenige Touristen. Und nur von weitem winkt der Eiffelturm als scheinheiliges Symbol für eine Welt, die längst aus dem Ruder gelaufen ist. Meine schriftlichen Arbeiten lasse ich beim Inder an meiner Strasse ausdrucken, meine Zeitung kaufe ich täglich an der Métrostation bei einem fliegenden Strassenverkäufer und den vielen Obdachlosen ringsum spende ich etwas hilflos von Zeit zu Zeit einen Euro. Meine Baguette aber hole ich mir immer noch beim Artisan Boulanger. Ich nehme sie beim Nachhausegehen unter den Arm, wie das alle anderen auch tun. Vielleicht ist das ein Trost - vielleicht auch eine erste Antwort.

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Der Song zum Text I: «Je ne suis pas Parisienne», ZAZ https://www.youtube.com/watch?v=a9v4JtjBu8k

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen sechs Beiträgen in den nächsten 6 Monaten.

 


[1] Edouard Louis, «Qui a tué mon père», Editions du Seuil, 2018

[2] Am selben Anlass wagt sich der Berner Gerhard Meister mit seiner virtuosen Berndeutsch-Klangmalerei als einziger Deutschsprachiger aufs Parkett der hehren Pariser Literaturszene.

[3] Jean-Pierre Rochat, «Petite Brume», Editions d' Autre Part (2017)