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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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28.07.2016 | 14:59
Ruedi Widmer: Schweuropa

Jedesmal wenn ein hochbezahlter Sicherheitsexperte bemüht nüchtern erklärt, dass das Risiko bei einem Autounfall umzukommen weitaus grösser sei, als bei einem islamistischen Anschlag in Europa getötet zu werden, fällt in China eine Beruhigungspille von einem Fabriklaufband,

während in einem Hobbykeller irgendwo vor Dresden ein Nazi einen Brandsatz präpariert, um Recht und Ordnung wiederherzustellen,

während im Gebetstraum einer von Saudi Arabien finanzierten Moschee in Europa auf das Ende des Abendlands und den Tod der Ungläubigen angestossen wird,

während in Bern in einem Starbucks ein Mädchen dem anderen klagt, dass einfach nichts los sei in dieser Stadt,

während im Mittelmeer im Rücken von mit Maschinengewehren beschützten Schnäppchentouristen ein volles Flüchtlingsschiff untergeht,

während vor den neusten Verkaufszahlen auf dem Bildschirm weltweit kleine Freudentränen in die Äugelein von Waffenindustriellen treten,

während sich in Berlin Neukölln in einem Concept Store jemand nicht zwischen Laktose- und Glutenfrei entscheiden kann,

während im türkischen Kulturverein nebendran Männer stolz einer Lobrede Erdogans auf Putin in Erdogans Staatsfernsehen lauschen,

während in einem Pariser Vorort ein paar Jugendliche, die Baseballmützen tief im Gesicht, einen Appel-Kopfhörer im Ohr, einem jungen Mann mit runder Brille und Jutebeutel «Scheissjude» nachrufen,

während eine Wissenschaftlerin in Zürich kopfschüttelnd vor einer Wandtafel, auf der die Begriffe «Geschlechtergleichstellung» und «Religionsfreiheit» geschrieben sind, steht,

während ein polnischer Leiharbeiter in einer Kantine in Manchester davon träumt, sich in einen Roboter zu verwandeln, um nicht von einem solchen ersetzt zu werden,

während in Stockholm eine Frau, ihr schlafendes Baby auf dem Arm, einen negativen Asylbescheid erhält,

während in einem Hochhaus in Frankfurt ein Journalist mit geweiteten Pupillen vor einem anderen den Neoliberalismus mit den Worten «noch nie ging es uns so gut wie heute» verteidigt,

während fünf Hochhäuser weiter ein paar mit Millionenboni ausgestattete Banker gemeinsam mit einer renommierten Agentur die nächste Kampagne zur Bankrettung auf Kosten der Steuerzahler aushecken,

während in Warschau ein alte Frau einem Pokémon-Go-Spieler über die Strasse hilft, da es diesem nicht mehr möglich ist, vom Display aufzusehen,

während in einem Landgasthof im Thurgau der Milliardär Christoph Blocher vor fünfhundert Menschen tritt und «wir sind das Volk» sagt,

während in einer Yogaklasse in Rom ein Staubkörnchen ins Auge der Kursleiterin fliegt,

während zwei Kinder in einem Park in Brüssel auf einer Bank sitzend über ihre Lieblingsfussballer fachsimpeln,

während in New York Trumps Assistentin aus dem Internet die Präsidentschafts-Antrittsrede für ihren Chef abschreibt,

während in einem Hinterzimmer in Genf China und Katar den Bau einer neuen Öl-Pipeline, weg von Europa, beschliessen,

während in einer Airbnb-Wohnung in Rio de Janeiro ein Selbstmordanschlag auf die Schlussfeier der Olympischen geplant wird,

während in Südsudan in einem Lager abseits der hysterisierten Weltöffentlichkeit ein hungriges Kind seine letzten Atemzüge macht,

während in einem Flüchtlingslager in Griechenland ein Politiker ein Baby in die Kameras hält, bevor er zurück in die Lobby eines Fünfstern-Hotel gefahren wird, wo er während eines Interviews ohne Scham zehnmal das Wort «Empathie» in den Mund nimmt,

während in der Schweiz ein Schriftsteller in einem Strassencafé, ein Caffè freddo in der Hand, über die gewaltige Unschärfe des Begriffs «Wir» nachdenkt und sich doch vorstellt, dass es eigentlich genau jetzt an der Zeit wäre eine wirkliche, eine demokratische, eine solidarische, eine starke Europäische Union zu gründen, und seine Notizen mit den Worten «Tote Utopie!» durchstreicht.

Er fächert sich mit einer Zeitung frische Luft zu, während er in sein Notizbüchlein schreibt: «Und so geht das Gewurstel weiter, bis es nicht mehr geht. Die Menschheit, das erfolgreichste gescheiterte Projekt aller Zeiten.»

Eine Tram biegt um die Kurve, ein paar Kinder spritzen sich lachend mit Wasserpistolen an und der Schriftsteller lässt, geistesabwesend, einen Eiswürfel in seiner Hand schmelzen.

Er beobachtet wie das Wasser auf seiner Hose trocknet und fragt sich, ob das der Trost ist, der bleibt, während im Himmel über ihm ein Passagierflugzeug nach Europa fliegt.

 

Das Netzwerk «Kunst+Politik» hat zwanzig Schweizer Autorinnen und Autoren angefragt, einen Text zu verfassen zum Thema «Nach Europa». Journal B wird einige der Texte in den nächsten Tagen veröffentlichen. Den Anfang machen wir mit Jürg Halter. Ab dem 1. August können sämtliche Texte nachgelesen werden auf der Website www.marignano.ch