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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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09.10.2014 | 13:51
Schablonensprayerei auf dem Fussweg beim Berner Lorrainebad. (Foto: Manuel Gnos) (photo: )

Es wäre vermessen, jede Spraydosen-Kritzelei gleich als Kunst bezeichnen zu wollen. Und insbesondere die Tags auf Restauranttoiletten, Haustüren oder Zugfenstern sind mehr Ärgernis als Freudenspender – insbesondere für jene, die sie wieder wegkriegen müssen.

Die Wortspielerei in diesem Graffito an der Aare beim Lorrainebad scheint uns aber in ihrer Reduziertheit den höchsten künstlerischen Ansprüchen zu genügen. Sie bringt in wenigen Lettern und in einfacher Typografie ein gesellschaftliches Unbehagen zum Ausdruck – das nicht zuletzt im nahen Lorrainequartier laufend an Dringlichkeit zulegt.

Gut gemacht!

Hier gehts zur Berliner Variante.

07.04.2014 | 11:13
Schlange stehen vor der «Gelateria di Berna» in der Länggasse. (Foto: Jonas Ryser) (photo: )

Was gibt's an einem der ersten warmen Sonntage des Jahres besseres als ein Eis der «Gelateria di Berna»? Genau: Nichts. Oder jedenfalls nicht viel.

Und weil das viele gedacht haben, wartet man eine gute halbe Stunde, bis man an die Reihe kommt. Ist auch nicht so schlimm: «Deutschland sucht den Superstar» vom Vorabend gibt genügend Gesprächsstoff.

01.04.2014 | 17:04
Dieses Gesicht will gefüttert werden. (Foto: Mychyjay via Instagram) (photo: )

Es gibt auf Twitter einen Kanal, der ausschliesslich Fotos von Dingen veröffentlicht, die aussehen wie Gesichter, «faces in things» heisst das dann auf Englisch. Solche Dinge gibts auch in Bern.

Auf Instagram hat Mychyjay gestern das Foto eines solchen Gesichts aufgeschaltet. Auf Anfrage teilte er uns mit: «Ich habe das Foto am 30. März 2014 im Bahnhof Bern auf dem Perron zwischen Gleis 7 und 8 geschossen.»

31.03.2014 | 17:05
So sah der Platanenweg 4 im Sommer 2013 aus. (Foto: Manuel Gnos) (photo: )

Leerstehende Räume sind gefragt für Zwischennutzungen. Die Stadtmenschen freuts, denn das belebt den Alltag und die Kulturszene. Das neuste Beispiel ist das Co-Labor am Platanenweg.

Dass der selbe Raum zeitlich versetzt von zwei verschiedenen Projekten genutzt werden kann, ist im Moment in der Lorraine zu beobachten. Sah die ehemalige Aare-Garage am Platanenweg 4 kürzlich noch aus wie auf dem oberen Bild, präsentiert sie sich im Moment so:

Das Co-Labor hat den Platanenweg 4 vorübergehend übernommen. (Foto: Manuel Gnos)

Das Co-Labor hat den Platanenweg 4 vorübergehend übernommen. (Foto: Manuel Gnos)

Der Platanenweg 4 ist Teil des Serini-Areals, wo letztes Jahr gleich zwei Bars entstanden sind – um nach der vereinbarten Zeit wieder zu verschwinden: die auf dem ersten Bild zu sehende Pneu-Bar sowie die Serini-Bar.

Das Co-Labor dagegen ist keine Bar, sondern «ein Raum für alles andere.» Will heissen: In erster Linie ist die Garage ein Ort der Forschungsarbeit von drei HKB-Studentinnen. In zweiter Linie ist das Labor aber auch ein Treffpunkt für alle bei ungezwungenen Kulturangeboten. Was läuft, erfährt man über Facebook.

Schön, wenns lebt im Quartier. Schade ist nur, dass die leuchtenden Farben der Pneu-Bar einem nüchternen Weiss weichen mussten. Das macht die Aussicht aus dem Bürofenster etwas nüchterner.

P.S. Im Mai sollen dann die Bagger auffahren und die Garage wird abgerissen, um einem neuen Wohnhaus Platz zu machen.

26.03.2014 | 16:07
Screenshot von «Die Früchte des Zorns». (photo: )

Manche Sätze gehen eigenartige Wege und manchmal fragt man sich, ob diejenigen, die einen Satz verwenden, auch wissen, woher er stammt. Oder gelangte ein Spruch bewusst von der «Brass»-Fassade in die Wahlunterlagen der Grünliberalen?

«Denn wir gehen nicht unter in Niederlagen, aber in Kämpfen, die wir nicht kämpfen.»

Dieser Satz taucht um 1978 – zur Hochblüte des Deutschen Herbst – als Zwischentitel in einer Analyse der revolutionären Zellen auf. Es wird dort auf die internationale Dimension des Widerstandes gegen den «neuen Faschismus» hingewiesen. Dabei taucht auch der folgende Satz auf: «In den Schweizer Alpen wird Springers Fluchtburg eingeäschert.» Das bezieht sich auf den Anschlag auf das Ferienhaus von Axel Springer in Gstaad, verarbeitet in Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen» (Zürich 2006). Die Textstelle stammt aus der zweibändigen Materialiensammlung «Die Früchte des Zorns», Berlin 1993, nachzulesen hier.

Der Satz steht wie ein erratischer Block im Text. Er wird nicht erklärt. Er gibt sich bedeutungsschwanger und tiefsinnig. Vermutlich liege ich mit der Übersetzung «Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren» nicht völlig schief.

«Denn wir gehen nicht unter in den Niederlagen, sondern in den Auseinandersetzungen, die wir nicht führen.»

Die Brasserie Lorraine in den 1990er-Jahren. (Foto: zvg)

Die Brasserie Lorraine in den 1990er-Jahren. (Foto: zvg)

Etwa 1994 taucht der Satz leicht abgewandelt – sozusagen zivilisiert – plötzlich an der Fassade der Brasserie Lorraine auf. Er steht für einen schwer fassbaren Frust im Umfeld der autonomen Szene. Er ist mindestens so persönlich wie politisch zu deuten. Er bleibt während Jahren unbehelligt. Er übersteht auch einen Fassadenanstrich und steht heute über der Eingangstüre der «Brass» auf der Seite Quartiergasse.

Der Spruch über dem Eingang zur Brasserie Lorraine heute. (Foto: zvg)

Der Spruch über dem Eingang zur Brasserie Lorraine heute. (Foto: zvg)

Wieder gehen zwanzig Jahre ins Land. Die Zeiten des Deutschen Herbsts und des vergangenen Jahrhunderts verschwinden allmählich im Dunst der Geschichte. Die BRD gibt es nicht mehr. Das politische Bezugssystem der revolutionären Zellen ist zusammengebrochen. Die Globalisierung schafft neue Voraussetzungen. Da taucht der Satz an einer völlig unerwarteten Stelle wieder auf: Im Wahlprospekt der Grün-Liberalen Regierungsratskandidatin, Koda-Leiterin und Teppichhändlerin Barbara Mühlheim.

Barbara Mühlheim verwendet den Spruch in ihren Wahlunterlagen. (Screenshot)

Barbara Mühlheim verwendet den Spruch in ihren Wahlunterlagen. (Screenshot)

Ich weiss nicht, ob die «Karriere» dieses Satzes erst 1978 angefangen hat und habe auch keine Ahnung, ob sie mit Mühlheim zu einem Ende kommt. Aber auch so hat er eine beeindruckende politische Strecke zurückgelegt: von links außen bis in die rechte Mitte.

25.03.2014 | 10:23

Sonntag, 23. März, an der Matinée der Camerata Bern im Zentrum Paul Klee: Angekündigt ist eine Lesung des russischen Schriftstellers Michail Schischkin. Doch es kommt anders.

Bevor dieser aus seinem neuen Buch «Briefsteller» liest, nimmt er Stellung zur Einverleibung der Krim durch Russland.

Der eindrückliche, eindringliche Text macht klar: Es geht bei der Krim, in der Ukraine, um eine Auseinandersetzung, die grundlegende Werte Europas betrifft: Selbstbestimmung, Souveränität, die Stärke des Rechts vor dem Recht des Stärkeren.

Zu Beginn des Konzerts der Camerata äussern sich die Musiker auf ihre Weise zum Krim-Konflikt, indem sie gleichzeitig die ukrainische und die russische Landeshymne spielen: Eine Kakophonie, die mehr sagt als viele Worte.

24.03.2014 | 08:32
Strassenkunst an der Aussenwand des Serini-Areals in der Lorraine. (Foto: Manuel Gnos) (photo: )

Die Maske erinnerte mich sofort an Reverend Beat-Man, die beiden Spraydosen in der Hand kann man als Huldigung an die Kollegen aus der Graffiti-Abteilung verstehen. Es geht um ein Fundstück aus der Abteilung Strassenkunst.

Letzten Sommer ist mir in Bern eine neue Form der Verschönerung des öffentlichen Raums aufgefallen: Auf Papier gedruckte Werke werden mit Kleister auf Betonwände, Bretterverschläge, Stromkästen und andere Stadtmöbel angebracht. Einige sind schon nach kurzer Zeit verschwunden – von Hausbesitzern und vom Reinigungspersonal der Stadt Bern entfernt. Andere können heute noch bewundert werden, so dieses Werk, das – wie ich mir vorstelle – den Superhelden Graffitiman zeigt: Eine Figur mit Ranzen statt Waschbrettbauch, einem kleinen blauen Umhang, zwei Spraydosen in den Händen und einer Wrestlingmaske über dem Kopf.

Gefunden habe ich es an der Aussenfassade der ehemaligen Serini-Garage im Lorrainequartier. Lange wird es hier aber nicht mehr zu sehen sein, denn auf dem Serini-Areal soll gebaut werden. Wann genau scheint niemand zu wissen. Im «Bund» vom 12. September 2013 hiess es zwar «Anfang 2014», noch ist aber nichts von Baumaschinen zu sehen. Den Gerüchten nach bleibt das noch eine Weile so, denn im Quartier hört man, dass hier im Juni und Juli wiederum die Spiele der Fussball-WM auf Grossleinwand gezeigt werden sollen.