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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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07.02.2021 | 17:08
Todesanzeige im «Bund» vom 6. Februar 2021. (Foto: Christoph Reichenau)

Traurig und betroffen lesen wir im «Bund» die Todesanzeige. Das BERNER KULTURLEBEN, das einzigartige, habe uns verlassen, nach schwerer Krankheit, wegen zu später Hilfe. «Wir werden Dich nie vergessen!». Wir? Keine Namen, keine Adresse – keine Möglichkeit, anzudocken.

Trotzig steht über der Anzeige der zu Tode zitierte Satz «Die Hoffnung stirbt zuletzt».

Wissen die «vielen untröstlichen Freundinnen & Freunde», was sie machen in einer Zeit, wo sich Bund und Kanton redlich einsetzen, um eine «nachhaltige Schädigung der Schweizer Kulturlandschaft zu verhindern und zum Erhalt der kulturellen Vielfalt beizutragen», wie es in der Covid-19-Kulturverordnung des Bundesrats steht? In der Zeit, da Hilfskredite aufgestockt, aufwendige Verfahren vereinfacht werden? Geben die Freundinnen & Freunde auf? Lassen sie die Künstlerinnen und Künstler im Stich, die Technikerinnen und Techniker, die Garderobièren und all die vielen vielen anderen, die mithelfen, der Kunst eine Bühne zu bauen?

Zufall oder nicht: Auf der «Bund»-Seite gegenüber der Todesanzeige wird der Überlebenskampf dreier hiesiger Kleinverlage – vatter&vatter, die Brotsuppe, Lockwort – geschildert. Zäh und durchhaltewillig sind neben anderen auch Kunstgalerien und Musikensembles undundund, die Neues probieren. Gehören sie nicht auch zum BERNER KULTURLEBEN?

Ob anklagend, ob ironisch, ob traurig, ob aufrüttelnd gemeint – die anonyme und somit feige Todesanzeige befremdet mit ihrer defaitistischen Haltung, die vielleicht als Protest gedacht ist. Oder besser: wegen der Abwesenheit einer Haltung. Unser Trost: Totgesagte leben länger. Kann sein, dass dies die eigentliche Botschaft ist.