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Journal B

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Jahreswechsel in zehn Plagen

Giuliano Musio und Christian De Simoni haben für Journal B eine Geschichte für den Jahreswechsel geschrieben. Sie handelt von Peter und Enzo, die ihre Vorsätze kurz vor Neujahr noch nicht umgesetzt haben. – Die ganze Geschichte im Überblick.

24. Dezember


Es ist die Zeit der fettwanstigen Engel. Balkone und Schaufenster blinken epileptisch. Im Fernsehen Kinder mit Hungerbäuchen. Die Heilsarmee blockiert Einkaufspassagen und erbricht Lieder des Grauens in den Schnee. Wie jedes Jahr muss sich Enzo am Vierundzwanzigsten, kurz vor Ladenschluss, eingestehen, dass sich der Einkauf der Weihnachtsgeschenke nicht mehr weiter hinauszögern lässt.

Im Loeb treiben ihn schwitzende, wahrscheinlich tollwütige Wesen mit bunten Winterjacken voran. Er wird an einen Tisch mit Kosmetikmustern gedrängt. Dort steht sein alter Schulfreund Peter, ebenso unschlüssig. «Brauchst auch eine Pause», fragt er. Enzo ist jeder Vorwand recht, den Einkauf abzubrechen.

In einer Bar in der Neuengasse wärmen sie sich die Finger an einer Tasse Glühwein. Seit einem Jahr haben sie sich nicht mehr gesehen. Silvester in einer Berghütte mit Freunden. Bierselig standen sie um ein Feuer vor dem Haus, zählten sich rückwärts ins neue Jahr und belächelten alle, die Vorsätze fassten. Nach einem langen, wirren Gespräch über unnötige Zwänge und die Überschätzung eines Datums gaben sie auf und setzten sich ebenfalls Ziele für das Jahr 2012. Sie waren beide über dreissig. Es war Zeit, das Leben in den Griff zu kriegen.

Peter, seit sechs Jahren in einer Beziehung, wollte sich in diesem Jahr endlich von Cornelia trennen. «Ich habe es beinahe geschafft», erklärt er. Sein Handy klingelt. Cornelia. Er beschwichtigt sie und entschuldigt sich halbherzig, mehr bei Enzo als bei ihr. Als er das Telefon wieder einsteckt, korrigiert sich Peter: «Ich werde es noch in diesem Jahr schaffen.» Und erklärt Enzo seinen Plan.

Enzo, seit Jahren Single, hat sein Ziel für 2012 auch nicht erreicht: eine Frau zu finden. Er erzählt Peter von Maja, die er kürzlich kennen gelernt hat, und von seinem Wunsch, das neue Jahr nicht allein anzufangen.

«Uns bleiben noch sieben Tage», sagt Peter. «Zeit genug, unsere Pläne umzusetzen.»

Enzo trinkt seine Tasse leer und denkt: Vielleicht ist ein bisschen Druck ganz gut. Wieder auf der Straße wünschen sie sich gegenseitig Glück.

25. Dezember


Peter hat wieder diese Lähmung. Diesmal bringt er die Zähne nicht mehr auseinander. Er hat versucht, mit dem Zeigefinger nachzuhelfen, dabei aus einem Reflex zugebissen; jetzt steht er da mit der Hand im Mund und kann sich nicht mehr bewegen. Draussen sieht er nur Füsse und vorbeiwatschelnde Hunde mit absurden Regenmänteln. Wenn es so weiterschneit, denkt er, werde ich auch noch erblinden.

Schreien kann er nicht, kauen auch nicht. Der Hanfzimtstern, den er sich gerade in den Mund gesteckt hat, wird auf seiner Zunge liegen bleiben, sich in klebriges Mus zersetzen und vom Speichel den Hals hinuntergeschwemmt werden. Peter wird vielleicht husten oder niesen müssen. Bleibt zu hoffen, dass er dabei nicht erstickt. In seiner anderen Hand hält er einen Kessel mit Wasser.

Peter stellt sich vor, es wäre Methadon und er würde, wie damals, als er in einer Chemiefabrik gearbeitet hat, wenn er auch nur einen Tropfen davon verschüttete, einen mehrseitigen Rapport ausfüllen müssen und Fragen beantworten. Zum Beispiel, was er zu Weihnachten im Keller zu suchen habe, weshalb er dort stillstehe und aus dem Fenster gucke und ob sich die Hunde für ihre Regenmäntel nicht schämten.

Cornelia wird bald zurück sein und den Brief finden. Diesen Moment hat er vom Keller aus via Babyfon miterleben wollen. Und dann ins Auto, weg. Eigentlich hat er hier bloss die Tür fertig streichen wollen. Dazu musste er sie reinigen. Die Tür ist ins Schloss gefallen. Er hat für den Anstrich den Türgriff abgenommen; das hat er nun davon.

26. Dezember


Enzo stellt sich vor, die Zwiebeln wären schuld, und hackt drauflos. Jeder Vollidiot kriegt am Stefanstag frei. Nur er nicht. Angeblich ist die Küchenhilfe krank. Deshalb muss er auch noch Gemüse rüsten und Salat waschen. Im Restaurant ist fast jeder Platz besetzt.

Plötzlich guckt Maja um die Ecke, zu schüchtern, um die Küche zu betreten. Enzo wird bewusst, wie er aussieht: das Unterhemd voller Sossen- und Suppenspritzer, das Haar verschwitzt, er stinkt nach Bratfett, Zwiebeln und Kohlrabi. Maja fragt nach der Tagessuppe. «Kürbis-Hirse», antwortet Enzo.

Zwei Verabredungen hatten sie bisher. Beim ersten Mal war Enzo so erkältet, dass er nur hustete und sich schnäuzte, beim zweiten klebte ihm Petersilie zwischen den Zähnen. Maja liess ihn die Kälte und den Schnee vergessen; sie sah aus, als wäre es Sommer: Flecken um die Nase, eine verhaltene Bräune im Gesicht, das Haar an einzelnen Stellen erblondet. Sie erzählte, dass sie synthetische Pflanzen designt. Damit die Modelle echt wirken, bildet sie auch verwelkte Blätter nach. Sie sprach darüber, als wäre es nichts Besonderes. Er begleitete sie beide Male bis zur Haustür. Beim letzten Mal hätte er sie fast geküsst. Als er die Strasse beim Bierhübeli hinunterging, fuhr ein Zug über die Brücke. In der Dunkelheit sah es aus, als würde er durch den Himmel fliegen.

Enzo macht sich daran, Maja und ihre Freunde zu bekochen. Der Gratin gerät zu salzig. Die Arancini sind aussen verbrannt und innen noch gefroren. Er giesst Randensuppe über die Panna cotta, weil er glaubt, es sei Beerensosse. Majas Freunde beklagen sich bei der Neuen im Service, der kleinen Dicken, die sofort heult.

Als Maja und ihre Freunde gehen, schaut sie noch mal in der Küche vorbei und fragt, ob er sich übermorgen mit ihr treffen möchte. Enzo stottert etwas, was er selbst nicht versteht, am Ende jedenfalls sagt er Ja. Maja lächelt. Bevor sie sich umdreht, sagt sie: «Das Essen war übrigens sehr lecker.»

27. Dezember


In Peters Gesässtasche knackt das Babyfon. Sie ist da.

«Chantal, ist das normal?», fragt Cornelia ihre beste Freundin und der Reihe nach ihre drei Schwestern: «An Weihnachten einfach abzuhauen. Ohne Tschüss zu sagen, feige einen Brief schreiben? So à la: 'Brauche wieder einmal Zeit für mich. Guten Rutsch.' Wenn er wenigstens mit mir gesprochen hätte. Ich wäre von der Idee zwar nicht gerade begeistert gewesen. Aber wir hätten es ja ausdiskutieren können!»

Peter hat sich im Keller unten die Zeit mit Malen vertreiben wollen. Wenigstens funktioniert der Trick mit dem Babyfon. Er kriegt zwar nicht alles mit, das Gerät ist im Eingangsbereich der Wohnung versteckt. Aber was er hört – viermal dasselbe Gejammer, Heulen und Lästern – reicht aus, um ihn für kurze Zeit vom Hunger und vor allem von diesem unsäglichen Durst abzulenken.

Er hat nur noch wenige Zimtsterne, die Packung ist fast leer. Sein Hals schmerzt, sein Magen brennt. Und der Rücken! Seit gestern spürt er, wie seine Schulterblätter sich an der Wirbelsäule reiben; es kommt ihm wie Jahre vor, aber er kann sich immerhin wieder bewegen. Schreien geht auch wieder. Doch der Raum ist schalldicht. Er kann hier so viel Lärm veranstalten, wie er will. Exzellentes Handwerk. Die Wände glatt verputzt, eine dicke Schicht Isoliermaterial dahinter, das Fenster und die Tür lassen kein Geräusch durch. Wenn er wenigstens sein DJ-Equipment bereits hier hineingeschafft hätte. Dann könnte er sich die Zeit mit Musikmachen vertreiben.

Wein ist immerhin genug da, ist ja auch der Weinkeller.

Die Geschäfte scheinen wieder geöffnet zu sein, es sind etwas mehr Leute unterwegs. Manche tragen neue Schuhe. Auf der Strasse türmen sich blaue Müllsäcke. Peter versucht nicht mehr, sich durch Winken bemerkbar zu machen. Er ist zu tief unten, keiner schaut hin. Er kaut auf einem weiteren Zimtstern rum, trinkt Wein dazu und betrachtet die Fuge des Fensters. Wenn man gut hinschaut, sieht sie aus wie der Mississippi. Und im Rauschen der Abwasserrohre über ihm kann er ihn sogar hören, Gott, was für ein Durst.

28. Dezember


Als Enzo sich auf den Weg macht, um Maja abzuholen, ruft Manfred an. «Wo bleibst du?»

Enzos Herz klopft stärker. Er hat vergessen, dass er bei seinem Göttikind vorbeischauen sollte. «Ich bin nur etwas spät dran», antwortet er.

«Céline wartet auf dich», sagt Manfred, und dann zu seiner Tochter: «Nicht traurig sein, Maus. So ist der Götti halt. Aber in ein paar Minuten wird er bestimmt hier sein.»

Enzo verflucht den Tag, an dem er sich zur Patenschaft bereit erklärt hat. Doch wer konnte ahnen, dass aus seinem Jugendfreund in so kurzer Zeit ein solcher Klemmarsch werden würde.

Enzo steigt aufs Fahrrad und rast Richtung Altenberg, klaubt das Handy hervor und ruft Maja an. Er muss ihr absagen, es geht nicht anders. «Schon gut», meint sie, «kein Problem.» Das kann alles Mögliche heissen.
Er rutscht auf dem Glatteis aus, schrammt sich die Hände, zerreisst sich die Jacke. Und erst, als er so am Boden liegt, wird ihm bewusst, warum Manfred ihn eingeladen hat: damit er Céline ein Weihnachtsgeschenk bringt.

«Scheisse», murmelt er, steigt wieder aufs Rad und fährt zum Bahnhof. Er irrt ziellos zwischen den Geschäften umher, fragt schliesslich im Blumenladen: «Haben Sie Blumen für Kinder?» Die Verkäuferin meint: «Adventssterne sind gerade total der Hit.»

Céline versucht nicht mal, sich über den Adventsstern zu freuen. Sie wurde in ein lächerliches, glänzendes Kleidchen gesteckt, eine passende Schleife im Haar. Extra für den Götti habe sie sich hübsch gemacht, sagt Manfreds Frau Fränzi. Enzo zieht die Jacke aus, rollt sie zusammen und hofft, dass sie den Riss nicht gesehen hat. Sie fügt an: «Das Essen ist jetzt übrigens kalt.» Enzo ist hungrig genug, dass es ihm trotzdem schmeckt. Er scheint der Einzige zu sein. Später muss er zuhören, wie Céline vor dem Tannenbaum ein Lied auf der Blockflöte spielt. Fränzi zündet dafür noch mal die Lichtlein an. «So viel Zeit muss sein», sagt sie. Danach bringt Manfred das Kind endlich ins Bett. Fränzi und Enzo bleiben am Tisch zurück.

«Ich bin nicht wütend», erklärt ihm Fränzi, «aber enttäuscht.» Enzo denkt: Wo ist denn da der Unterschied?

Kaum hat er die Wohnung verlassen, ruft er Maja an. Sie drückt ihn weg. Enzo geht ein paar Schritte und pisst an einen Baum seiner Wahl. Eine Sternschnuppe fliegt vorbei. Enzo sieht ihr nach und sagt: «Du kannst mich mal.»

29. Dezember


Über die Feiertage wollte Peter mit dem Bargeld nach Südfrankreich fahren, Banyuls-sur-Mer, 17 Grad und sonnig. Und später über die Grenze nach Spanien, Casinos.

Der Plan wäre perfekt gewesen: Sie hatten vereinbart, dass sie einander decken. Grössere Aktionen konnten sie nur gemeinsam ausführen. Peter arbeitete in der Verteilzentrale, Pascal im Zustelldienst. Peter adressierte die Pakete um, Pascal trug sie zu den Briefkästen von Leuten, die sich gerade im Ausland aufhielten oder die Post umgeleitet hatten. Wenn Peter spätabends von seiner Schicht nach Hause kam, sammelte er die Pakete ein.

Noch lukrativer waren Zahlungsanweisungen. Die beiden Postangestellten hatten eine todsichere Methode entwickelt, wie sie das Geld unbemerkt einstecken konnten, ohne dass ihnen einer auf die Schliche kam. Peter informierte Pascal, wann ein Paket an jemanden ausgeliefert würde, bei dem auch ein Zahlungsauftrag pendent war. Sie lieferten das Paket und liessen die Kunden den Beleg unterzeichnen. Der Beleg, den Pascal dann pflichtgemäss zur Schanzenpost brachte, wo er gestempelt und archiviert wurde, war die Quittung für das Geld. Sie teilten. Hegte jemand einen Verdacht, präsentierten sie ihm den unterzeichneten Beleg. Reklamationen sind zu richten an den Drachen vom Kundendienst. Vor Weihnachten war dort sowieso die Hölle los. Die kannten nichts. An denen kam keiner vorbei, man konnte mit Anwälten und Presse drohen, weinen, fluchen.

Die Post war der Weihnachtsmann, sie bescherte Peter sein DJ-Equipment, die leicht halluzinogenen Zimtsterne, den Wein und eine ziemliche Stange Bargeld. Trotzdem war er jetzt in diesem muffigen Keller am Vertrocknen.

30. Dezember


Ein Fremder hat Enzo auf dem Vorplatz einen Ofen hingestreckt. Enzo hat zwei oder drei Züge genommen, nun fühlt er, wie das Blut aus seinem Gesicht weicht. Ausserdem hat er schon während der Arbeit mit Trinken begonnen. Er stolpert die Treppe hoch, an der Kasse reisst er sich zusammen, um am Türsteher vorbeizukommen. Er schaut ihm ruhig in die Augen und wird eingelassen.

Kaum hat er den Dachstock betreten, lässt er die unterdrückte Besoffenheit wieder hochkommen. Der Schwindel erfüllt Augen und Hirn. Er torkelt in die Menge. Die Leute stehen dicht gedrängt um ihn herum, tanzen oder schreien sich was zu. Die Musik dröhnt und Enzos Kopf auch.

Zuerst entdeckt er eine von Majas Freundinnen auf der Tanzfläche. Dann Maja selbst. Darauf hat er gehofft. Sie hat die Arme verschränkt, blickt gelangweilt und müde an die Decke. Sie trägt ein schwarzes, enges T-Shirt mit der Aufschrift «Love is the answer». Enzo geht auf sie zu, versucht noch mal, sich zusammenzureissen, doch es will nicht mehr recht klappen. «Wieso hast du meine Nachrichten nicht beantwortet?», lallt er. «Ich hab dir doch erklärt, dass ich zu meinem blöden Göttikind musste.»

«Da hat sich das Göttikind bestimmt gefreut.» Sie geht an ihm vorbei, an die Bar, Enzo folgt ihr, quetscht sich durch die Menge, bis er wieder vor ihr steht. «Morgen ist Silvester. Was machst du dann?»

«Ich treffe mich mit Freunden.»

Ihm fällt nichts mehr ein, was er sagen könnte. Also starrt er auf ihre Brüste. «Was ist denn die Frage?», murmelt er nach einer Weile.

«Bitte?»

«Liebe ist die Antwort, aber wie lautet die Frage? So ein Riesenschwachsinn, echt!»

Sie läuft davon, sucht nach ihrer Freundin, packt sie am Arm. Die beiden nehmen ihre Jacken von den Holzverstrebungen hinunter, ziehen sie an. Dass man auch allein nach Hause gehen kann, wissen sie wohl nicht. Enzo hält Maja am Ausgang zurück. «Wohin gehst du morgen?»

«Weg», antwortet sie und steigt die Treppe hinab.

31. Dezember


Hunger. Rückenschmerzen. Fast eine Woche auf dem Boden geschlafen. Den Wein getrunken und alle Hanfzimtsterne gegessen. Das Putzwasser ausgetrunken, sich in den Kessel und in die hinterste Ecke erleichtert. Mit dem Schraubenzieher versucht, das Fenster einzuschlagen, mit der Leiter, aber die Kraft fehlt. Draussen die Menge, Silvester, johlt und schmeisst mit Feuerwerk um sich. Das neue Jahr kann nur besser werden. Falls er es überhaupt schafft, noch weiterzuleben. Was hat er geflucht, gejammert, gekichert, an der Wand gekratzt, ins Babyfon gebrüllt. Nichts half. Die Leber schmerzt vom Wein, zwölf Flaschen in sechs Tagen.

Er wird bestimmt bald sterben hier. Und den Soundtrack dazu hat er in der Gesässtasche. Er hofft, dass der Akku noch eine Weile hält. Ausschalten mag er das Babyfon nicht, immerhin bietet es ein wenig Ablenkung.

Cornelia hat in den letzten Tagen alle ihre Freunde eingeladen, jeden Tag Party und Gekicher. Es scheint ihr erstaunlich leicht zu fallen, ohne ihn zu feiern. Bereits gestern hat er sie gehört mit Guido, angeblich ihr Therapeut. Peter war übel gewesen vom Seifenwasser, er erbrach sich mehrmals in eine Ecke des Raums.

Als er sich jetzt hinlegt und bereits am Eindösen ist, hört er die Hausglocke. «Du bist eine Frau, die mehr verdient hat», säuselt Guido. Und nach dem nächsten Satz ist Peter hellwach: «Befreie dich, atme durch: Lass uns eine Flasche Wein trinken.»

«Da musst du schon in den Keller», sagt Cornelia.

1. Januar


Der Himmel flackert auf, es knallt und donnert, die Leute johlen, fallen sich um den Hals. Das neue Jahr hat begonnen. Und saukalt ist es auch noch.

Enzo streunt durchs Eichholz, die Hände in den Jackentaschen. Auf der Wiese brennen sechs Lagerfeuer, jedes von einem Bündel Menschen umkreist. Enzo geht von einer Gruppe zur nächsten, bleibt immer ein paar Meter vor dem Feuer stehen und hält nach Maja Ausschau. Die Leute stehen dicht gedrängt, sind eingepackt in Jacken und Mützen. Wer weiss, ob sie überhaupt hier ist.

Enzo hat den ganzen Tag damit verbracht, herauszufinden, wo Maja Silvester feiert. Eine gemeinsame Bekannte – Irene, die früher im CD-Laden gearbeitet hat, als es ihn noch gab –, verriet ihm schliesslich, dass Maja die letzten Jahre immer im Eichholz gewesen sei. Mehr konnte er nicht in Erfahrung bringen.

Bei einem der Lagerfeuer war er noch nicht. Dort stehen mehrere junge Männer in schwarzen Mänteln; darunter tragen sie weisse Hemden und Krawatten. Sie lächeln ihn an, als hätten sie auf ihn gewartet. Einer drückt ihm eine Tasse heissen Tee in die Hand. Ob er ganz allein sei, fragt ein anderer, und wie er zu Gott stehe, ein Dritter. Sie erklären ihm, worum es im Buch Mormon geht. Enzo nickt, ohne zuzuhören. Er ist froh, am Feuer zu stehen und sich die Hände vom Tee wärmen zu lassen.

Und während einige Wortfetzen der Jünglinge zu ihm durchdringen – Joseph Smith, goldene Platten, der Engel Moroni –, sieht er Maja. Sie geht an ihm vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. An ihrer Seite ein grosser Typ, der aussieht wie ein Grönländer. Er hat den Arm um sie gelegt, in ihrem Gesicht ein Frieden, den er bei ihr noch nie gesehen hat.

«Hey!» schreit er und rennt ihnen nach. Sie bleiben stehen, drehen sich um. Der Grönländer fragt: «Wer ist das?» Enzo kann nicht anders und haut ihm eine rein. Voll in die Fresse, dass es sitzt. Der Grönländer holt zum Gegenschlag aus. Enzos Körper wird ganz leicht, er schwebt in die Höhe, hinauf in den Himmel. Dort umgeben ihn knallende, bunte Feuerwerke, und die Mormonen schwirren als liebliche Engel um ihn herum.

Als Enzo die Augen wieder aufschlägt, ist seine Nase gebrochen. Durch das Fenster des Spitalzimmers fällt Tageslicht.

2. Januar


Peter geht es gut. Er darf das Essen in der Kantine einnehmen. «Zum Menü gibt’s Salat oder Kompott», erklärt die Frau an der Kasse, «nicht beides.»
Peter schaut von seinem Tablett zur Frau. «Ich zahl auch was drauf», sagt er.

Die Kassenfrau seufzt. «Ich muss erst fragen, ob das geht.» Sie verschwindet nach hinten, kommt wieder und tippt etwas in die Kasse ein.

Als er sich einen Platz sucht, sieht er zwischen den fahlgesichtigen Patienten, Infusionen auf Rädern und sorgenvollen Angehörigen Enzo sitzen, das Gesicht voller Gips. Er sieht aus wie das Phantom der Oper.

«Du warst ja offensichtlich auch nicht erfolgreich», sagt Peter. «Hast eins auf die Nase gekriegt?»

«Und du?»

«Unterernährung», antwortet Peter. «So was über die Weihnachtstage hinzukriegen, ist schon eine Leistung.» Er setzt sich zu Enzo, sie erzählen einander ihre Geschichten.

«Hat nicht viel gefehlt, und wir hätten unsere Ziele erreicht», sagt Peter. Sie stossen an, Enzo mit Kaffee, Peter mit Fanta.

«Eigentlich ist sie ja eine blöde Kuh», sagt Enzo. «Synthetische Pflanzen! Ich weiss gar nicht mehr, warum mich das beeindruckt hat.»

Die Glocke des Fahrstuhls. Die Tür öffnet sich, hinaus tritt Cornelia. «Wir brauchen wohl eine Fristverlängerung», sagt Peter. Eine Heuschrecke kriecht über den Tisch, bleibt an einem Kaffeefleck hängen. Am Fenster klebt auch eine. Der Himmel verdunkelt sich.

Zu den Autoren


Giuliano Musio, geboren 1977, studierte nach seiner Tätigkeit als Reallehrer Germanistik und Anglistik in Bern. Er hat mehrere Preise und Stipendien gewonnen, hat in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht, hatte Lesungen an den Buchmessen in Leipzig und Basel sowie in Berlin und Bern, war Teilnehmer des Open Mike Berlin und der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. Giuliano Musio lebt in Bern und arbeitet Teilzeit als Korrektor und Redaktor.

Christian de Simoni (1979) studierte zwischen 1999 und 2009 Germanistik in Bern, Köln und Zürich. Er promovierte 2009 über Gegenwartsliteratur nach 9/11. 2006 nahm er an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teil, erhielt 2008 für einen Auszug aus dem Roman «Rückseitenwetter» den Literaturpreis Prenzlauer Berg. Der Roman erschien im Herbst 2011 beim Literaturverlag Poetenladen in Leipzig. 2012 erhielt Christian de Simoni das dreimonatige Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Er lebt seit 1999 in Bern, wo er als Autor und Ghostwriter arbeitet.