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«Zwischen den Dingen liegt Poesie»

Mit ihrer Ausstellung «Ableger» verwischt Flurina Hack die Grenzen zwischen drinnen und draussen, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum und fördert so ganz nebenbei den Austausch im Quartier.

  • Innenaufnahmen der Telefonzelle vor dem Kunst- und Begegnungsraum «gepard14». (Fotos: Martina Messerli)
  • Flurina Hack präsentiert das Herzstück ihrer Ausstellung.
  • Die Quartierbewohner wurden mittels Flyer und einer Infotafel auf die Aktion aufmerksam gemacht.
  • Rot dominiert auch den Innenraum im «gepard14».

Tag für Tag streift unser Auge unzählige Gegenstände, die uns auf den ersten Blick keinen weiteren wert sind. Flurina Hack, freischaffende Künstlerin aus Bern, schaute zweimal hin, als sie vor dem Kunst- und Begegnungsraum «gepard14» eine der selten gewordenen PTT-Telefonkabinen entdeckte, deren verwitterte Aufschrift daran erinnert, dass es ein Leben vor dem Smartphone gab. Telefoniert wird in dieser Kabine schon lange nicht mehr. Trotzdem – oder gerade deshalb – steht sie im Zentrum von Flurina Hacks Ausstellung «Ableger».

«Die Umgebung und die Räumlich- keiten definieren meine Arbeiten.»

Flurina Hack, Künstlerin

Seit bald zwei Monaten arbeitet Hack im «gepard14». Mit der Integration der Gegebenheiten vor den Fenstern des eigentlichen Ausstellungsraumes ist die Installation nicht nur Ableger der Atelierarbeit in den Vidmarhallen, sondern auch ein Ableger von drinnen nach draussen. Die Ausstellung visualisiert Hacks Idee, den privaten mit dem öffentlichen Raum zu verbinden und das Quartier und dessen Bewohnerinnen und Bewohner in die Installation einzubeziehen.

Drinnen und draussen

Drinnen an den weissen Wänden des Ausstellungsraumes kringeln sich rote Linien auf dem schneeweissen Untergrund, als würden sie dem leisen Pianospiel des musikalischen Mieters im Untergeschoss folgen. Sie suchen sich ihren Weg, mal in Zartrosa, mal knallrot, ballen sich zusammen und bilden unvermittelt eine Gestalt. Etwa ein Pferd mit Reiter, zwei Frauen in Tracht, ein grosses Netz, das sich über die Wände spannt. Scharf kontrastiert werden die verspielten Figuren von den geometrischen Linien aus rotem Klebeband, die sich über die Wände hinweg bis hin zum Fenster ziehen und dadurch den Blick auf den Aussenraum lenken.

Martina Messerli

Innenaufnahmen der Telefonzelle vor dem Kunst- und Begegnungsraum «gepard14».

Also, zurück zur Telefonkabine: An drei Sammel- und Tauschtagen hat Flurina Hack die Quartierbewohner eingeladen, ihr rote Gegenstände vorbeizubringen. Bereits am ersten Oktobersamstag kam ein vielfältiges Sammelsurium an Alltagsobjekten zusammen. Ein roter Bundesordner, in dem die frühere Besitzerin offensichtlich Steuerdokumente aufbewahrte, ein Mikrofaser-Lappen, ein zündroter Gartenzwerg oder auch eine gebrauchte Zahnbürste füllen unter anderem die Kabine vom Boden bis zum Dach. Gefragt nach ihren Lieblingsobjekten, verweist Flurina Hack auf Dinge, die extra für ihr Projekt kreiert wurden: die rot lackierten «Chegeletierli», die ein Kindergartenschüler zuvor vorbeigebracht hatte. Eine ältere Dame hat mit knallrotem Garn und dazu passenden Stricknadeln eine «Lismete» beigesteuert, auch sie leuchtet inmitten der anderen Alltagsgegenstände.

Hemmschwellen abbauen

Weshalb eigentlich die Farbe Rot? Am Anfang stand eine mit roter Tinte gezeichnete Skizze, die Flurina Hack nun auf den Wänden des Innenraums umsetzen konnte. Ohne persönlichen Bezug zum Quartier wurde sie erst während ihrer Arbeit im «gepard14» auf die Umgebung aufmerksam. «Der Zufall ist eingeladen», sagt Hack, «die Umgebung und die Räumlichkeiten definieren meine Arbeiten.» Eine zu fixe Vorstellung verschliesse einem den Blick auf die Möglichkeiten, die der jeweilige Ort biete. So steht die endgültige Form der Ausstellung auch zwei Wochen vor der Vernissage noch nicht fest. Der rote Teppich, der den Ausstellungsraum über die Strasse und den Gartenzaun hinweg mit dem Nachbarhaus verbinden wird, existiert erst in ihrer Vorstellung.

Foto: Martina Messerli

Flurina Hack präsentiert das Herzstück ihrer Ausstellung.

Dass durch ihre Ausstellungen und Installationen auch die Quartierbewohner miteinander in Kontakt treten, ist nicht das primäre Ziel von Flurina Hack. Sie bezeichnet dies aber als schönen Nebeneffekt und hat deshalb am zweiten Sammel- und Tauschtag für Stühle und eine Kanne heissen Tee gesorgt, die zum Verweilen einladen. Nicht zuletzt will Hack mit der Wahl ihres temporären Arbeitsortes und dem Projekt «Ableger» Hemmschwellen abbauen und Kunst erfahrbar machen. «Museen und Galerien vermitteln oft den Eindruck, dass Kunst nur einem elitären Kreis zugänglich sei. Der Betrachter soll jedoch eingeladen werden, seiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen», sagt die Künstlerin. Einer von Flurina Hacks Arbeitsansätzen lautet denn auch: «Zwischen den Dingen liegt Poesie. Sie ist das eigentliche Ziel.» Dies könnte genauso gut der Untertitel der Ausstellung im Liebefeld sein, denn als Betrachterin der «roten Zelle» fragt man sich unwillkürlich, wem all die Dinge gehörten und welche Geschichte sich hinter jedem einzelnen Gegenstand verbirgt. Gleichzeitig hat jeder, der etwas zur Installation beigesteuert hat, einen persönlichen Bezug zur aktuellen Arbeit der Berner Kunstschaffenden.

Den Blick schärfen

Bereits in früheren Arbeiten war der Kontakt zur Quartierbevölkerung Teil des Konzepts. So lud Hack zum Beispiel im Bümplizer Kunstraum Cabane B unter dem Titel «Ur-Laub-Wald» die Bevölkerung ein, Souvenirs und Fundstücke aus dem Urlaub vorbeizubringen und integrierte die Menschen und ihre Ferienerinnerungen sozusagen als lebende Exponate in die Ausstellung. Ebenfalls in Bümpliz strickte sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Winter 2010 aus Wolle, die sie im Quartier gesammelt hatten, riesige «Boummittli» für die alte Kastanie vor dem Statthalter-Schulhaus. Ein bunter Hingucker, der nicht nur Blicke auf sich zog, sondern wiederum eine Verbindung zwischen den intimen Gesprächen mit der Mutter im privaten Rahmen und dem öffentlichen Raum schaffte.

Den Blick schärfen für die Dinge des Alltags, das wird Flurina Hack auch mit der aktuellen Ausstellung gelingen. An diesem spätsommerlichen Oktobersamstag spaziere ich vom Liebefeld zurück in die Innenstadt. Dabei, und auch noch Stunden später, wird das Auge magisch von roten Objekten angezogen. Die verwitterte Coca-Cola-Werbung am Balkon gegenüber, die leuchtend roten Bern-Mobil-Billettautomaten, die rot gefärbten Herbstblätter in der Nachmittagssonne.