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Die Stadt wollte einen grossen Vorplatz

Die Reitschule feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Die Geschichte des Gebäudes reicht aber viel weiter zurück. Vor dem Bau des Lorraineviaduktes 1941 war die Reitschule der Treffpunkt für ganz Bern. Nachdem die Gleise den Vorplatz zerschnitten hatten, änderte sich die Nutzung nachhaltig. Dies machte die Transformation zur heutigen Reitschule erst möglich. 

  • Der Vorplatz der Reitschule noch ganz ohne Betonpfeiler. (Foto: SBB Historic – Stiftung Historisches Erbe der SBB)
  • Die SBB hätten am liebsten die Linie durch die Lorraine ausgebaut. (Foto: SBB Historic – Stiftung Historisches Erbe der SBB)
  • Bis zum Start der Arbeiten für den neuen Lorraineviadukt verfügte die Reitschule über einen grossen Vorplatz. (Foto: SBB Historic – Stiftung Historisches Erbe der SBB)

Eigentlich sollte es ja ganz anders kommen. Der Vorplatz der Reitschule, so wie er sich heute präsentiert, war vor rund hundert Jahren nicht das, was die Stadtväter wollten. Sie kämpften dafür, dass der Vorplatz möglichst in seiner ganzen Grösse erhalten blieb. Die Bahn sollte eine neue Linienführung erhalten: Zuerst Richtung Engehalde und von dort über die Aare Richtung Wylerfeld. Daran hatte die Bahn ihrerseits aber kein Interesse. Sie war mit der Linienführung durch die Lorraine, entlang des heutigen Nordrings, vollauf zufrieden und wollte diese Ausbauen. Das verdeutlicht Werner Huber in seinem Buch «Bahnhof Bern 1860–2010» mit verschiedenen Quellen.

Ein (fauler) Kompromiss

SBB Historic – Stiftung Historisches Erbe der SBB

Bis zum Start der Arbeiten für den neuen Lorraineviadukt verfügte die Reitschule über einen grossen Vorplatz.

Während zweier Jahrzehnte kämpfte die Stadt für ihre Linienführung. Dafür liess sie sogar von Carl Otto Gleim, einem der führenden Eisenbahningenieure der Zeit, ein Gutachten erstellen. Dieser kam 1915 zum Schluss, dass eine Linienführung, wie sie die Stadt forderte, die beste Lösung für Bern wäre. Davon liess sich die Bahn nicht beeindrucken. «Der Effort nützte nichts, die SBB hielten an ihrem Standpunkt fest», schreibt Huber. Das Resultat war typisch schweizerisch – ein Kompromiss.

Die Bahnlinie wurde zwar aus der Lorraine an die Lorrainehalde verlagert, aber nicht über die Aare an die Engehalde. So entstand von 1936 bis 1941 der Lehnenviadukt an der Lorrainehalde, der die Reitschule fast streift. Damit war der Vorplatz geteilt. Gleichzeitig wurde die Strasse am Bollwerk verbreitert, und auf der Schützenmatte entstand ein Parkplatz. Das veränderte die Nutzung des Geländes nachhaltig. Zu diesem Schluss kommt auch Huber: «Eine bis heute ungelöste Stelle im Stadtgefüge ist die Schützenmatte, wo die Bahn knapp an der Reitschule vorbeifährt und deren Vorplatz zerschneidet.»

Zirkus, Theater, politische Versammlungen

Von der Einweihung der Reitschule 1897 bis zum Neubau der Bahnlinie 1936 waren dieser Bau und auch der Vorplatz sehr vielseitig genutzt, wie Simon Schweizer in seiner Lizentiatsarbeit 2004 feststellte: «Tatsächlich fanden neben der eigentlichen Nutzung als Reitschule vielerlei Veranstaltungen im Gebäudekomplex auf der Schützenmatte ihren Platz. Basare für Theater und Kunsthalle, Gewerbeausstellungen und politische Versammlungen, wie beispielsweise der Vaterländische Volkstag am 17. Februar 1935, als Bundespräsident Rudolf Minger und weitere Redner für die Wehrvorlage des Bundes warben.» 7000 Leute kamen, um dem BGB-Bundesrat in der Reitschule zuzuhören.

«Tatsächlich fanden neben der eigentlichen Nutzung als Reitschule vielerlei Ver- anstaltungen im Gebäudekomplex auf der Schützen- matte ihren Platz.»

Simon Schweizer, Autor von «AJZ subito? – Jugend und Politik. Eine Wechselwirkung am Beispiel der Berner Reitschule»

«Von allem Anfang an war die Reitschule nicht als ausschliesslich pferdesportliche Anlage konzipiert: Sie war auch als Durchführungsort für Volksversammlungen, Ausstellungen oder Zirkusvorstellungen geplant», schrieb Walter Däpp 2007 zum 20-Jahr-Jubiläum des Reitschulbetriebs im «Bund».

Für alle Lager

Die Bevölkerung der Stadt feierte hier sowohl den 1. Mai als auch den 1. August – wahrscheinlich waren dies aber nicht dieselben Leute. In der Reithalle hatten «sowohl Sozialisten als auch Vaterländische» Platz gefunden, schreiben die beiden Historiker Renat Künzi und Daniel Schläppi 1988 im «Bund»: «Die Reitschule beherbergte sowohl ernsthafte Nüchternheit als auch Freudentaumel. Einmal Luftschutzbunker, ein andermal Künstlerolymp, vereinte sie Widersprüche und Gegensätze unter einem Dach und rückte auf diese Weise in die gesellschaftliche Mitte Berns.» «Sie war Treffpunkt für Elite und Volk», so Schweizer: «Hier fand das öffentliche Leben Berns statt.» Die Reitschule sei auch «ein Barometer für neue Trends» gewesen. Etwas, was die heutigen Betreiberinnen und Betreiber der Reitschule auch für sich in Anspruch nehmen können.

Ende der alten Nutzung

SBB Historic – Stiftung Historisches Erbe der SBB

Der Vorplatz der Reitschule noch ganz ohne Betonpfeiler

Der Neubau der Bahnlinie setzte der ursprünglichen vielseitigen Nutzung allerdings ein Ende. Die Bahnlinie zerschnitt den Vorplatz und schränkte damit die Möglichkeiten deutlich ein. «Das zunehmende Verkehrsaufkommen machte Ausritte rund um die Reitschule problematisch, sodass ausserhalb der Stadt neue Reitanlagen entstanden», so Walter Däpp. Ab den 1960er-Jahren wollte man die Reitschule abbrechen und sanierte das Gebäude deshalb in dieser Zeit auch nicht mehr. 1981 tänzelten die letzten Pferde in der Reitschule. Bald darauf folgten die ersten Jugendlichen, die hier tanzen wollten.