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«Ich bin keine Quotenfrau»

Die Frauenquote

Christine Früh leitet das Vermessungsamt der Stadt Bern seit zehn Jahren. Im Interview spricht sie über das Image des Ingenieurberufs und warum auch Männer gefördert werden müssen. 

  • Christine Früh ist die Stadtgeometerin von Bern.

Journal B: Sie sind Ingenieurin und Leiterin des Vermessungsamtes ‒ sind Sie eine Quotenfrau?

Christine Früh:

Nein. Ich arbeite schon seit zehn Jahren in der Stadtverwaltung. Damals hat man noch nicht über Quoten geredet. Aber es gibt sicher Stationen in meinem Werdegang, wo es mir geholfen hat, dass ich eine Frau bin in einem männerdominierten Bereich. Einfach weil Frauen in der Branche mehr herausstechen und vielleicht auch öfter Gelegenheit bekommen, sich zu beweisen. Die Frage, ob ich eine Quotenfrau bin, begleitet mich bereits meine gesamte Laufbahn. Auch ich selber habe mich oft gefragt, ob ich eine Quotenfrau bin. Aber nach zehn Jahren habe ich die Gelassenheit zu sagen, dass ich nicht wegen einer Quote eingestellt worden bin, sondern weil ich die entsprechenden Qualifikationen und Kompetenzen mitgebracht habe.

Wie sind Sie Stadtgeometerin geworden?

Ganz einfach: Die Stelle war in den entsprechenden Branchenzeitungen ausgeschrieben, und ich habe mich beworben. Kommt noch dazu, dass  mich der damalige Generalsekretär angerufen und auf die Stelle aufmerksam gemacht hat. Er hat mich ermuntert, mich zu bewerben.

«Meine Mutter hat mir vorgelebt, dass Frauen arbeiten und trotzdem eine Familie haben können.»

Christine Früh

Wer hat Sie während Ihres Berufslebens gefördert?

Ganz wesentlich meine Eltern, die beide zu 100 Prozent berufstätig gewesen sind. Mein Vater ist auch Geometer und meine Mutter ist Zahnärztin. Ich hatte ein gutes Vorbild. Meine Mutter hat mir vorgelebt, dass Frauen arbeiten und trotzdem eine Familie haben können. Zudem habe ich in meinem Werdegang immer wieder Glück gehabt, dass ich auf Leute getroffen bin, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben.

Waren das Frauen oder Männer?

Das sind eher Männer gewesen ‒ im Studium wie auch in meinen Anstellungen. Das liegt natürlich daran, dass die Branche männlich dominiert ist.

Wie treffen Sie heute selber Personalentscheide?

Es spielt bei mir keine Rolle, ob die Bewerbung von einem Mann oder einer Frau stammt. Zuerst schaue ich, was er oder sie für fachliche Qualifikationen mitbringt. Wichtig sind zudem natürlich der persönliche Eindruck und ob die Person ins Team passt. Bei all diesen Überlegungen ist das Geschlecht zweitrangig.

Aber wenn sich nun eine Frau und Mann mit gleicher oder ähnlicher Qualifikation bewerben, wem geben Sie dann den Vorzug?

Das ist mir in meinem Werdegang bisher noch nicht begegnet. Es gibt immer Unterschiede und nie zwei gleiche Qualifikationen. Wenn ich schon in der komfortablen Lage wäre, dass sich zwei Personen bewerben und ich zwischen Mann und Frau wählen könnte, dann hätte die Frau einen gewissen Bonus. Aber ausschlaggebend ist letztlich das Gesamtbild. Ich möchte gerne Frauen fördern, nur haben wir in unserer Branche leider die Schwierigkeit, dass es kaum welche gibt. Ohnehin haben wir ein Nachwuchsproblem, uns fehlen auch Männer.

«Wir haben ein Nachwuchsproblem, uns fehlen auch Männer.»

Christine Früh

Wie könnte man dafür sorgen, dass mehr junge Frauen Ingenieurinnen werden?

Das ist schwer zu sagen. Mädchen sollten sehen, dass es selbstverständlich ist, Ingenieurin zu werden, im technischen Bereich zu arbeiten oder Führungsaufgaben übernehmen. Das fängt bereits im Kleinen an. KIDSInfo ist ein Projekt der Schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen, das Mädchen bereits in jungen Jahren anspricht. Für Jugendliche gibt es den Zukunftstag. Auch hier versucht man verstärkt, Mädchen für technische Berufe zu begeistern. Aber das Bild einer Ingenieurin wird leider nach wie vor als zu wenig weiblich wahrgenommen. In der öffentlichen Meinung ist ein Ingenieur doch männlich. Das muss man ändern. Aber ich habe keine Patentlösung. Ich kann jungen Frauen nur weitergeben: Ich bin Ingenieurin mit Leidenschaft und bin auch gerne eine Führungskraft. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass es egal ist, ob ein Mann oder eine Frau die Arbeit macht. Ein weiterer Punkt ist: Heute wird vor allem über Frauenförderung geredet, aber gleichzeitig müssen auch die Männer gefördert werden. Sie müssen sich noch viel mehr erklären als Frauen, und es ist weniger akzeptiert, wenn sie Teilzeit arbeiten. Für sie braucht es ebenso flexible Arbeitsmodelle, die es leichter und selbstverständlich machen, dass sie ihr Pensum reduzieren können, wenn sie Vater werden. Meine Familie würde zum Beispiel nicht funktionieren, wenn nicht mein Mann auch die Hälfte an Kinderbetreuung und Hausarbeit übernehmen würde.

«Für Männer braucht es ebenso flexible Arbeitsmodelle, damit sie ihr Pensum reduzieren können.»

Christine Früh

Und wie machen Sie das selbst als Chefin?

Ich habe gute Erfahrungen mit Teilzeitpensen gemacht, auch im Kaderbereich. Ich unterstütze das, wo immer möglich. Ich würde jedem meiner Mitarbeiter, auch im Kader, erlauben, auf 80 Prozent zu reduzieren. Denn ein 80-Prozent-Pensum lohnt sich auch für den Arbeitgeber; die Angestellten sind hoch motiviert, speditiv und oft besser organisiert. Die physische Anwesenheit ist nur einer von vielen Faktoren eines Arbeitsverhältnisses.