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Mathematik als Ticket für technische Berufe

Die Frauenquote

Bern hat künftig eine Frauenquote für die Stadtverwaltung. Eine grosse Aufgabe für Personalerinnen und Personaler, denn gerade in technischen Berufen sind Frauen rar. Das könnte mithilfe des Fachs Mathematik bald ändern.

Im Tiefbauamt Bern herrscht Frauenmangel. In nahezu allen Direktionen fehlt es vor allem im oberen Kader an Frauen, mit Ausnahme der Sozialdirektion. Mit dem Entscheid des Stadtrats für eine Frauenquote von 35 Prozent für das Kader der städtischen Verwaltung soll sich das ändern. Aber die Umsetzung dürfte schwierig werden, denn es fehlt an Fachfrauen insbesondere im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Damit sich daran etwas ändert, muss bereits der Unterricht in den Primarschulen auf Mädchen zugeschnitten werden. Denn ob eine Frau einmal Ingenieurin oder Elektrotechnikerin wird, entscheidet sich lange vor der Matur. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Schweizerischen Nationalfonds.

Bereits Primarschülerinnen fördern

Ein Forscherteam um die Erziehungswissenschaftlerin Christine Bieri von der Pädagogischen Hochschule Zürich hat 1460 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten vor und nach der Matur zu ihren Studienwünschen befragt. Das Ergebnis: Nur die Mädchen, die schon vor der Matur Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT-Fächer) studieren wollen, tun dies nachher auch.

«Nur 7 Prozent der 15-jährigen Mädchen interessieren sich für ein technisches Studium.»

Studie «Frauenmangel in technischen Berufen»

Aus einer Zusatzbefragung weiss man, dass sich nur 7 Prozent der 15-Jährigen für ein technisches Studium interessieren. Das bedeutet, dass der Entscheid gegen die Ingenieurwissenschaften schon früher erfolgt. «Deshalb sollten Schülerinnen bereits in der Primarschule für diese Fachrichtung ermuntert werden, zum Beispiel mit Experimenten», sagt Bieri. 

Ausgerechnet ein Fach, das polarisiert, die Mathematik, könnte der Schlüssel dafür sein, dass Mädchen einen technischen Beruf wählen. Auch das haben Bieri und ihre Kolleginnen herausgefunden. Denn Mädchen, die sich für einen technischen Beruf entschieden haben, geben oft Mathe als ihr Lieblingsfach an – sogar wenn sie keine sehr guten Noten haben. 

Ingenieurinnen erfüllen auch soziale Aufgaben

Mädchen und Technik näher zusammenbringen will auch die ETH Zürich. Das sollte bereits in der Primarschule beginnen. «Allerdings muss ein technisches oder naturwissenschaftliches Thema für Mädchen anders in den Unterricht eingebettet werden als bei Knaben», sagt Kristin Hoffmann von der Stelle für Chancengleichheit für Mann und Frau (Equal) an der ETH.

«Technische Themen müssen für Mädchen anders in den Unterricht eingebettet werden als für Knaben.»

Kristin Hoffmann

Was bedeutet das konkret? «Mädchen lassen sich auch vom Thema Robotik eher begeistern, wenn sie erleben, dass ein Roboter anderen Menschen helfen kann.» Der Grund ist, dass Mädchen und Frauen mit ihrem Beruf häufig einen gesellschaftlichen oder sozialen Beitrag leisten und zudem in einem Team eingebunden sein wollen. «Doch die wenigsten Mädchen wissen, dass beispielsweise eine Ingenieurin durchaus soziale Aufgaben erfüllen kann», erklärt Hoffmann. 

Mädchen sind breit interessiert

Für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren an Kantonsschulen hat die ETH das Computerspiel MINT-Land entwickelt hat. Darin können sie einen weiblichen oder einen männlichen Avatar spielen. «Damit versuchen wir den Grundstein dafür zu legen, dass die Kinder über die Schulkarriere hinweg ihr Interesse an den Naturwissenschaften erhalten», sagt Hoffmann. Viele Mädchen können sich durchaus für Mathematik oder Chemie erwärmen. Oftmals geraten diese Interessen dann aber während der Pubertät in den Hintergrund.

«Jungen Frauen fehlt eine genaue Vorstellung von technischen Berufen.»

Kristin Hoffmann

Eine ETH-Umfrage unter Maturandinnen und Maturanden zeigte zudem, dass junge Frauen bezüglich ihrer Berufswahl ein breites Interesse sowohl an Sozial- als auch MINT-Fächern haben, dabei aber häufig unentschieden sind, welche Studienrichtung sie gehen wollen. «Die jungen Frauen wollen schon im Vorfeld sehr genau wissen, wie ein Studium aussieht und welcher Job daraus resultieren könnte. Oft haben sie keine genaue Vorstellung von den technischen Berufen. Eine Berufsberatung könnte ihnen konkrete Berufsbilder aufzeigen und vermitteln, dass sich soziale oder geisteswissenschaftliche Aspekte in den MINT-Studiengängen sehr gut integrieren lassen», erläutert Hoffmann. 

Nachholbedarf bei Lehrpersonen

Zudem fehlen laut Equal den Mädchen häufig Vorbilder sowie die permanente Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlich-technischen Themen in der Schule. «Viele Lehrpersonen in der Primarschule trauen sich solche Themen nicht zu, weil ihnen das hierfür notwendige Wissen fehlt. Da müssen wir ansetzen», betont Hoffmann. Sie verweist auf das MINT-Lernzentrum der ETH, das sich speziell an Lehrpersonen richtet. Sie finden dort Anregungen und Material für einen spannenden Unterricht und können Fortbildungen in den Fächern Physik, Chemie und Mathematik absolvieren.