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Die Bern-Utopie von Alexander Tschäppät (SP)

Schönes neues Bern

Der erneut kandidierende Stadtpräsident Alexander Tschäppät berichtet aus seiner utopischen Zukunft: Die Reichtumsschere wurde mit dem Brecheisen geschlossen, Kieselsteine in der Aare sind Kraftwerke und Bern ist stolz auf sein Kulturboulevard.

Das Ende der Dynastie: Stadtpräsident Alexander Tschäppät (Foto: Manuel Gnos)

«Unsere Generation hat viel geschenkt bekommen: Eine intakte Altstadt, Grünflächen, die Aare. Diese Lebensqualität der nächsten Generation zu übergeben war das wichtigste. Was Fragen der Umverteilung, der Energieversorgung, des Verkehrs und der Stadtplanung betraf, wurden darüber hinaus Verbesserungen erzielt.

«Selbst das Waisenhaus, früher ein Polizeiposten, wird kulturell genutzt.»

Alexander Tschäppät, SP

Noch 2012 wurden die Armen immer ärmer, während wenige Reiche ihre Vermögen mehrten. Wer in der Kanalisation buchstäblich im Dreck der anderen arbeitete, hatte nicht nur einen mühsamen Job, sondern seine Arbeit galt auch weniger als diejenige des Bankers oder Managers, der gemütlich in seinem Sessel sass und ein Mehrfaches verdiente. Da die Vermögenden ihrer Mittel wegen auch die politische Macht innehatten, war es schwierig, dies zu ändern. Zunächst musste das Brecheisen her: Mindestlöhne per Gesetz, Erbschaftssteuer, Abschaffung der Pauschalsteuer, Abbau der Steuerschlupflöcher, Einschränkungen gegen das Steuerdumping, und so weiter. Inzwischen braucht es keine Brecheisen mehr. Heute sagt man sich: «Dass jemand meinen Dreck wegräumt, das ist mir viel Wert.»

Über Windräder lachen

Das Atomkraftwerk Mühleberg ist längst vom Netz. Der Strom kommt einerseits aus Anlagen wie der schon alternden KVA, vor allem aber aus Kleinstkraftwerken. Folien auf Fenstern erzeugen Strom, sogar aus sich im Flussbett der Aare bewegenden Kieselsteinen wird heute Energie gewonnen. Über die Zeiten, als man am liebsten Solaranlagen auf Dächer des Unesco-Weltkulturerbes Altstadt oder Windräder in den Dählhölzliwald gebaut hätte, lacht man rückblickend leicht ungläubig.

Weiter eingeschränkt wurde der Individualverkehr. Die Autobahnen queren die Stadt im Untergrund. Fast alle ehemaligen Buslinien werden von Trams bedient. Musste man früher meist am Bahnhof umsteigen, so gibt es heute Tangentiallinien. Etwa von Wabern ins Kirchenfeld oder von der Waldstadt über der Autobahn im Bremgartenwald via Park&Ride Neufeld in den Breitenrain.

Wohnen im Gaswerkareal

Apropos Waldstadt: Zentrumsnahes Wohnen ist sehr gefragt. Im Saali wohnen tausende Leute mehr als noch 2012. Man hat auf kühne Hochhausarchitektur statt auf langweilige vierstöckige Häuser gesetzt. Gewohnt wird auch in Teilen des Gaswerkareals und auf der Schützenmatte.

«YB ist in Europa eine Macht, hat schon zweimal die Champions League gewonnen.»

Alexander Tschäppät, SP

Im Gaswerkareal vertrug sich das Wohnen nicht mit dem Partybetrieb des Gaskessels. Die Jugendlichen wollten ohnehin im Zentrum feiern. Ganz anders sieht das auf der Schützenmatte aus: Hier wohnen Leute, die bewusst urbanes Leben suchen und die auch in der Nacht merken wollen, dass sie in der Stadt leben. Die Parkplätze sind verschwunden, dafür konnten eine eher kleine Stadthalle und Kinosäle gebaut werden.

Bern ist berühmt für den sogenannten Kulturboulevard. Er reicht vom Waisenhausplatz über Hodlerstrasse, Schützenmatte und das Bollwerk hoch bis zum Bahnhof, ist autofrei und begrünt. Progr, Kunstmuseum und Reitschule gibt es noch immer. Neu hinzugekommen ist unter anderem ein Ersatz für den Gaskessel. Selbst das Waisenhaus, früher ein Polizeiposten, wird kulturell genutzt.

YB ist in Europa eine Macht, hat schon zweimal die Champions League gewonnen. Keine «Macht» mehr hat die Tschäppät-Dynastie. Die Söhne des einstigen Stapis wollten nichts mit Lokalpolitik zu tun haben.»

Zur Person

Der 60-jährige Alexander Tschäppät ist seit 2005 Stadtpräsident. Der Sozialdemokrat sitzt im Nationalrat und wohnt in Schönberg-Ost, wo früher Bauernführer gehängt wurden. Er hat zwei erwachsene Söhne. In Bild und Ton lernen Sie ihn hier kennen.


Schönes neues Bern

13 von 14 Gemeinderatskandidatinnen und -kandidaten haben uns ihre Utopien für die Stadt Bern erzählt. Die Fragestellung: «Wie sähe die Stadt aus, wenn Sie nahezu unbeschränkte Mittel und nahezu unbeschränkte Gestaltungsmacht hätten?» Die Antworten lesen Sie bis Ende Oktober im Dossier «Schönes neues Bern».