Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Protest gegen Brabeck-Referat

Ein Referat des Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck sorgt für Kritik innerhalb und ausserhalb der veranstaltenden PH Bern. Auf Facebook wird zu einer Gegendemo aufgerufen.

Der Widerstand hatte sich angekündigt: Peter Brabeck, Verwaltungsratspräsident des Nahrungsmittelmultis Nestlé, wird auf Einladung der Pädagogischen Hochschule PH einen Vortrag in Bern halten. Auf Facebook rufen Jugendliche zu einer Demonstration dagegen auf, auch innerhalb der Hochschule wird Kritik an der Veranstaltung laut.

«Die Pädagogische Hochschule müsste ein Gegenreferat zu Brabeck organisieren.»

Thomas Kesselring, Ethikdozent an der PH

Am Montag, 22. Oktober, soll der ehemalige CEO und heutige Verwaltungsratspräsident von Nestlé am Institut für Weiterbildung der PH im Berner Schosshaldenquartier ein einstündiges Referat zum Thema «Innovationen umsetzen» halten. Brabeck habe mit dem Unternehmen «zahlreiche Innovationen erfolgreich umgesetzt», die dem Referat folgende Diskussion biete Gelegenheit, die Innovationsfähigkeit von Schulen zu thematisieren, heisst es in der Veranstaltungseinladung.

Auf Facebook wird bereits zu einer Gegendemonstration unter dem Motto «Brabeck in die Wüste schicken» aufgerufen. Der Aufruf ist von keiner Organisation gezeichnet, die Mobilisierung scheint derzeit besonders junge Leute anzusprechen. Inhaltlich kritisiert der Aufruf Nestlés Strategie, Wasserquellen zu privatisieren, um damit – so der Aufruf - zur Profitmaximierung Menschen von dieser lebenswichtigen Ressource abzuschneiden. Die PH dürfe Brabeck kein Podium für seine «menschenfeindlichen 'Innovationen'» bieten. Auftritte von Brabeck an der Uni Zürich und an einem Menschenrechtsforum in Luzern hatten 2009 zu Protesten geführt.

Hochschule hält an Ablauf fest

Cla Martin Caflisch, Kommunikationsbeauftragter des Instituts, teilt auf Anfrage von Journal B schriftlich mit: «Wir haben Kenntnis vom Demonstrationsaufruf, gehen aber nach wie vor davon aus, dass wir das Montagsforum im vorgesehenen Rahmen durchführen können.»

«Ist es eine Innovation, kritische Organisationen zu bespitzeln?»

Barbara Rimml, Attac-Aktivistin

Das Geschäftsgebaren Nestlés beziehungsweise Brabecks war in den letzten Jahren mehrmals heftig in der Kritik gestanden: Neben der Wasserprivatisierung, die jüngst im Dokumentarfilm «Bottled Life» ein breiteres Publikum erreicht hat, steht Nestlé im Ruf, gewerkschaftsfeindlich zu sein. Bewiesen ist, dass Nestlé unter Brabecks Führung während Jahren die globalisierungskritische Organisation Attac in Lausanne durch Spitzel hatte ausspionieren lassen.

Barbara Rimml von Attac hält es für zynisch, dass Brabeck zum Thema Innovation sprechen wird: «Ist es eine Innovation, Wasser in Plastikflaschen abzufüllen und teuer zu verkaufen? Ist es eine Innovation, kritische Organisationen zu bespitzeln?», fragt Rimml. Attac werde voraussichtlich vor dem Veranstaltungsort «eine Aktion organisieren» oder Flugblätter verteilen. Wer den Demoaufruf auf Facebook lanciert habe, wisse sie hingegen nicht.

Forderung nach Gegenreferat

Neben der Kritik von aussen, gibt es auch PH-intern Bedenken. PH-Dozent und Ethikprofessor Thomas Kesselring fragt sich grundsätzlich, was Schulen von multinationalen Konzernen überhaupt lernen könnten. «Abgesehen davon ist Brabeck eine sehr kontroverse Figur», sagt Kesselring. Gewisse Fragen im Zusammenhang mit dem Geschäftsgebaren des Konzerns dürften nicht ignoriert werden, «ein Gegenreferat wäre absolut notwendig», so der Dozent. An der ETH Zürich sei ein Referat Brabecks mit einem Gegenreferat von Peter Niggli vom Hilfswerkverband Alliance Sud ergänzt worden. «Da hat es dann auch keine Demonstration gegeben.» Kesselring sagt, er habe sich bereits vor Wochen erfolglos an die Organisierenden des Montagsforums gewandt und angeregt, ein solches Gegenreferat einzuplanen.

«Es gibt immer auch Raum für kritische Rückfragen»

Cla Martin Caflisch, Sprecher der PH

Cla Martin Caflisch von der PH schreibt auf die Nestlé-Kritik angesprochen Folgendes: «Die erwähnten Kritikpunkte sind uns bekannt. Sie stehen jedoch nicht im Mittelpunkt dieser Veranstaltung.» Das Programm folge dem bewährten Ablauf der seit fünf Jahren stattfindenden Montagsforen: Begrüssung, Referat der eingeladenen Person, Diskussion und Fragen aus dem Publikum. «Dabei gibt es immer auch Raum für kritische Rückfragen», so Caflisch.

Professor Thomas Kesselring hält diese Haltung für «ziemlich naiv». Er überlegt sich, nun selber ein Flugblatt zu Nestlé zu verfassen und es vor dem Eingang zu verteilen – damit eine kritische Diskussion überhaupt möglich werde.

Peter Brabeck (geschätztes Vermögen laut «Bilanz»: zwischen 100 und 200 Millionen Franken) wird am Auftritt übrigens nichts verdienen. Er habe die Hochschule gebeten, das Honorar einer wohltätigen Organisation zu spenden, teilt die PH mit.