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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Gösgen und Fessenheim versorgen halb Bern

Die Hälfte des Stroms, den Energie Wasser Bern verkauft, stammt aus Atomkraftwerken – zur Hauptsache aus Gösgen und zu einem kleinen Teil aus Fessenheim. Das wird in den kommenden zwanzig Jahren komplett ändern müssen.

Die Energiezentrale Forsthaus macht ab 2013 Abfall und Gas zu Strom.

Was macht die EWB damit das AKW wegkommt? Diese Frage stellen sich verschiedene Leserinnen und Leser des Journal B. Dafür muss man erst einmal wissen, wie viel Atomstrom über das Netz von Energie Wasser Bern überhaupt verteilt wird. Diese Transparenz will der Energieversorger der Stadt Bern seinen Kunden auch liefern. Alljährlich teilt das Unternehmen deshalb auf seiner Webseite mit, woher der Strom im einzelnen kommt. 2011 stammten demnach 51,06 Prozent des Stroms, der an Berner Steckdosen bezogen wird, aus Atomstrom – allerdings nicht aus Mühleberg. Der ins Netz abgegebene Schweizer Atomstrom stammt laut den Angaben der EWB grösstenteils aus Gösgen.
 Rund 6 Prozent des Atomstroms bezogen die Kundinnen und Kunden der EWB 2011 aus Fessenheim sowie aus dem Graustrom-Handel.

Immer weiter ausbauen

Bern muss vom Atomstrom loskommen. Dieses Ziel hat der Bundesrat für die ganze Schweiz definiert. Sind die vom Bund vorgegebenen Zielsetzungen für die Energiewende für die Stadt Bern aber auch realistisch? Wie die EWB erklärt, leistet ihre Produktionsstrategie einen Beitrag an die Energiewende. «Energie Wasser Bern hat sich zum Ziel gesetzt, jedes Jahr einen Mindestanteil von 11 Gigawattstunden produzierter Energie aus erneuerbaren Quellen zuzubauen, um so produktionsseitig bereit für den Atomausstieg zu sein», schreibt das Unternehmen auf eine entsprechende Anfrage.

Wer kauft diesen Strom

11 Gigawattstunden sind 11'000'000 Kilowattstunden, für deren Produktion jedes Jahr neue Anlagen gebaut werden müssen. Das ist ziemlich viel Strom. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen gibt an, dass ein Haushalt in einem Mehrfamilienhaus durchschnittlich 3500 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbraucht. Jährlich sollen also rund 3100 Hauhaltungen ihren Verbrauch auf erneuerbare Energien umstellen können. Ob sie das in diesem Tempo auch tun, solange noch günstigerer Bandstrom vorhanden ist, darf in Frage gestellt werden. Der aktuelle Strommix deutet nicht darauf hin. Die Zielsetzung der EWB ist es, die Produktionskapazität für den Ersatz von AKWs im eigenen Portfolio zu haben.

Kein Solarpanel auf jedes Berner Hausdach

Das Unternehmen setzt dabei nicht primär auf neue Anlagen vor Ort, sondern auf ein Engagement in Regionen «wo dies auch effizient ist». Konkret geht es um eine Windkraftanlage in Spanien und um drei Anlagen in Deutschland, an denen die EWB Anteile hat. Alleine die Anlage in Spanien liefert im Schnitt jährlich 63'000'000 Kilowattstunden Windstrom, den das Unternehmen verkauft. Allerdings nicht direkt in Bern. Der 

Fotos: Beat Kohler

Auf dem Tramdepot von Bernmobil erzeugt eine Fotovoltaikanlage Strom.

Verlust bei der Übertragung in die Schweiz wäre zu gross. Der Strom wird in Spanien verkauft. Die EWB bezieht im Bedarfsfall erneurbare Energie aus anderen, näher gelegenen Produktionsstätten. Im Bereich Fotovoltaik betreibt Energie Wasser Bern Anlagen vor Ort. Die Kleinste, auf dem Business Park Bern, produziert jährlich 31'400 Kilowattstunden. die Grösste, auf dem neuen Tramdepot von Bernmobil, 257'000 Kilowattstunden. Das ist allerdings wenig verglichen mit den Anlagen, an denen das Unternehmen in Spanien und Italien beteiligt ist. Eine Anlage in Granada, welche ganz der EWB gehört, produziert jährlich rund 6'200'000 Kilowattstunden elektrische Energie. In diesen Grössenordnungen lässt sich der geplante Zubau leichter erreichen.

Die Krux mit dem Wasser

Natürlich produziert die EWB auch Wasserkraft und ist an Wasserkraftwerken beteiligt. Unter anderem an den Kraftwerken Oberhasli. Energie Wasser Bern sieht hier die Chance «im Ausbau und der Optimierung von bestehenden Grossanlagen». Diese gestaltet sich allerdings nicht ganz Problemlos. Die Optimierung der Anlagen an der Grimsel ist weitgehend unbestritten. Diese bringt eine beträchtliche Mehrproduktion mit sich. Anders sieht es beim Ausbau aus. Auch nachdem sich der Bernische Grosse Rat für die Erhöhung der Grimselstaumauer ausgesprochen und Anfang September eine entsprechende Konzession erteilt hat, ist dieser Kampf noch nicht zu Ende. Schlussendlich werden die Gerichte darüber entscheiden, ob die Mauer erhöht werden darf. Umweltorganisationen wie der WWF sind überzeugt, dass ihre Argumente gegen die Erhöhung schlagend sind. Zumal die Erhöhung in erster Linie dazu dient, Strom dann zu produzieren, wenn er am dringensten gebraucht wird oder – je nach Lesart – am meisten Ertrag abwirft.

Ein Fossil für die Zukunft

Die Energiezentrale Forsthaus macht ab 2013 Abfall und Gas zu Strom.

Die Energiezentrale Forsthaus macht ab 2013 Abfall und Gas zu Strom.

Ein wesentlicher Teil zur Energieversorgung der Stadt Bern wird ab dem nächsten Frühjahr die neue Energiezentrale Forsthaus beitragen. Sie wird jährlich 360'000'000 Kilowattstunden Elektrizität ins Netz einspeisen. Das wird helfen, die Abhängigkeit vom Atomstrom zu verringern. Dafür erhöht es die Abhängigkeit von Fossilen Energieträgern, denn mehr als die Hälfte der installierten Leistung wird von einer Gasturbine erbracht – mit dem entsprechenden CO2-Ausstoss. Grundsätzlich ist es effizienter, mit einem grossen Brenner Strom und Wärme zu produzieren, als mit vielen kleinen Ölbrennern in einzelnen Gebäuden Wärme zu erzeugen. Energie Wasser Bern betrachtet diese Produktion als einen «Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen». Dies weil so künftig weniger Strom aus dem Ausland importiert wird, der heute aus dem europäischen Strommix stammt. «Deshalb sinkt der gesamte CO2-Ausstoss für die Berner Stromversorgung mit der neuen Anlage um 57'000 Tonnen pro Jahr», rechnet die EWB vor. So oder so ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe aus Sicht des Klimaschutzes problematisch. Einen möglichen Ausweg sieht ewb in der Geothermie. Ob und wann dieser Weg beschritten werden kann, steht nach Rückschlägen für diese Technologie – beispielsweise nach den Erdbeben durch Geothermie-Bohrungen in Basel – in den Sternen.