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Journal B

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Angst vor der Aufwertung

Die Stadt möchte Anfang 2014 einen Gestaltungswettbewerb für die Schützenmatte ausschreiben. Während die Politik von Hochhäusern träumt, herrscht vor Ort Skepsis: Man hätte lieber eine Kulturallmend.

Verdrängt eine Überbauung die bisherigen Benutzerinnen und Benutzer? Sicht auf die Schützenmatte. (Foto: Manuel Gnos)

Jetzt soll es plötzlich vorwärtsgehen mit der Planung Schützenmatte. Läuft alles wie vorgesehen, werde die Stadt bereits Anfang 2014 einen Wettbewerb für die konkrete Umgestaltung des Areals ausschreiben, sagt Berns Stadtplaner Mark Werren (siehe Kasten rechts).

Hochhausideen à gogo

An Ideen für eine künftige Nutzung des Geländes beim Bollwerk und der Reitschule mangelt es nicht. Stadtpräsident Alexander Tschäppät und verschiedene Vertreter der FDP reden über ein Hochhaus oder gar einen Wolkenkratzer, je nach Variante mit Kombinationen von Geschäfts-, Bildungs-, Kultur-, Verwaltungs- oder Wohnnutzung. Auch Exponentinnen und Exponenten der Mitte-Liste äusserten gegenüber Journal B im Rahmen ihrer Bern-Utopien Überbauungsfantasien: Sie reichen von Restaurants unter der Eisenbahnbrücke bis hin zur Errichtung eines triumphbogenartigen Eingangstors zur Stadt mit integriertem Schwimmbad.

«Wir wollen eine kommerzfreie Kulturallmend.»

Tom Locher, Mediengruppe Reitschule

Kaum zu Wort gekommen sind bisher jene Kreise, welche die Schützenmatte oder ihre Ränder bereits heute nutzen. Von zentraler Bedeutung ist die Reitschule. Tom Locher von der Reitschule-Mediengruppe macht klar, dass er von einer Überbauung und insbesondere einem Hochhaus mit Wohnnutzung nichts hält: «Man braucht nur nach Luzern zu schauen, wo neben dem alternativen Kulturzentrum Boa Wohnungen gebaut worden waren: Die neue Nachbarschaft klagte und die Boa wurde geschlossen.» Ähnliche Entwicklungen liessen sich derzeit etwa beim Jugendkulturzentrum Hangar in Ostermundigen beobachten, so Locher weiter. Dennoch wolle auch die Reitschule nicht alles beim Alten lassen: «Wir setzen uns etwa seit längerem für mehr Belebung und eine bessere Beleuchtung der Schützenmatte ein – das würde zu mehr Sicherheit führen.»

Bald ein Bollwerk-Leist?

Die Reitschule versuchte in jüngerer Vergangenheit zusammen mit Restaurants, Clubs, Institutionen und Privatpersonen einen Quartierleist zu gründen. Das Projekt «Bollwerk-Leist» sei zwar etwas versandet  –  so Tom Locher  –, «es könnte aber wieder an Fahrt gewinnen, wenn die Schützenmatt-Planungsfragen konkret werden». So stünde zur Debatte, sich für eine «kommerzfreie Kultur- und Begegnungsallmend Schützenmatte» einzusetzen – eine Art Spielplatz für alle Generationen.

«Überall sonst ist es härzig, verträumt oder grün.»

Diego Dahinden, Mitinhaber Restaurant Kapitel

Locher: «Wären die Parkplätze weg, könnten wir zum Beispiel sofort Pingpongtische aufstellen und Bocciabahnen erstellen.» Für einen Teil des Platzes könnte die Quartierorganisation einst auch Infrastruktur bereithalten: «Wenn jemand auf der ‹Schütz› ein nicht kommerzielles Konzert oder einen politischen Anlass veranstalten will, könnte er Bühnenelemente oder sonstige technische Geräte beim Leist gratis beziehen», sagt Tom Locher.

Die Umgebung der Schützenmatte sei heute eine «No-go-Area» oder gar ein «Unort», wie die städtischen Freisinnigen monierten. Mit Hunderten von Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmern, die sich jedes Wochenende dort tummeln, handelt es sich freilich um eine ziemlich belebte «No-go-Area».

Sanfte Aufwertung statt Verdrängung

Einen Teil dieses Partyvolkes zieht es seit bald einem Jahr ins «Kapitel» – ein Lokal, das tagsüber als Restaurant, abends und nachts als Club mit zumeist elektronischer Musik genutzt wird. Mitinhaber Diego Dahinden hält viel von der Gegend: «Das Bollwerk und die Schützenmatte sind der einzige Ort Berns, wo man sich wie in einer Grossstadt vorkommt – überall sonst ist es härzig, verträumt oder grün.» Die Gegend sei das Gegenteil eines Unortes, er erlebe pulsierendes Leben und das Zusammentreffen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen: «Vom Bürovolk über die Drogenabhängigen bis zur Nachtschwärmerin kommen hier alle aneinander vorbei», so Dahinden.

Dass Auto- und Eisenbahnverkehr Lärm machten, sei nicht nur schlecht: «Unter anderem deshalb ist man im Bollwerk um einiges weniger lärmsensibel als an anderen Orten Berns», sagt Dahinden. Das würde sich mit einer Wohnnutzung auf der Schützenmatte, die nur im höheren Preissegment denkbar sei, wohl ändern. «Den reichen Kultur-Yuppie, den sich die Städte immer wünschen, den gibt es nicht.» Man müsse nur nach Berlin schauen, um zu sehen, was passiere, wenn Wohlhabende, sogenannt Kreative, in Szeneviertel zögen: «Der Verdrängungskampf würde sofort beginnen», meint Dahinden. Ebenfalls ablehnend beurteilt er eine mögliche kommerzielle Nutzung der ‹Schütz›: «Auch das würde Mietzinssteigerungen für Wohnungen und kleine Läden in der Nachbarschaft bedeuten.»

«Es wird nur um Ästhetik und Wertsteigerung gehen.»

Ruedi Löffel, Kirchliche Gassenarbeit Bern

Aber selbst Dahinden möchte nicht am Status quo festhalten: «Sanften Aufwertungsprojekten stehen wir positiv gegenüber.» Ideen seien vorhanden: etwa eine Bushaltestelle und ein Taxistand anstelle der vom «Kapitel» aus gesehen ersten Autoreihe des Schützenmatte-Parkplatzes. Das Team des «Kapitel» könnte sich auch vorstellen mitzuhelfen, den heute kaum genutzten Klee-Platz zwischen «Kapitel» und der Drogenanlaufstelle zu beleben. «Wichtig wäre dabei, dass der Platz für alle zugänglich bleibt und nicht wie die City-Beach auf der Grossen Schanze öffentlicher Raum privatisiert wird», sagt Diego Dahinden.

Verdrängung der Gassenleute?

Die Schützenmatte sei ein Ort, wo sich nur die Klientel der Drogenanlaufstelle wohlfühle, heisst es in der Projektausschreibung für einen Schützenmatt-Ideenwettbewerb der Firma Schindler. Man könnte auch fragen: Wo fühlt sich die Klientel der Drogenanlaufstelle denn noch wohl, wenn die Schützenmatte überbaut würde?

Ruedi Löffel von der Kirchlichen Gassenarbeit Bern stellt fest, dass der Raum Schützenmatte wegen der Notschlafstelle Sleeper an der Neubrückstrasse, der Drogenanlaufstelle und der Reitschule ein wichtiger Raum für die Gassenleute sei, wenn auch weniger als noch vor ein paar Jahren: «Damals wurden sie stärker als heute als Unerwünschte aus der Innenstadt vertrieben und sind auf der Schützenmatte gelandet.»

Momentan sei einerseits der Druck in der Stadt kleiner und es seien mehr die Jugendlichen, welche in der Innenstadt als störend wahrgenommen und auf die Schützenmatte und auf den Vorplatz der Reitschule gedrängt würden – «aber es wird wohl wieder Zeiten geben, in denen der Druck in der Innenstadt steigen wird. Und wo sollen sie dann hin?» Für Löffel ist klar, dass eine Aufwertung der Schützenmatte zu Konflikten mit den bestehenden Angeboten führen würde: «Wenn gehobene Einkaufsgelegenheiten, wenn ein Park für Familien oder wenn Wohnungen entstehen, dann liegt es auf der Hand, dass auch ein Interesse entsteht, die Gassenleute wegzuhaben.» Als die Stadt etwa den Bahnhofplatz «schön gemacht» habe, habe das die Vertreibung der Gassenküchen bedeutet, sagt Löffel. «Schliesslich wird es um wertsteigernde und ästhetische Massnahmen gehen – an die heutigen Nutzer und ihre Bedürfnisse wird man leider kaum denken.»