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So schön scheppert Schrott

Eine Klasse aus Bümpliz begibt sich schlagend, klirrend und klopfend auf die Suche nach der eigenen Musikalität fernab von Taktgefühl und Notenlesen.

  • Die vom Entsorgungshof gestellten Abfallmulden enthalten Schrott, aus dem später Musikinstrumente entstehen soll.
  • Manche Schrott-Instrumente werden nur zu zweit gespielt werden können.
  • Musiker und Pädagoge zugleich: Ueli Hess verbindet zwei Welten.
  • Zusammen mit ihrem Werklehrer werden die Jugendlichen an den Instrumenten feilen.

Ein Stück Schrott in die Hand nehmen, draufhauen, dran kratzen, es auf den Boden knallen und ein zweites Stück Schrott hinterherfallen lassen. Das ist Musik in den Ohren der Komponistin und Perkussionistin Margrit Rieben und des Musikvermittlers und Saxophonisten Ueli Hess. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern einer Oberstufenklasse der Schule Schwabgut in Bern Bethlehem entwickeln sie die Musik für ein Hörspiel. Gespielt wird auf eigens kreierten Instrumenten aus Gummischläuchen, Eisenketten, Velopedalen, Blechfässern. «Musik aus Schrott» heisst das Projekt Nummer 3 von Tönstör und es hat wie sämtliche Projekte der Organisation zum Ziel, Berner Kinder und Jugendliche mit neuer – sogenannt schwieriger – Musik in Kontakt zu bringen.

Probleme sind programmiert

Die involvierende Auseinandersetzung mit dem Thema Neue Musik, das Experimentieren mit Klängen und das Zusammentreffen mit Künstlerinnen und Künstlern stehen in bewusstem Gegensatz zum klassischen Musikunterricht, der hauptsächlich im Frontalunterricht und im Interpretieren bereits bekannter Stücke besteht.

Fotos: Jessica Allemann

Beim Plündern der Abfallmulden brach ein Tumult los.

«Tönstör will eine Lücke im Bildungsauftrag der Schule schliessen, die sich durch den konventionellen Musikunterricht gar nicht schliessen liesse», erklärt Barbara Balba Weber, Musikerin und künstlerische Leiterin von Tönstör. «Es gibt Arten von Musik, die sich nur von Profi-Musikerinnen und -Musikern an die Leute bringen lassen, weil sie vorgelebt werden müssen», sagt Weber, «und dazu gehört eben ganz besonders die sogenannte Neue Musik.» Dafür braucht es Musikerinnen und Musiker, die sich tagtäglich mit zeitgenössischer klassischer Musik beschäftigen, und die bereit sind, Kindern und Jugendlichen ihre Welt der Klänge zu öffnen. Wo zwei grundsätzlich verschiedene Welten aufeinandertreffen wie jene der kreativen, experimentellen Kunst und die der Schule mit ihren geordneten Abläufen und Regeln, seien Schwierigkeiten programmiert. So wie Lehrerinnen und Lehrer mit der Zugänglichkeit von avantgardistischer Musik hadern können, so mag es für Künstlerinnen und Künstler beängstigend sein, vor einer ganzen Klasse mit ihren sozialen Energien und Eigendynamiken stehen und pädagogische Arbeit leisten zu müssen. Professionelle Musikvermittlerinnen und Musikvermittler verbinden die beiden Welten, führen die Klassen ein und bereiten die Lektionen vor. So können sich die Musikerinnen und Musiker auf ihr künstlerisches Schaffen konzentrieren.

Normalität unterbrechen

Wenn eine Musikerin wie Rieben eine Klasse besucht, durchbricht sie alleine durch ihre Anwesenheit den gewohnten Schulalltag. «Die Begegnung mit einer Frau, die Schlagzeug spielt und Einblicke in ihr künstlerisches Schaffen gibt, ist gleichzeitig eine Begegnung mit einer Alternativmöglichkeit zur alltäglichen Lebenswelt», sagt Weber. Um Alternativen dreht sich auch das Projekt «Musik aus Schrott». Anstatt jahrelang in die Geigenstunde zu gehen, wird mit Staubsaugerschläuchen, Velospeichen und Bratpfannengriffen Musik gemacht, ohne Noten zu lesen.

Auf der Suche nach neuen Klängen.

Auf der Suche nach neuen Klängen

«Das hat auch etwas Schockierendes und Provozierendes», sagt Weber. «Die Normalität wird für einen kurzen Moment unterbrochen, und es wird Platz geschaffen für Fragen wie ‹Was machen wir jetzt hier?› und ‹Was könnte Musik auch noch sein?›.» In diesem von hohen Erwartungen und konventionellen Herangehensweisen befreiten Raum können sich die Jugendlichen auf die Suche nach neuen Klängen und Rhythmen machen. Und bestenfalls zur eigenen Musikalität zurückfinden. «Durch das Hinhören und Suchen neuer Klänge und im Erschaffen ihrer eigenen Musiksprache fernab von Richtig und Falsch kommen sie auf ihre eigene Musikalität zurück», sagt Weber. Das braucht Mut. Und findet bei den Jugendlichen der Oberstufenklasse nach anfänglicher Skepsis Anklang.

Wie das kreative Chaos tönt

Während die Schülerinnen und Schüler zu Beginn noch tief in ihre Stühle gelehnt beobachten, wie der Musikvermittler Ueli Hess aus einem Gartenschlauch, einem Ballon und einer Plastikröhre ein Saxophon bastelt, lassen sie eine Stunde später das Werkzimmer auf ihrer Suche nach neuen Klängen unter krachendem Getöse erschüttern. Die vom Entsorgungshof gestellten Abfallmulden werden laut kommentierend geplündert, Alteisenstücke werden verbogen, Schläuche geschwungen und ein ramponiertes Fahrrad wird einfach mal umgedreht und ausgenommen. «Es ist ein absolutes Inferno ausgebrochen», sagt Hess. Bis nach den Herbstferien feilt er zusammen mit den Jungendlichen, ihrem Werklehrer und dem Musiklehrer an den Instrumenten und ihren Klängen. Danach wird das sonderbare Alternativ-Orchester mit der Komponistin Margrit Rieben die Musik für ein Hörspiel, das zwei andere Klassen aus Bümpliz gemacht haben, komponieren und aufnehmen. Dann wird sich zeigen, was Musik für die Schülerinnen und Schüler auch noch sein kann.

Tönstör

Der Verein Tönstör widmet sich der Vermittlung zeitgenössischer klassischer Musik an Kinder und Jugendliche im Kanton Bern. Die Organisation wird von der Stadt und dem Kanton Bern unterstützt und arbeitet mit verschiedenen Veranstaltern und Institutionen zusammen. Professionelle Musikerinnen und Musiker erarbeiten mit professionellen Musikvermittlerinnen und Musikvermittlern zusammen Projekte, in deren Rahmen Schulklassen des Kantons Bern an avantgardistischer Musik werken können. Tönstör will als Modell das Potenzial der Zusammenarbeit zwischen Kunstschaffenden, Vermittelnden und der Schule aufzeigen.