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«Keine radikale Abkehr»

Martin Täuber nimmt sein zweites Jahr als Rektor der Universität Bern in Angriff. Im Interview erklärt er, welchen Stempel er der Uni in den kommenden Monaten aufdrücken will.

Martin Täuber will an der Universität Bern keine grundlegenden Änderungen durchsetzen. (Foto: Beat Kohler)

Der Semesterbeginn ist für neue Studierende ein einschneidendes Erlebnis. Wie ist das für Sie?

Martin Täuber:

Da ich den Semesterbeginn in der Funktion als Rektor erst zum zweiten Mal bestreite, ist es auch für mich immer noch ein spezieller Termin. An diesem Morgen stehe ich fünf Mal vor einer voll besetzten Aula und begrüsse die verschiedenen Fakultäten. Das ist für mich so speziell wie für die Studierenden, welche sich wohl ein Leben lang an ihren ersten Tag an der Universität erinnern werden. Wir freuen uns, dass wir viele neue Studierende begrüssen dürfen.

Sie können sich nicht über mangelnden Zulauf beklagen.

Das stimmt, wir haben viele neue Studierende. Die Zahlen sind gegenüber den Vorjahren weiter angestiegen.

Welche Bilanz ziehen Sie nach einem Jahr an der Spitze der Universität Bern?

Die Bilanz ist durchwegs positiv. Die neue Uni-Leitung hat sich eingarbeitet. Das Team ist gut strukturiert und arbeitet reibungslos zusammen. Innerhalb der Universität findet die Leitung viel Unterstützung durch die Stäbe und die Kollegen und Kolleginnen in den Fakultäten. Wir beginnen jetzt damit, die universitäre Strategie zu überarbeiten. Das passiert in den kommenden Monaten. Damit wird die neue Leitung der Institution auch ihren eigenen Stempel aufdrücken.

«Die Bilanz ist durchwegs positiv.»

Martin Täuber

Welche Prägung soll dieser Stempel haben?

Er wird keine radikale Abkehr von dem sein, was man im Rahmen der laufenden Strategie in den vergangenen sechs Jahren praktiziert hat. Wir werden offen diskutieren, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit an gewissen Punkten festhalten. Die Volluniversität, Schwerpunkte im Bereich Forschung mit international sichtbaren Forschungszentren, die Wichtigkeit der Lehre und der Nachwuchsförderung und der Bezug zur Hauptstadtregion, diese Kernelemente der bestehenden Strategie werden wir beibehalten, überdenken und lediglich im Bedarfsfall anpassen. Gewisse Querschnittfunktionen – beispielsweise die Qualitätssicherung – werden wir vertieft betrachten. Am Schluss wird es insgesamt aber eher eine sanfte Renovation und nicht einen radikalen Umbau geben.

Wie wichtig ist der Bezug zur Hauptstadtregion und zur Stadt Bern? Wie gut ist die Zusammenarbeit mit der Standortgemeinde?

Der Kanton ist unser primärer Ansprechpartner. Wir pflegen aber auch gute Beziehungen zur Stadt. Die Ansiedelung in der Bundesstadt ist für uns potenziell eine strategische Chance. Salopp gesagt sind wir die einzige Universität in der Schweiz, die in der Hauptstadt angesiedelt ist. Dieses Alleinstellungsmerkmal wollen wir ausnutzen – auch in Zusammenarbeit mit der Stadt. Wir bringen uns aktiv in die Diskussion über die Ausrichtung der Hauptstadtregion ein. Im wissenschaftlichen Bereich sind wir ein Partner der Stadt und der hier angesiedelten politischen und Verwaltungsinstitutionen, indem wir Studien und Gutachten erstellen und beratend wirken. Wir engagieren uns aber beispielsweise auch im Bereich Tourismus, indem wir uns als Universität bemühen, im ausgebauten Kursaal Konferenzen und Kongresse durchzuführen. Das ist für uns als Universität sehr wichtig und dank der gut ausgebauten Infrastruktur gut möglich. Es ist aber auch für die Stadt von Vorteil.

Wie können Sie vom Alleinstellungsmerkmal Hauptstadtuniversität überhaupt profitieren?

Die Frage ist berechtigt. Gewisse Bereiche pflegen wir als Hauptstadt-Uni ganz bewusst, namentlich mit den Kompetenzzentren Öffentliches Management sowie Regionalökonomie und -entwicklung. Diese Zentren sind auf das ausgerichtet, was der Standort mit sich bringt: die Anwesenheit von Politik und Verwaltung. Wir haben auch Anknüpfungspunkte im Bereich des Finanzsektors, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Institutionen im Finanzsektor. Durch die Nähe zu diesen Institutionen können wir von unserem Status als Hauptstadt-Uni profitieren.

Thematisch ist das einleuchtend. Wie sieht es mit der Attraktivität von Bern als Stadt bei den Studierenden aus?

Bern ist beliebt. Die Zahl der Studierenden steigt bei uns überdurchschnittlich an. Weitere Indizien für die Beliebtheit sind, dass von den Bachelor-Studierenden der Uni Bern ein Grossteil auch in Bern seinen Masterabschluss macht und dass mehr Studierende für ihr Masterstudium nach Bern kommen als Bern verlassen. Sie leben gerne hier. Die Einbettung ins Länggasse-Quartier und die ganze Stadt bieten ein attraktives Klima. Zudem gibt es in Bern – im Vergleich zu Zürich und Genf – einigermassen erschwinglichen Wohnraum.

«Die Zahl der Studierenden steigt bei uns überdurch-schnittlich an.»

Martin Täuber

Reichen die hier bestehenden Infrastrukturen bei der steigenden Zahl von Studierenden aus?

Die bestehende Infrastruktur wird zwar intensiv genutzt, reicht aber insgesamt aus, auch wenn es bei beliebten Studienrichtungen einzelne Engpässe bei der Grösse der Hörsäle gibt. Der Ausbau auf dem Von-Roll-Areal mit dem Campus für die Studierenden der Philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät und der Pädagogischen Hochschule wird eine Entlastung geben.

Die Uni ist eng mit der Länggasse verwoben. Sie entzieht dadurch der Stadt aber viel attraktiven Wohnraum.

Es ist uns bewusst, dass die Stadt ein Interesse daran hat, dass die Universität nicht mehr Wohnraum zweckentfremdet. Mit zwei Gebäuden, die wir von den SBB übernehmen können, wird es zu einer gewissen Rückführung von solchem Raum kommen. Direkt neben dem Uni-Hauptgebäude fassen wir verschiedene administrative Bereiche zusammen. So können wir der Bevölkerung Wohnraum im Länggasse-Quartier zurückgeben. Dasselbe gilt für das SBB-Gebäude, das wir an der Mittelstrasse übernehmen können.

Sie nutzen den Status der Hauptstadt-Uni in Konkurrenz zu anderen Universitäten in der Schweiz. Wäre für unser kleines Land eine engere Zusammenarbeit zwischen den Unis nicht wichtiger, als die Konkurrenz zu pflegen?

Es gibt immer beide Seiten, es braucht beide Elemente. Für mein Empfinden ist die Balance zwischen Konkurrenz und Zusammenarbeit in der Schweiz ausgewogen. Natürlich konkurrieren wir beispielsweise im Bereich der Forschungsfinanzierung. Wir müssen alle kämpfen, damit wir zu unseren Mitteln kommen. Aber auch in der Forschung gibt es Kollaborationen. Das zeigt sich unter anderem an den nationalen Forschungsschwerpunkten, welche oftmals eine Zusammenarbeit verschiedener Universitäten darstellen. Es gibt immer Potenzial zur Verbesserung. Wir haben enge Kontakte zu Freiburg und Neuenburg, die wir weiterentwickeln wollen. In der Medizin arbeiten wir mit Basel zusammen. Schlussendlich funktionieren Kooperation dann gut, wenn alle involvierten Partner einen Vorteil daraus ziehen. Von oben verordnete Zusammenarbeit kann ebenfalls nur in diesem Fall funktionieren. Im Moment besteht aus meiner Sicht keine Notwendigkeit, aktiv auf nationaler Ebene noch engere Kooperationen oder gar die Fusion von Institutionen anzustreben. Wir haben in der Schweiz ein gut funktionierendes Bildungssystem.

«Die Balance zwischen Konkurrenz und Zusammenarbeit ist in der Schweiz ausgewogen.»

Martin Täuber

Können wir mit diesem föderalistischen System auch international mithalten?

Das lässt sich aufgrund internationaler Rankings abschätzen. Insgesamt ist die Schweiz gut aufgestellt. Siebzig Prozent der in der Schweiz Studierenden absolvieren ein Studium in einer der zweihundert besten Schulen weltweit. In den USA liegt dieser Wert bei dreissig Prozent. Ein weiteres Indiz für die Qualität der Schweizer Universitäten ist, dass mehr EU-Forschungsgelder zurückfliessen, als die Schweiz in diese Töpfe einbezahlt. Wir haben keine Hinweise darauf, dass wir kurzfristig ein Problem haben. Mittelfristig besteht natürlich immer die Sorge, dass wir aufgrund mangelnder Mittel die Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Wenn die Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation gutgeheissen wird, sind kurzfristig aber keine Verschlechterungen zu erwarten.

Mittelfristig wird der Anteil von privaten Fördergeldern wohl grösser werden.

Die Zahl der Kooperationen zwischen Universität und privaten Partnern steigt kontinuierlich an, seit wir diesen Sektor bewusst entwickeln. Angewandte Forschung ist neben der Grundlagenforschung ein wichtiger Bestandteil der Universität. Dieser beschert uns Inspiration, aber auch finanzielle Mittel. Insgesamt machen diese Partnerschaften aber immer noch einen kleinen Teil des gesamten Budgets aus.

Welchen Anteil am Gesamtbudget macht dieses Geld aus?

In der Grössenordnung von zehn Prozent stammen die Mittel aus dem privaten Sektor.

Wie stellen Sie sicher, dass die privaten Gelder die Universität nicht in unerwünschter Weise beeinflussen?

Die Beeinflussung ist positiv, solange klar ist, dass die Partnerschaften transparent strukturiert und kommuniziert werden und dass es keine Einflussnahme auf die Freiheit von Lehre und Forschung geben kann. Dafür stehen wir als Universität ein.