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Sagt, was Bern bewegt
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Mit Rüebli und Tomaten die Stadt verändern

Land = Natur, Stadt = Beton? Aber nein! Immer mehr Städter legen mitten in der Stadt Gärten an und essen selbstgezogene Gurken und Tomaten. «Urban Farming» oder «Urban Gardening» heisst das Phänomen.

  • Es wächst und gedeiht.
  • Alles findet seine Verwendung: Am Centralweg wird das Migros-Wägeli für die Pflanzenzucht zweckentfremdet.
  • Der Kreislauf der Natur: Die Pflanzen sind nicht nur zum Essen da, sie sollen auch das Saatgut für die nächste Saison liefern.
  • Gemüseanbau zwischen Wohnhäusern: Die Brache am Centralweg liegt örtlich und ideologisch mitten im Quartier.
  • Gemüseanbau zwischen Wohnhäusern: Die Brache am Centralweg liegt örtlich und ideologisch mitten im Quartier.
  • Nebst säen und ernten ist es das Jäten, das den grössten Teil der Arbeit ausmacht.
  • Paletten und Säcke: Der Gemüsegarten ist mobil.
  • Der Garten im Innenhof ist da Pilotprojekt der Stadtgärtnerei Bern.

Wenn Martina Dvoracek im Innenhof der Lorrainestrasse 15 Gemüse und Kräuter erntet, freut sich auch Walter Glauser. Die Hobbygärtnerin nimmt an einem Pilotprojekt der Stadtgärtnerei Bern teil, das Glauser gestartet hat und zieht ihre Pflanzen in grossen Kunststoffsäcken und SBB-Paletten. Glauser, der als Bereichsleiter Familiengärten für den Versuch zuständig ist, spricht von einem vollen Erfolg: «Wir haben gezeigt, dass mobile Gärten an Standorten möglich sind, wo sonst kein Gemüse wächst.» Auch Martina Dvoracek ist begeistert von ihrem neuen Garten, wie sie im Video gegenüber Alexandra Stark und Beat Rüdt erklärt.

Foto: Alexandra Stark

Alles findet seine Verwendung: Am Centralweg wird das Migros-Wägeli für die Pflanzenzucht zweckentfremdet.

Knappe hundert Meter entfernt, auf einer Brache an der Centralstrasse, sät und erntet eine Gruppe von Quartierbewohnern Selbstgezogenes. Der Garten steht allen offen und soll viel mehr sein als nur ein Ort, an dem Gemüse angebaut wird. Paul «Pole» Wyss gehört zur losen Vereinigung «Läbigi Lorraine», die hinter dem Garten steht und erzählt im Video, was es mit dem wild-romantischen Garten auf sich hat.


Foto: Alexandra Stark

Gemüseanbau zwischen Wohnhäusern: Die Brache am Centralweg liegt örtlich und ideologisch mitten im Quartier.

Obwohl sowohl das Projekt der Stadt wie auch jenes des Vereins «Läbigi Lorraine» erfolgreich gestartet sind, ist ihre Zukunft mehr als ungewiss. Der Garten am Centralweg muss schon bald einer neuen Überbauung weichen, Paul Wyss und seine Mitgärtner haben noch keinen nahen neuen Standort in Aussicht. Und auch Walter Glauser hat noch keine Zusage von der Stadt, ob er das Projekt mit den mobilen Gärten weiterführen kann. Auch hält sich die Begeisterung der Bernerinnen und Berner sich bislang in Grenzen. Auf dem Areal des ehemaligen Tramdepots Burgernziel zum Beispiel hätte es Platz, aber die Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner tun sich schwer damit zu entscheiden, ob sie dort Gemüse anbauen wollen.

Andere Schweizer Städte sind schon weiter

In andern Städten gibt es bereits eine Vielzahl solcher Projekte, die verschiedene Ansätze verfolgen. In Zürich zum Beispiel wurde das ehemalige Hardturm-Stadiongelände in einen grossen Garten verwandelt, in unmittelbarer Nähe befindet sich auch die Anlage Frau Gerolds Garten mit einer eigenen Gartenwirtschaft, die diesen Sommer zum Inlokal avanciert ist. Und das Basler AgriCulture Netz pflanzt von und für in Basel lebende Menschen Lebensmittel, Kräuter, Blumen, Nutz- und Medizinalpflanzen auf dem Stadtgebiet an.

Foto: Alexandra Stark

Paletten und Säcke: Der Gemüsegarten ist mobil.

Gibt es in Bern vielleicht einfach schon genügend Gärten? Neben privaten Gärten gibt es über die ganze Stadt verteilt zahlreiche Familien- und Schrebergartenanlagen. Und in der letzten Zeit sind professionell geführte Anbauflächen in nächster Stadtnähe wie das Projekt «Radiesli» dazugekommen, auf denen Laien gemeinsam Ackerbau betreiben. «Das eine schliesst doch das andere nicht aus!», sagt Jan Zuppinger, der auf der Brache Gemüse anpflanzt und sich langfristig zum Ziel gesetzt hat, sich selbst zu versorgen. Jede Form decke andere Bedürfnisse ab. «Bei uns zum Beispiel ist nicht nur die Gemüseproduktion wichtig. Wir legen zusätzlich viel Wert auf die Wiederverwertung von Materialien und wollen so ein Zeichen gegen die Abfallgesellschaft setzen. Wichtig ist uns auch der gemeinschaftliche Aspekt. Den gibt es in Schrebergärten auch, aber anders, weil da jeder sein Gärtchen anpflanzt.» Zuppinger hat eine andere Erklärung: «Es braucht einen gewissen Leidensdruck, damit Leute solche Projekte ins Auge fassen.» In New York oder auch Berlin sehe man, dass die Leute so ihr Portemonnaie erleichterten, weil sie selber Gemüse anpflanzen. «In der Schweiz ist dieser Druck zum Glück noch nicht so gross.»

Gärten als Gegenbewegung

Das sieht auch Andreas Schneider so. Er ist Professor für Raumentwicklung an der Hochschule für Technik in Rapperswil.

Der Blick in die USA, wo die Entwicklung ihre Wurzeln hat, zeige, dass die meisten Projekte in ärmeren Quartieren angesiedelt seien und die Herstellung von Nahrungsmitteln in Zentrum stehe. Dass in der Schweiz immer mehr Menschen in Städten mit Schaufeln und Giesskannen hantierten, habe weniger mit ökonomischer Notwendigkeit zu tun: «Es ist in der Schweiz eher eine Gegenbewegung zum Lebensstil, wie er sich nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt hat. Die Industrialisierung der Landwirtschaft, – dass man sich die Finger nicht mehr dreckig machen musste –, wurde lange Zeit als Fortschritt angesehen», sagt Schneider. «Heute wollen die Menschen wieder wissen, woher ihr Rüebli stammt und sie verbinden damit auch gesellschaftliche Anliegen.»

Foto: Alexandra Stark

Der Kreislauf der Natur: Die Pflanzen sind nicht nur zum Essen da, sie sollen auch das Saatgut für die nächste Saison liefern.

Gärten in Schweizer Städten deshalb als Modeerscheinung von ein paar Öko- und Sozialromantikern abzutun, greife aber viel zu kurz: «Das ist kein Trend, der wieder vorbeigeht. Es ist eher so, dass wir wieder dahin zurückkehren, wo wir herkommen. Bis nach dem zweiten Weltkrieg haben Menschen auch in Städten Gemüse angepflanzt und im Hinterhof Kaninchen gehalten», sagt Schneider. «Es ist also eher eine Rückbesinnung.» Anders als früher gebe es aber eine riesige Vielfalt: «Die einen engagieren sich auf Brachen in der Gemeinschaft, andere betreiben Mini-Gärten und noch einmal andere unterstützten solche Projekte, indem sie ihre Produkte kaufen», sagt Schneider.

Der Raumplanungsexperte sieht noch einen weiteren Grund, warum Stadtmenschen plötzlich ihren grünen Daumen entdecken: Sie wollen die Lebensqualität in den Städten erhöhen. «Der Druck auf die Städte wächst, es wird immer enger. Verdichtung bedeutet immer auch ein Verlust an Freiflächen. Mit Garten-Projekten kann dafür gesorgt werden, dass zwar nicht die Menge, aber dafür die Qualität an Freiflächen wächst. Das ist wichtig für die Lebensqualität in Städten.»

Gartenprojekte als wichtiges Element für die Städte der Zukunft. Sind die Probleme der beiden Projekte in Bern also nur Startschwierigkeiten einer unaufhaltbaren Entwicklung? Die nächsten Jahre werden es zeigen. Und vielleicht täuscht der Eindruck aus dem Lorraine-Quartier ja auch und es gibt in Bern schon viel mehr solche Initiativen?

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