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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Lokaljournalismus unter Druck

Eine ganze Reihe von Lokal- und Regionalzeitungen sind in den letzten Jahren verschwunden oder in Kopfblättern mit einheitlichem Inhalt aufgegangen. Hunderte journalistischer Arbeitsplätze sind dieser Entwicklung zum Opfer gefallen. Der Lokaljournalismus steht aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ unter Druck.

ZEITUNGEN, GESTAPELT, Gebündelte Zeitungen, 2013 von Simon Egger

In der Berner Tagespresse geht es nun ans Eingemachte: Die Lokalredaktionen von «BZ» und »Bund» sollen noch vor dem Sommer zusammengelegt werden. Zwar dürfen die beiden Chefredaktoren Simon Bärtschi und Patrick Feuz offenbar bleiben. Viele andere Journalistinnen und Journalisten werden aber mit Sicherheit weniger Glück haben. Wie viele Personen in der Redaktion, in der Technik und in der Administration ihre Arbeit verlieren werden, ist allerdings noch immer nicht bekannt.

Klar ist, dass es danach in Bern weniger Berichterstattung über lokale und regionale Angelegenheiten geben wird. Über Vieles, was in Berns Politik abläuft oder nach Meinung der örtlichen Bevölkerung ablaufen sollte, wird nur noch aus einer Warte oder gar nicht mehr berichtet werden. Lokale und regionale Veranstaltungen, soziale Ereignisse und Auseinandersetzungen, kulturelle Entwicklungen vor Ort werden in der Presse ein kleineres oder gar kein Echo mehr finden. Denn trotz Lokalradios und Journal B: Vieles von dem, was aufgrund fehlender Leistungsfähigkeit oder mangels Interesse der Redaktion in der zukünftigen Einheits-Tageszeitung unberücksichtigt bleiben muss, wird von einer grösseren Öffentlichkeit auch nicht mehr wahrgenommen werden.

Zwang zum Überregionalen

Nicht nur mengenmässig wird es nach der Fusion der beiden Redaktionen viel weniger Lokaljournalismus geben, sondern auch inhaltlich. Nicht mehr lokale Information für ein lokales Publikum steht neu im Fokus, sondern Information aus der Region, die auch ein überregionales Publikum interessiert. Gemäss Ankündigung der Verantwortlichen für die zukünftige Strategie der vereinheitlichten Zeitung soll sich der Lokaljournalismus auf Dinge konzentrieren, die auch in der übrigen Schweiz interessieren können. «Aus der Region, für die Schweiz» nennt der Medienjournalist Nick Lüthi dieses Prinzip in einem Beitrag im Branchenportal «Medienwoche». Über Lokales wird nur dann berichtet, wenn es aus nationaler Perspektive interessant ist und auch bei Leserinnen und Lesern aus andern Regionen Klicks generiert.


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Interessanterweise gibt es auch bei der dem Service public verpflichteten SRG vergleichbare Tendenzen: So wurden auf dem Onlineportal «Srf.ch» schon im letzten Herbst die regionalen Rubriken abgeschafft, da sie angeblich zu wenig angeklickt wurden. Als Kompensation sollen laut verantwortlicher Redaktion vermehrt regionale Inhalte in der allgemeinen Nachrichtenrubrik Platz finden. Allerdings werden sie dort nur berücksichtigt, wenn sie über die Region hinaus Interesse wecken können. Also auch hier «aus der Region, für die Schweiz».

Kein Platz für Lokalpolitik

Eine solche Politik macht aus einer Unternehmensperspektive, die auf Reichweiten und hohe Klickzahlen zielt, durchaus Sinn. Sie ist aber aus demokratiepolitischer Sicht verheerend. Sie hat zur Folge, dass über lokal wichtige, aus nationaler Sicht aber marginale Themen kein öffentlicher Diskurs mehr stattfinden kann. Ob die Rüti in Ostermundigen mit einem Bus oder einem Tram erschlossen wird und wo gegebenenfalls das Trassee eines neuen Trams verläuft, ist aus Zürcher Sicht völlig irrelevant. Wie der Zugang zum neuen Bahnhof Bern gestaltet wird, muss in der übrigen Schweiz niemanden interessieren. Es sind aber Themen, über welche sich die lokalen Stimmberechtigten eine differenzierte Meinung machen sollten und die deshalb öffentlich diskutiert werden müssten.

Natürlich gibt es in Bern Lokalradios, Journal B, ein tägliches Regionaljournal von SRF, Quartierzeitungen und einige weitere Medien, die über solche Fragen berichten können. Sie sind aber mit ihren derzeitigen personellen Ressourcen bei weitem nicht in der Lage, die bei den Lokalzeitungen wegbrechende Berichterstattung und die dort stattfindende Auseinandersetzung über lokale und regionale Themen zu ersetzen. Dazu wäre vielmehr ein massiver Ausbau dieser alternativen Medien erforderlich. Andernfalls bleibt es beim schrittweisen Verschwinden des lokalen Journalismus.

Neue Finanzierung notwendig

Der Niedergang des Lokaljournalismus bei «BZ» und »Bund» ist vor allem das Ende eines bestimmten Geschäftsmodells. Das lange Jahre mehr oder weniger erfolgreiche Konzept, Zeitungen über kommerzielle und politische Werbung zu finanzieren, hat ausgedient. Dementsprechend verschwanden auch die meisten Gratiszeitungen, die sich ausschliesslich über Werbeeinnahmen finanzierten. Online verbreitete Werbung ist eben zielgenauer, schneller, billiger und damit in jeder Hinsicht viel effizienter als die Werbung mit Inseraten. Die Verschiebung der Werbebudgets weg von der gedruckten Presse hin zu den Onlineportalen kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, weil sie der ihr zugrunde liegenden kommerziellen Logik entspricht. Es macht daher auch wenig Sinn, neue Produkte auf den Markt zu werfen, die auf dem gleichen gescheiterten Geschäftsmodell beruhen.

Wenig Sinn macht es aber auch, dass sich die mit Publikumsgeldern finanzierte und einen öffentlichen Auftrag erfüllende SRG diesem kommerziellen Trend anschliesst. Der Bund hätte es in der Hand, die SRG auf dem Wege der Konzessionserteilung zu verpflichten, Informationsdienstleistungen aus der Region für die Region zu erbringen. Er könnte die SRG zwingen, ihre föderalistischen Strukturen auszubauen und dem Lokaljournalismus sowohl in ihren Programmen als auch im Onlineauftritt einen höheren Stellenwert einzuräumen. Er würde damit dazu beitragen, dass sich der Abbau des öffentlichen Diskurses auf der lokalen und regionalen Ebene zumindest verlangsamt.

Was der Lokaljournalismus aber vor allem braucht, sind neue Finanzierungsquellen. Das können einerseits private Spenden sein, welche einzelne Personen aus Interesse an einer vielfältigen Medienlandschaft und aus Einsicht in die Notwendigkeit leisten. So sind in Bern Radio RaBe und Journal B und im Rest der Schweiz eine ganze Reihe weiterer Medien entstanden. Lokaljournalismus ist aber arbeitsintensiv und verursacht auf Dauer hohe Fixkosten, die nicht langfristig durch privates Engagement gesichert werden können. Es sollten daher andererseits vor allem die öffentlichen Körperschaften sein, die in diesen öffentlichen Diskurs investieren. Vor allem Gemeinden und Kantone haben ein existenzielles Interesse daran, dass die Öffentlichkeit über ihre Tätigkeit informiert ist und sich mit den direktdemokratischen Instrumenten in den politischen Diskurs einbringt. Wenn dies nämlich nicht mehr geschieht, so gibt es nicht nur keinen Lokaljournalismus mehr, sondern auch keine direkte Demokratie.