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Dekontamination und Entsorgung (Teil II)

Das Wandalphabet der Künstler Eugen Jordi und Emil Zbinden im Schulhaus Wylergut, seit einen Jahr beschädigt, soll entfernt und in einem Museum mit wissenschaftlicher Erläuterung gezeigt werden. Das ergibt ein Wettbewerb der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum. Manches ist noch offen, doch die Stossrichtung ist klar: Das Werk soll weg. Teil 2: Überlegungen und Kommentar.

Das Bild des Anstosses im Schulhaus Wylergut (Foto: Attila Janes)

Eignet sich das Wandbild als exemplarisches Objekt, um über Berns Anteil an der Kolonialzeit und am Rassismus nachzudenken und deren kulturelle Imprägnierung der Gesellschaft zu erkunden, besonders auch im Zusammenhang mit der Schule? Falls es sich eignet, kann das Projekt sein Ziel erreichen? Und was bedeutet das für die Einschätzung des Werks von Emil Zbinden?

Ist das Wandbild das richtige Objekt?

Für die heute im Wylergut tätigen Lehrpersonen war das Wandbild schon immer da, sagt Schulleiter Jürg Lädrach. Niemand wurde dazu je gefragt. Man hat sich arrangiert. Die Lehrerinnen und Lehrer gingen davon aus, das Werk sei denkmalpflegerisch geschützt. Im Lauf der Zeit wurde Manches probiert: Man deckte das Bild ab oder überklebte zeitweilig die N-Tafel mit einem Nashorn. Vor allem aber redeten die Lehrerinnen und Lehrer mit den Schülerinnen und Schülern, die Fragen stellten, meistens zum N. Nach der Erklärung, das Bild stamme aus einer vergangenen Zeit, heute empfinde und denke man anders, war es – so Lädrach –, jeweils okay. Von Seiten der Eltern seien nie Fragen oder Anstösse gekommen. Auch wenn es damit nie Probleme gegeben habe, werde das Wandbild wohl nicht vermisst werden.

Was die Schule kontinuierlich und abseits der Öffentlichkeit geleistet hat, auch mit Informationsflyern, ist eine stete Übung in Abkehr von Rassismus und Kolonialismus, von Anti-Diskriminierung und Gleichberechtigung am «eigenen» Wandbild in der Schule, in der die Kinder jeglicher Herkunft sechs Jahre lang ein- und ausgehen. Es ist eine Schule der Aufmerksamkeit. Und, so gesehen, im Grunde ein tauglicher, pragmatischer, vielleicht exemplarischer Umgang mit den vom Wettbewerb gestellten Fragen.

 

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In einem Leserbrief an den «Bund» erinnerte sich eine ehemalige Lehrerin am Wylergut, wie ein Mädchen aus der 1. Klasse vor dem Wandbild stand, lange auf den Buchstaben «N» geschaut und dann gesagt habe: «Schreibt man Mensch nicht mit einem ‚M‘?» (7. Juli 2020).

Das spricht für das Belassen des Werks in der Schule unter Beifügung der nötigen Erläuterungen zum Verständnis der Geschichte und des heutigen Stands von Wissen und Wollen. Im Brief an Etienne Wismer, den Präsidenten des Fördervereins Emil Zbinden, sowie an die Familie Zbinden hat der Gemeinderat am 2. September 2020 geschrieben, er hoffe, «dass sich für die Zukunft des Wandbildes eine konstruktive Lösung finden lässt, welche die Debatte über die oft unbewussten, kolonial geprägten Stereotypen vorantreibt, aber auch dem Charakter des Wandbilds als Kunstwerk gerecht werden kann».

Das Belassen würde dem recht genau entsprechen. Zugespitzt könnte man sagen: Der eigentlich kolonialistische Akt ist nicht das Bild (dem damaligen Zeitgeist oder dem Offenheitsabsicht der Künstler geschuldet), sondern der Umgang von Jury und Kommission mit der Schule und dem Wylerdörfli. Man nimmt ihnen etwas weg, obwohl sie einen konstruktiven Umgang damit gefunden haben.

Kann das Projekt sein Ziel erreichen?

Nun soll das Wandbild entfernt werden und ins Museum kommen. Ich finde das doppelt falsch. Das Lernbild entschwindet aus der Schule: Was lernt man nun dort? Und das Museum, oft noch immer mehr Depot als lebendiger Lernort, verwahrt das Corpus delicti, entzieht es der Welt – um es ab und zu mit didaktischer Mühsal zum Lernbild für Besuchende und Schulen zu machen, in deren Alltag es keine Bedeutung hat.

In einem Museum, ausser vielleicht im winzigen Schulmuseum in Köniz, wird das Wandbild ein Objekt unter hunderten sein, wird es seine Aura verlieren, von der es lebt. Auch wenn die wissenschaftliche Erhellung richtig, umfassend, korrekt sein wird, so fehlt ihr doch der reale Kontext. Wenn die Jury kritisch anmerkt, das Wandbild sei letztlich zufällig im Wylergut entstanden, gilt das Zufällige ebenso für das dereinst gewählte Museum.

Wie kommen das Projektteam und die Jury zur Überzeugung, dass dringender Bedarf nach einem Lehrmittel zum Thema Schweiz und Kolonialismus sowie Rassismus bestehe? Benötigen Lehrpersonen diese Hilfe, verlangen sie danach, oder drängt man sie ihnen auf? Für Jürg Lädrach von der Schule Wylergut passt diese Art der thematischen Auseinandersetzung eher in die Sekundarstufen I und II, nicht in die Primarstufe. Müsste man also nicht zuerst den behaupteten Bedarf eruieren, bevor ein Lehrmittel erstellt wird, das man auch als überhebliche Bevormundung von Lehrpersonen empfinden kann?

Die Entfernung des «Illustrierten Alphabets» soll einschliesslich der damit verbundenen Workshops dokumentiert werden. Ein Film über Abbau und Aufbau an einem scheinbar besseren Ort. Das Dokument einer «Heilung». Darf man das den Familien Jordi und Zbinden zumuten? Soviel Kränkung aus bester Absicht, passt das zusammen?

Seit anderthalb Jahren wird, wenige Kilometer vom Wylergut entfernt, das Atomkraftwerk Mühleberg demontiert. Bevor die Gebäude fallen, wird der Kern zersägt, Stück für Stück entfernt, der Reaktor dekontaminiert. Mir kommt es vor, als werde die Schule im Wylergut dekontaminiert, indem man daraus das radio-aktiv bzw. rassismus-aktiv strahlende Wandalphabet ausbaut. Und im Endlager des Museums entsorgt.

Was bedeutet das für die Einschätzung des Werks von Emil Zbinden?

Zbinden war ein anerkannter und hoch eingeschätzter Künstler, vor allem als Holzschneider. Seine linke politische Einstellung half ihm nicht, öffentliche Aufträge zu erhalten. Das Wandbild im Schulhaus Wylergut war sein einziges Mandat. Umso mehr freute es ihn, auch weil zwei weitere Künstler (Jordi und Mumprecht) mitwirkten. Wenn jetzt ausgerechnet die Stadt, die Zbinden 1949 beauftragte, 2021 das Werk zwar nicht vernichtet, aber doch entfernt, ist das bitter. So bitter wie die Hinnahme der teilweisen Zerstörung.

Hinzu kommt, dass für alle, die den Künstler Emil Zbinden nicht kannten, das Wandbild nun mit Zbindens Gesamtwerk gleichgesetzt wird. Und dies mit einem unguten Beiklang von Unrecht und moralischer Verfehlung. Auch wenn es dafür keinen Grund gibt, es wirkt. Immerhin hat Martin Bieri im «Bund» vom 20. März 2021 geschrieben: «Bilder konservieren Unrecht, und manchmal reproduzieren sie es. Im Fall des Wandbilds von Eugen Jordi und Emil Zbinden ist das der Fall. (…) Sie haben sich einer entwürdigenden, kolonialen Bildsprache bedient, die auch nicht mit den angeblichen Umständen der Zeit zu rechtfertigen ist. Ob aus Nachlässigkeit oder Unwissenheit, beides entlastet sie nicht. Annehmen darf man trotzdem, dass die Künstler, gerade ihrer politischen Haltung wegen, damit einverstanden wären, dass wir versuchen, diese Fehler zu korrigieren.»

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Die zitierte Passage enthält alles, was einem Angst machen kann: Unrecht, Nachlässigkeit oder Unwissenheit, Fehler, die «wir» korrigieren. Und die fast totalitäre Annahme, die gefehlt Habenden würden Selbstkritik üben.

Wenn dies die Haltung ist, mit der das Projekt «Das Wandbild muss weg!» entworfen worden ist, dann muss man es verwerfen. Wir brauchen weder Urteilende ohne Selbstzweifel, noch Fachleute, die alles zu wissen meinen. Wir benötigen in der schwierigen Frage des Umgangs mit einem neu einzuschätzenden und zu erklärenden Kunstwerk Einfühlung und Pragmatismus. Das wäre radikal – nicht ein bilderstürmerisches «Weg!», das der wahren Frage durch Abschiebung billig ausweicht.

Man könnte über das Ergebnis des Wettbewerbs die Achseln zucken  und das obsiegende Projekt als Weg des geringsten Widerstands links liegen lassen. Das wäre fahrlässig. Denn im riesigen Apparat an Workshops, Dokumentationen, Konzepten, Abklärungen, Ausstellungen, temporären Installationen, die teils wie Arbeitsbeschaffungen anmuten, kommt eine Verbissenheit  zum Vorschein, eine Administration zur Durchsetzung einer behauptet politisch korrekten Weltanschauung (buchstäblich), die weiss, was ist. Das macht mir Angst und weckt meine Wut.