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Christoph Reichenau

Teurer Fehler, kein Unglück

Die Personenunterführung beim Bahnhof Bern wird gebaut, die neue Festhalle erhält einen Beitrag der Stadt. Zwei umstrittene Abstimmungsvorlagen sind entschieden. Die eine knapp, die andere klar. Doch das klare Ergebnis am Hirschengraben muss die Diskussion nicht beenden.

Das Denkmal wird verschoben, die Kastanien ersetzt. (Von AnBuKu - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=92832118)

Jetzt ist es klar: 57% befürworten die «Bau- und Verkehrsmassnahmen im Zusammenhang mit dem Ausbau des Bahnhofs Bern». Sie sagen Ja zu einer Personenunterführung zwischen dem Haus Bubenbergplatz 12 und dem Hirschengraben, zum Ersatz der 100-jährigen Kastanien am Hirschengraben, zur Neugestaltung dieser barocken Anlage auch durch Versetzung des Denkmals für Adrian von Bubenberg in deren Mitte.

Die Ja-Sagerinnen und Ja-Sager liessen sich überzeugen von der Alternativlosigkeit der Vorlage, wie die befürwortenden Stadtbehörden und die SBB erklärten. Oder sie wurden nicht erreicht von den Überzeugungen des gegnerischen Komitees, das sich für die Erhaltung der Bäume einsetzte, die Unterführung als «Idee von vorgestern» abtat, stattdessen einen wesentlich breiteren Fussgängerstreifen über den Bubenbergplatz vorschlug und insgesamt kritisierte, es fehle ein gestalterisches Leitbild für den Raum Bahnhof, in das sich die baulichen Massnahmen einfügen müssten.

Nun sind die Würfel gefallen. Ist das eine Katastrophe, wie es vor der Abstimmung hiess? Es ist ein teurer Fehler, aber kein Unglück. Weshalb?

Eine Unterführung schliesst oberirdisch einen breiteren Zebrastreifen nicht aus. Wenn der Fussgängerverkehr wirklich zunimmt wie prognostiziert werden beide Passagen sich zweckmässig ergänzen.

Wenn bis 2035 – dann sollen Bubenberg- und Bahnhofplatz ganz neu gestaltet und grundsätzlich autofrei sein – ein fussgängerfreundliches Umfeld am Bahnhof besteht und die Unterführung unnötig erscheint, kann sie geschlossen werden – wie jene zwischen dem Kiosk beim Burgerspital und der Schwanengasse, der niemand nachtrauert.

Und ob der Hirschengraben haargenau so umgestaltet werden muss, wie in den Plänen der Abstimmungsvorlage vorgesehen, erscheint offen. Da gibt es Spielraum. Um ihn zu nutzen, können die Behörden auf die Gegnerinnen und Gegner (immerhin 43%) zugehen. Und auf die Planungsverbände, um deren berechtigtes Anliegen nach einem gestalterischen Leitbild für den gesamten Bahnhofraum aufzunehmen.

Dafür dürfen die Gewinnerinnen und Gewinner nicht auf das hohe Ross steigen, die Gegnerinnen und Gegner es nicht einfach besser zu wissen meinen. Das Abstimmungsresultat macht bei gutem gegenseitigem Willen den Weg frei für eine neue Diskussion über die bestmögliche Lösung auf Dauer und den ersten Schritt dahin.

Man kann immer gescheiter werden, hüben und drüben. Indem man miteinander redet. Dabei ist auch zu klären, ob der Vorwurf der Gegner zutrifft, dass unter dem Hirschengraben schon bald eine Velostation gebaut werden soll. Und wenn nicht: Wo kommt die bitter benötigte Station hin? Dies interessiert so sehr wie die weit grössere Frage, auf welche Weise der Hirschengraben als Nadelöhr des öffentlichen Verkehrs mittelfristig entlastet wird. Eine Stimmbeteiligung von immerhin 58% belegt das Interesse.

Interesse weckte auch der Investitionsbeitrag der Stadt von 15 Millionen an die Messepark Bern AG für die neue Festhalle am Guisanplatz. Er kam knapp durch. Auch wenn in Zeiten von Corona die herkömmlichen Formen der politischen Auseinandersetzung sehr eingeschränkt sind und viele Debatten im Internet geführt werden – sie finden statt, vielleicht gar intensiver als mit einem Dutzend Interessierten im Säli der Beiz. Und doch fehlt der offene und öffentliche Austausch der Standpunkte. Wenn es einmal um mehr gehen sollte als eine Unterführung hier und einen Beitrag da, sollten wir vorher über die Rahmenbedingungen der politischen Diskussion nachdenken.