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Christoph Reichenau

Kommentar: Nein zur Alternativlosigkeit

Der Bahnhof Bern wird ausgebaut. Ein Nein zum Ausführungskredit am 7. März würde die Gelegenheit zur gemeinsamen Debatte eröffnen. Diese ist dringend nötig.

Dasselbe von oben: Links der Hirschengraben, rechts oben das Eckhaus Bubenbergplatz 12 (blau), darunter Bubenbergplatz 8, in der Mitte rot gestrichelt die Fussgängerunterführung. (TVS)

Über die Hintergründe des geplanten Umbaus und der Abstimmung haben wir hier berichtet.




Die geschilderten Überlegungen zeigen: Es gibt durchdachte Alternativen zur Abstimmungsvorlage des 7. März – zumindest  in ein paar engagierten Köpfen, in Fachorganisationen, auf dem Papier. Wenn wir ihnen eine Entwicklungschance geben wollen, müssen wir an der Urne Nein einlegen: Nicht aus destruktiver Haltung, doch um Zeit und Klarheit zu gewinnen.

Die Zeit ist knapp. 2027 müssen die ersten Fahrgäste den Aufgang aus dem neuen RBS-Tiefbahnhof benutzen und sicher über den Bubenbergplatz in die Stadt gelangen. Sagen wir Nein am 7. März, verbleiben rund 6 Jahre für die Diskussion, die Planung, die politische Behandlung, die Finanzierungsentscheidung und die bauliche Umsetzung. Dies erscheint kurz. Es sollte aber reichen: Am Prinzip des Aufstiegs würde nichts geändert und die grossen Baustellen (Abbruch und Wiederaufbau des Eckhauses, Aushub quer über den Bubenbergplatz für die Unterführung, Erstellen der Pflanzlöcher für neue Bäume am Hirschengraben) würden unnötig. So könnten die SBB, die gerade grosse Investitionsvorhaben zurückgestellt haben, etwa 80 Millionen sparen und die Stadt, der Kanton und der Bund zusammen wohl 30. Eine Redimensionierung des Vorhabens von Stadt und SBB leuchtet aus ökonomischer und ökologischer Sicht ein.

In der gewonnenen Zeit könnten die Befürworter und die Gegner der offiziellen Vorlage öffentlich debattieren vor und mit den interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Dies ist in der Coronazeit wegen der Kontaktregeln kaum möglich. Mehr Disput täte der Demokratie gut und würde die schliesslich im zweiten Anlauf erarbeitete Lösung in jedem Fall verbessern.

Zur Verbesserung gehört Klarheit in der Frage einer Velostation unter dem Hirschengraben. Ist die heute beantragte Umgestaltung des barocken Parks eine Vorleistung dafür, wird bei einem Ja schon bald ein nächster Schritt folgen? Oder ist die Idee einer Velostation an diesem Ort definitiv begraben? Falls ja, wo sollen Velostationen entstehen? Das Bedürfnis danach ist unbestritten, die Gegner reden von Alternativen – doch welche gibt es?

Der Bahnhof Bern und sein Umfeld hin zur Stadt sind das Ergebnis einer Abfolge früherer Fehlentscheide. Auch die laufenden Arbeiten an der „Zukunft Bahnhof Bern“ sind geprägt von kurzfristigen bahntechnischen Überlegungen, die den künftigen Planungsraum empfindlich einschränken. Dazu gehört der neue RBS-Tiefbahnhof, dessen Kosten bei fraglichem Nutzen immens sind und der, wie gezeigt, oberirdisch massive Folgewirkungen erzeugt.

Hinzu kommt jetzt das Geknorze mit dem Zugang vom Bubenbergplatz und vom Hirschengraben. Einmal mehr wird klein-klein gedacht – und dies nur ein paar Jahre vor der für 2035 ins Auge gefassten grundlegenden Neugestaltung des Bubenberg- und des Bahnhofplatzes, mit welcher der Autoverkehr fast vollständig eliminiert bzw. umgeleitet werden soll. Dies würde die Unterführung zum Hirschengraben  erübrigen. Eine Etappierung mit negativen Spätfolgen, wie sie bereits die ehemalige Fussgängerunterführung von der Bogenschützenstrasse zur Schwanengasse zeigt, die heute geschlossen ist.

Frühere Fehlentscheidung, die auf kurzsichtige Interessen zurückgehen, können wir nicht ändern. Doch wir können heute versuchen, kritisch zu beurteilen, was wir zu entscheiden haben. Wir können Nein sagen und anschliessend neu denken. Tun wir es nicht, unterwerfen wir uns sogenannten Sachzwängen – ja schaffen wir zusätzliche, mit denen die nächste Generation zurecht kommen muss.

Allerdings: Der 7. März ist bald. Wie führt man eine politische Debatte in Zeiten der Corona-bedingten Einschränkungen, die aus meiner Sicht absolut begründet sind? Die Frage stellt sich bei allen Abstimmungsvorlagen des 7. März. Gibt es unter diesen Umständen die faire Möglichkeit einer demokratischen Meinungsbildung? Interessiert dies überhaupt jemanden? Und wenn wir mit einem Nein die Möglichkeit öffnen, werden Viele mitdiskutieren wollen? Schliesslich, schon fast nur noch theoretisch: Angenommen, es käme zum Nein, trauten wir Laien es uns sachlich zu, an einer besseren Alternative ernsthaft mitzudenken? Als Demokratinnen und Demokraten sollten wir; es geht ja um unseren öffentlichen Raum, um unseren ÖV, um unsere Zukunft. Doch ist es uns wirklich ernst, nehmen wir uns die Zeit, haben wir den Mut? Wenn wir dazu Ja sagen, stimmen wir Nein zur Vorlage und nehmen wir danach unsere Verantwortung wahr!