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Ungewissheit um den Medienplatz Bern - Gespräch mit Stephanie Vonarburg

Die Tamedia AG hat das Ende des «Berner Modells» angekündigt. Diese Massnahme ist Teil eines konzernweiten Sparprogramms, dem zahlreiche Stellen zum Opfer fallen werden. Wie bereitet sich die Gewerkschaft auf dieses Abbauprogramm vor? Journal B sprach mit der Vizepräsidentin und Leiterin des Sektors Medien der Gewerkschaft Syndicom, Stephanie Vonarburg.

Stephanie Vonarburg 2018 am Streiktag der SDA in Lausanne. (Foto: zVg.)

Journal B: Weiss Syndicom eigentlich, was Tamedia genau plant? Werdet Ihr vom Unternehmen über die Abbaupläne informiert?

Stephanie Vonarburg: Die Information ist dürftig, der Einbezug der Belegschaften mangelhaft. Wir sind zwar von Tamedia im August letzten Jahres über die Sparpläne summarisch informiert worden, doch wurden keine Einzelheiten genannt. Wir wissen, dass über den ganzen Konzern hinweg ca. 40 Projekte mit Sparaufträgen erteilt wurden, die teils parallel, teils gestaffelt abgewickelt werden sollen. Welches der Inhalt der einzelnen Sparaufträge ist, wissen wir aber nicht. Zu Beginn eines jeden Quartals soll die Personalkommission auf Konzernebene, die sogenannte Dach-PeKo, über die konkreten Aufträge informiert werden. Im 1. Quartal 2021 ist eine Überprüfung der Redaktionen im Raum Zürich und Zürichsee angelaufen, im 2. Quartal soll der Raum Bern drankommen. Dabei geht es aber nicht nur um die Redaktionen, sondern auch um Sparmassnahmen im Bereich des technischen Redaktionspersonals und der Druckereien.

 

Wird es einen Sozialplan geben? Und wird darüber verhandelt?

Ja, es wird zur Zeit intensiv über einen Rahmen-Sozialplan verhandelt. Das ist für unsere Branche insofern neu, als verhandelt wird, bevor die Zahl der Kündigungen und das Profil der Entlassenen bekannt sind. Mit der Dach-PeKo Deutschschweiz fanden bisher über 10 Verhandlungsrunden statt, wir sind als externe Beratung dabei. Die Dach-PeKo der Suisse romande verhandelt noch nicht, da diese zuerst ihre Informationsrechte wahrnehmen wollen. Das unterschiedliche Tempo hat aber auch damit zu tun, dass der Zeitdruck in der Deutschschweiz grösser ist.

 

Wie erfolgt die Meinungsbildung unter der Belegschaft? Ich nehme an, dass sich der Grossteil des Personals im Homeoffice befindet.

Ja, es sind praktisch alle Leute im Homeoffice. Die Ausnahme sind die Personen, die direkt in der Produktion oder der Tagesleitung beschäftigt sind, sei es am Dammweg in Bern, sei es in Zürich, Winterthur oder Stäfa. Von den rund 12 Personen nimmt die Mehrheit online an den Verhandlungen teil; maximal 5 Personen sind physisch vor Ort am Hauptsitz, der Rest wird zugeschaltet. In der Praxis heisst das dann, dass 1  bis 3 Personen pro Delegation vor Ort sind, die andern zu Hause vor dem Bildschirm. Auch die Versammlungen des Personals und die Gewerkschaftssitzungen finden online statt. Dies alles findet in hohem Rhythmus statt und ist ausserordentlich gut besucht. Die Meinungsbildung funktioniert trotz erschwerter Bedingungen gut.

 

Bereitet Ihr Aktionen vor? Was kann eine Gewerkschaft unter Corona-Bedingungen überhaupt tun?

Das Planen von Aktionen ist natürlich erschwert. Aber es laufen gute Diskussionen über geeignete Formen des Widerstands. Die Vorschläge gehen von Resolutionen und Petitionen über Aktionen bis hin zum Streik. Die Ungewissheit der Betroffenen über ihre berufliche Zukunft, aber auch die Sorge um die Medienvielfalt, um die Qualität journalistischer Arbeit, ist sehr gross, und entsprechend engagiert wird diskutiert.

 

Wie geht Ihr mit der Konkurrenzsituation um? Wenn zwei Redaktionen zusammengelegt werden, heisst das in der Praxis ja oft «Du oder ich». Wie sehr erschwert das gewerkschaftliches Handeln?

Ich denke, dass die Redaktionen diese Konkurrenzsituation ziemlich gut gemeistert haben. Es gab anfänglich Einzelaktionen der einen oder andern Redaktion, die bei den jeweils andern zu Missmut geführt haben. Das wurde aber offen diskutiert und inzwischen einvernehmlich dahingehend geklärt, dass ein gemeinsames Vorgehen wichtig ist. Es geht eben um das grosse Ganze. Der Wille zur Kooperation ist gross, nicht zuletzt deswegen, weil auch die Empörung über das Verhalten des Konzerns gross ist und von allen geteilt wird.

 

Welches genau ist die Funktion der Gewerkschaft in diesem Prozess?

Wir wollen das Personal und die Personalkommissionen bei der Einforderung ihrer Mitwirkungsrechte und im Mitwirkungsprozess selbst unterstützen. Wir helfen auch, dass ein Sozialplan auf anständigem Niveau ausgehandelt wird, denn wir reden ja von einem Konzern, der noch im letzten Jahr hohe Dividenden ausschüttete. Und wir wollen ganz grundsätzlich die TX Group und die Tamedia AG immer wieder daran erinnern, dass sie eine verlegerische Verantwortung gegenüber dem Medienplatz Schweiz tragen.