Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Kommentar /

Rahel Schaad

Umbenennung der Gardistrasse? Ja!

Der Gemeinderat der Stadt Bern will die Gardistrasse im Wankdorfquartier umbenennen. Er reagiert damit auf den Druck der Öffentlichkeit. Ein Dokfilm hat 2019 das Leben und Wirken von René Gardi aufgerollt und daran erinnert, dass der Berner Autor, Fotograf und Dokumentarfilmer wegen Unzucht mit Kindern verurteilt worden war. Auch das Bild, das Gardi in seinen Büchern und Filmen von Afrika vermittelte, wird heute von Fachleuten sehr kritisch gesehen.

Soll man Ehrungen zurücknehmen, unbequeme Denkmäler stürzen, Strassen umbenennen? Journal B veröffentlicht zwei kontroverse Stellungnahmen.

Dieses Schild soll bald umbenannt werden, hat der Gemeinderat entschieden. (Foto: Nicolas Eggen)

Wenn Menschen geehrt werden, so geschieht das meistens, weil sie etwas Besonderes geschafft, erschaffen haben. Ob sie nebenbei auch immer gute – heisst moralisch unbefleckte - Menschen waren, spielt bei solchen Anerkennungen meistens eine zweitrangige Rolle. Trotzdem können unrühmliche Vorfälle der erschaffenden Person die Ehrwürdigung in Frage stellen. Das Verhältnis von Werk und Erschaffer*in ist aber eine zeitlose Diskussion. Und hat nun auch die Person Gardi erfasst. Dabei wurde aber ein essenzieller Punkt übergangen – Gardis Werk.

Kolonialistische Fantasien

Der Film «African Mirror», der den Missbrauchsvorfall mit einer kurzen nebensächlichen Szene wieder ans Licht rückte, offenbarte nämlich sehr viel mehr als das: Die Zusammenschnitte des Filmemachers Micha Hedinger aus den Archivunterlagen Gardis – Film und Tonaufnahmen, Bilder, Tagebucheinträge usw. - demontieren vor allem Gardis Werk, seine problematische Haltung als Reisejournalist und Filmemacher im Mandaragebirge und seine Perspektive auf dessen Bewohner*innen.

Gardi hat mit einem tief rassistischen und paternalistischen Blick auf die Menschen geschaut. Er formte sich «sein Afrika», so wie er es sich erträumte: Wild, naturbelassen und unschuldig. Seine Lieblingsfigur in Erzählungen: der nackte, scheue Wilde. Die Faszination an der Unschuld und Reinheit ist als Kontinuität zu den Missbrauchsvorfällen unschwer wiederzuerkennen. Am liebsten würde er einen Zaun um das Dorf bauen, um die Menschen vor Einflüssen der Zivilisation zu schützen, kommentierte er seine Aufnahmen. Aber er sah in den Menschen vor der Kamera nicht nur idealisierte «wilde Naturvölker», sondern unterstellte ihnen Rückschrittlichkeit, Naivität und Unfähigkeit. In sein Tagebuch schrieb er: «Ils imitent, mais ils ne comprennent pas» (Sie ahmen nur nach, sie verstehen es nicht). Seine Sicht war nie eine ebenbürtige, beobachtende. Er inszenierte Szenen, welche in sein Bild von «Afrika» passten und das er zuhause in der Schweiz vermarkten konnte. Er wies angeheuerte Menschen an, sich nackt auszuziehen, damit die Szene besser in seine Vorstellungen passte.

Die Bilder von Gardi seien «mehr als eine Inszenierung nämlich, eine Inbesitznahme. Die schwarzen Körper werden zum Projektionsort der weissen Fantasien» schrieb die WOZ in ihrer Rezension zu «African Mirror». Und diese Fantasien wurden in der Schweiz massenhaft ausgestrahlt, verkauft und gelehrt. Mit seiner Öffentlichkeitspräsenz übernahm Gardi dadurch einen aktiven Part in der Reproduktion kolonialistischer (Denk-) Strukturen und Hierarchien. Gardis rassistische «Afrika»-Fantasien wurden zu Schweizer Afrika-Fantasien.

Dass sein Werk «Kind seiner Zeit» sei, greift unserer Meinung nach zu kurz. Bereits zu seiner Zeit gab es Stimmen, die ihn und seine Arbeit gerade wegen dessen kolonialistischer Perspektive kritisierten. Als so berühmter «Afrika-Experte» der Schweiz hätte er seine Arbeit durchaus kritischer reflektieren können und müssen.

Befremdliches Schweigen

Zurück zum Gemeinderat: Warum hat dieser Aspekt in der Entscheidungsfindung über die Strassenbenennung nicht Niederschlag gefunden? Warum wurde nicht gefragt, wie mit diesem problematischen Werk und Erbe des Reiseschriftstellers umgegangen werden kann und soll?

An der Stelle von Gardis Namen soll zukünftig ein Frauenname auf dem Schild stehen. Diese Aussicht ist erfreulich. Trotzdem hinterlässt der Entscheid des Berner Gemeinderats einen komischen Nachgeschmack. Es scheint, als ob die Verankerung von kolonialem und rassistischem Gedankengut kein Aufsehen zu erregen mag. Hingegen wird die Diskussion anhand einer Straftat geführt. Das mag ebenfalls berechtigt sein. Es bringt für die Stadtregierung aber einen anderen gewichtigen Vorteil: Die Diskussion um kolonialistische Vorstellungen und Strukturen braucht nicht geführt zu werden. Denn dann wäre Gardi nur ein Anfang.

 

Lesen Sie hier die Gegenposition: Weshalb die Gardistrasse nicht umbenannt werden sollte.