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Panzer in Prag – politisches Erwachen in Bern

Zeitzeug*innen

Am 21. August 1968 blickte die Welt besorgt nach Prag. Mit Panzern und Flugzeugen hatte eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts über Nacht den «Prager Frühling» (die Reformpolitik von Alexander Dubček) niedergeschlagen. Die Reaktionen: Entsetzen, Wut und eine grosse Solidarität mit dem tschechischen und slowakischen Volk. Auch hierzulande. Rita Jost stellt ihre Erinnerungen an diese Tage den Erinnerungen von Irena Brežná gegenüber. Brežná kam 1968 als Achtzehnjährige in die Schweiz.

21. August 1968 Prag: Truppen des Warschauer Pakts beendeten gewaltsam den Reformprozess in der Tschechoslowakei. (Foto: The Central Intelligence Agency)

1968

Ich war Schülerin am Gymnasium Kirchenfeld in Bern. Meine Jugend in Bern war bis anhin sorglos verlaufen. Probleme gab es höchstens mit den Eltern, einigen Lehrern, der Mathematik oder dem nächsten Zwischenzeugnis. Ansonsten war mein Kopf voller Musik, Mode und viel Liebeskummer. Politisch war ich mässig interessiert. Doch die Frühnachrichten am Morgen des 21. August waren ein Schock. Und eine Art Zäsur. Prag von Panzern besetzt. Die reformfreudige Regierung abgesetzt, das Land im Ausnahmezustand. Der Kalte Krieg war plötzlich erschreckend nah. Wie bedrohlich war das für uns, für den Westen? In der Schule war an diesem Morgen nicht an Unterricht zu denken. Es wurde diskutiert und dann auch demonstriert … 

Während des «Prager Frühlings» war ich Schülerin an einem Gymnasium in Bratislava und stand kurz vor dem Abitur. Im Klassenzimmer rissen ein paar Mitschüler das Porträt des Präsidenten Antonín Novotný herunter und stampften darauf herum. Der Rektor sagte bloss: Das ist strafbar, Genosse Novotný ist immer noch Präsident. Die Jungs mussten die Scherben aufwischen, sonst geschah nichts. Daran konnten wir ermessen, wie ungeheuer die Veränderungen waren, die zwar vom oben kamen, doch von der Bevölkerung begeistert mitgetragen und erweitert wurden. Im Januar 1968 hatte der slowakische Kommunist Alexander Dubček Antonín Novotný in der Funktion als Parteichef abgelöst, doch als Präsident blieb Novotný bis Ende März. Mit Dubček kam der Slogan «Sozialismus mit menschlichem Antlitz». Ich fing an, Zeitungen zu lesen, die nicht mehr bloss aus Nachrichten über die Erfüllung der Fünfjahrespläne und Reden, die KP-Funktionäre bestanden. Auf einmal wurde von Missgriffen der Planwirtschaft berichtet und sogar von der Existenz der Arbeitslager in den 50-er Jahren. Novotnýs stalinistische Linie wurde zunehmend kritisiert. Die Zeitungslektüre war so aufregend, dass ich Journalistin werden wollte. Das war meine politische Geburtsstunde. In meinem letzten Buch «Wie ich auf die Welt kam»*) beschreibe ich diesen Werdegang zur Bürgerin. Meine Mutter war 1959 wegen Fluchtvorbereitungen für ein Jahr ins Gefängnis gekommen, erst in jenem zauberhaften Frühling fing sie an, zaghaft darüber zu erzählen. Mein Vater war Anwalt, aber  gleich nach meiner Geburt musste er als «bürgerliches Element» in die «Produktion» gehen, das heisst als Hilfsarbeiter im Steinbruch schuften, später auf dem Bau. Er sollte auch nicht bei uns wohnen, darum bekam er eine Arbeitsstelle an einem entlegenen Ort zugeteilt. Auch wir wurden in die Provinz zwangsversetzt, zum Glück lebten wir bei der Grossmutter. Für meine Eltern war es eine schwierige Zeit, aber für mich war es eine schöne Kindheit. Die politischen Freiheiten kamen in den sechziger Jahren Schritt für Schritt, wir durften wieder nach Bratislava umziehen, auch die Reisebestimmungen ins kapitalistische Ausland lockerten sich allmählich. So konnte ich im Sommer 1968 in ein Jugendcamp bei Bordeaux reisen. Dort traf ich Studierende aus halb Europa. Wenn manche Franzosen vom Sozialismus schwärmten, opponierten wir – im Camp waren ausser mir auch ein paar Tschechen und Slowakinnen. Dann am Morgen des 21. August, als wir zum Frühstück kamen, meldete das französische Radio ununterbrochen «L`occupation de la Tchécoslovaquie». Aus der Traum... 

 

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Am Gymnasium Kirchenfeld organisierten an diesem 21. August einige politisch wache Köpfe eine spontane Kundgebung. In Windeseile verbreitete sich der Aufruf: Nach der Zehnuhrpause geht’s  vor die «Russische Botschaft» im Brunnadernquartier! Dort setzten wir uns auf die Strasse, versperrte die Zufahrt zum Gebäude und schrien minutenlang «Dubček, Svoboda». Einer hatte ein weisses Leibchen an einen Ast gebunden und schwenkte diese improvisierte Friedensfahne hin und her. Das Botschaftspersonal liess sich nicht blicken. Trotzdem hatten wir das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Anderntags stand im Bund: «Die Gymnasiasten haben durch ihre spontane ehrliche Kundgebung gezeigt, wie sehr auch unsere jungen Leute vom Geschehen in der Tschechoslowakei beeindruckt sind.» Die Schulleitung sah nach einigem Hin und Her von einer Bestrafung für das «unbewilligte Fernbleiben vom Unterricht» ab. Schliesslich hatte praktisch die gesamte Schülerschaft teilgenommen. Für viele – auch für mich – war das ein erstes prägendes politisches Erlebnis.

21. August 1968: Gynasiasten protestierten vor der russischen Botschaft im Brunnadernquartier. (Foto: Newspaperarchiv)

21. August 1968: Gynasiasten protestierten vor der russischen Botschaft im Brunnadernquartier. (Foto: Newspaperarchiv)

Gesprächsversuch an der Pforte der Botschaft. Wächter wiesen die Protestierenden weg. (Foto: Newspaperarchiv)

Gesprächsversuch an der Pforte der Botschaft. Wächter wiesen die Protestierenden weg. (Foto: Newspaperarchiv)

Mit ein paar Landsleuten fuhr ich von Bordeaux nach Paris. Wir wussten nicht, ob wir zurückgehen oder im Westen bleiben würden. Familien waren zerrissen. Mein Vater und mein Bruder waren inzwischen in Deutschland. Meine Mutter gab mir am Telefon die Adresse eines befreundeten Ungarn, der 1956 nach Paris geflohen war. Er legte seine Wohnung mit Matratzen aus und beherbergte uns tagelang. Ich fuhr dann nach Wien, wohin meine Mutter aus Bratislava ausgereist war. Zusammen klapperten wir auf der Suche nach einem Visum westliche Botschaften ab, überall standen Scharen unserer Landsleute. Ich weinte die ganze Zeit, fand es feige zu fliehen und das bedrohte Land im Stich zu lassen. Wäre ich aber alleine zurückgekehrt, wozu ich mich nicht stark genug fühlte, wäre ich als Tochter von Emigranten benachteiligt gewesen. Auf keinen Fall hätte ich studieren dürfen. Gefragt, wo ich mir meine Zukunft vorstelle, wurde ich nicht. Vor der kanadischen Botschaft, die regelrecht belagert war, erfuhren wir zufällig, dass die Schweiz tschechoslowakische Staatsangehörige auch ohne Visum einreisen lässt. Wir fuhren mit unserem Škoda gleich los. Unterwegs fragten uns österreichische Autofahrer, ob wir Hilfe bräuchten. Da wurde mir schmerzhaft bewusst, dass wir zu Flüchtlingen geworden sind. In Buchs liessen wir uns in einer Kaserne registrieren. Wir wurden höflich behandelt, schonend, mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid, als seien wir direkt unter den Panzerraupen hervorgekrochen. Ich fühlte mich weder als Heldin noch wollte ich bedauert werden. Ich war bodenlos traurig, nahm nur den Verlust meiner Heimat wahr und ahnte nichts von Verwandlungen, die helfen können, die Emigration zu meistern.

Wir kamen nach Basel, wo meine Eltern innert weniger Wochen Arbeit in der Pharmaindustrie fanden, sie konnten gut Deutsch. Unter meinen geflüchteten Landsleuten waren viele Akademiker und Akademikerinnen, vor allem aus technischen Berufen. Es war Hochkonjunktur, und sie waren willkommene Arbeitskräfte. Staunen lösten Chemikerinnen, Physikerinnen, Bauingenieurinnen aus. In der Tschechoslowakei identifizierten sich Frauen über ihre Berufe und an den Universitäten waren sie in der Mehrzahl, was für die Universität Basel, wo ich im Frühjahr 1969 zu studieren anfing, überhaupt nicht zutraf. Sogar an der philosophischen Fakultät waren Studentinnen rar. Bevor ich mit dem Studium anfing, hatte ich in Freiburg einen halbjährigen Einführungskurs für ausländische Studierende absolviert.

 

1969

Die Solidarität mit dem tschechischen und slowakischen Volk im Westen war wohl einmalig. In Bern fuhren alle mit einem tschechoslowakischen Fahrradwimpel umher. (Viel später habe ich gelesen, dass diese Aktion von einer Luzernerin initiiert worden war – praktisch im Alleingang!). Im Radio, in Kirchen, an den Unis wurde mit den aus der Tschechoslowakei geflohenen Intellektuellen diskutiert. In den Spitälern freute man sich über den Zuzug tschechoslowakischer Ärzte und Ärztinnen. Mein Vater, der beim Kanton arbeitete, stellte eine tschechische Buchhalterin an. Sie sprach gut Deutsch und das Schweizer Steuersystem bereitete ihr keine Mühe. Mein Vater staunte, was mich nachträglich etwas befremdet. Warum traute man das 1969 einer Frau nicht zu? In meiner Erinnerung hatte diese stolze und selbstbewusste Frau flammend rote Haare und einen lustigen Akzent. Beides machte mir einen bleibenden Eindruck. Am Gymnasium erlebten wir «die Tschechinnen» mit gemischten Gefühlen. Die jungen Frauen (an Männer erinnere ich mich seltsamerweise nicht) waren nicht nur ausnehmend hübsch, sie waren vor allem ausserordentlich selbstsicher. Sie färbten sich die Haare, trugen freche Miniröcke und flirteten unverfroren mit den begehrtesten Jungs im Schulhaus. Für uns war das recht – nun ja...–  ungewohnt.

Wir waren an eine andere Weiblichkeit gewohnt. Ich kleidete mich modern, dabei galt an der Uni das ungeschriebene Gesetz: eine Studentin soll androgyn sein, denn je männlicher sie sich gibt, desto mehr wird sie respektiert. Eine Kosmetikverkäuferin putzt sich heraus, aber doch nicht eine Studentin. Wenn ich im Philosophieseminar etwas sagte, erstarrten die Kommilitonen. Sie waren praktisch immer nur unter sich, kaum gewohnt an eine Frauenstimme, und schon gar nicht an eine mit Akzent. Die Schweizerinnen fand ich zurückhaltend, geradezu stumm. Erst langsam dämmerte es mir, dass ihr Schweigen wohl mit dem Ausschluss von Frauen aus dem beruflichen und öffentlichen Leben zusammenhing. Die jungen linken Männer zogen mich an, sie trugen lange Haare und kämpften leidenschaftlich gegen verkrustete Strukturen in der damals so konservativen Schweiz. Das verband uns. Allerdings malten sie sich die Vision einer neuen Gesellschaft aus, die allzu sehr jener glich, aus der wir geflohen waren. Ich zog mich mehr und mehr in meine Innenwelt zurück und widmete mich ausschliesslich dem Studium. Ich musste schliesslich mein Deutsch vervollkommnen und die westliche Bildung nachholen. Ein Jahr lang tat ich nichts anderes als Latein büffeln. Die Schwierigkeiten stachelten meinen Ehrgeiz an. An jener Zeit schätze ich, dass ich Zugang zum analytischen Denken bekam, mich im kritischen Geist üben und mir Wissen und Genauigkeit aneignen konnte. Spinoza, Heidegger, Nietzsche, Jaspers, die griechischen Philosophen, aber auch Freud und Jung oder Simone de Beauvoir und die amerikanischen Feministinnen: sie alle erweiterten meinen Horizont. Dazu las ich die ganze klassische russische Literatur, denn ich studierte im Hauptfach Slawistik und in den Nebenfächern Philosophie und Psychologie. Meine Eltern waren enttäuscht, dass ich mich für Russisch entschied, sozusagen für die Sprache unserer Okkupanten. Doch ich liebe diese weite slawische Sprache, und keine Panzer vermochten sie mir zu nehmen. Neben dem Studium verdiente ich Geld als Russischlehrerin sowohl an Sprachschulen wie auch privat.

Irena Brežná 1968 kurz nach ihrer Flucht in die Schweiz. (Foto: Privat)

Irena Brežná 1968 kurz nach ihrer Flucht in die Schweiz. (Foto: Privat)

 

1981

Die guten Russischkenntnisse waren mir nützlich. Ich engagierte mich ehrenamtlich bei Amnesty International (AI), war zuständig für sowjetische Gewissensgefangene, denen ich Briefe in den Gulag schrieb. An den Kreml richtete ich Proteste. Anfang der 80-er Jahre wurden sowjetische Dissidenten in den Westen ausgebürgert. Ich lud sie zu AI-Konferenzen ein, wo ich sie dolmetschte und Interviews mit ihnen für hiesige Zeitungen führte. So fing ich an, als Journalistin zu arbeiten. Wie die Schweiz damals in Links und Rechts gespalten war, zeigt sich auch daran, dass praktisch nur die NZZ bereit war, die schonungslose Entlarvung der Sowjetunion abzudrucken. 1981 führte ich ein Interview mit Friedrich Dürrenmatt in seinem Haus oberhalb von Neuenburg. Da sass vor mir ein kritischer Zeitgenosse, der sowohl das politische System der Schweiz durchschaute und gleichzeitig die Absurditäten des Realsozialismus erkannte und verurteilte. Wie wohltuend das war! Bis heute erfüllt mich Dankbarkeit für seine Haltung. In dieser Zeit schrieb ich einen autobiographischen Text darüber, wie es war, in der Slowakei aufzuwachsen und als Flüchtling in der Schweiz zu leben. Ich gewann damit am Schreibwettbewerb für Ausländerliteratur an der Universität Bern den 1. Preis. Ich ergänzte dann die persönliche Geschichte mit historischen Fakten über die Slowakei, wählte slowakische Volkslieder aus und komponierte das Ganze zu einer zweistündige Radiosendung, die 1981 auf DRS ausgestrahlt wurde. Darauf bekam ich viele Zuschriften. Inzwischen war ich alleinerziehende Mutter. Und lernte die Schweiz aus dieser Perspektive kennen. Krippen gab es kaum, ich stahl mir die Zeit, wo es nur ging, um mir meinen Schreibtraum in der fremden Sprache zu erfüllen. Nach der Wende 1989 bereiste ich für Reportagen etliche Länder der ehemaligen Sowjetunion, war auch Kriegsreporterin in Tschetschenien und beschrieb starke Frauen, die gegen den russischen Kolonialkrieg aufbegehrten. Das Schicksal der Menschen in Mittelost- und Osteuropa interessiert mich weiterhin sehr.

 

2020

Über ein Buchprojekt lernte ich Irena Brežná persönlich kennen. Wir stellen fest, dass es in unseren Biografien Parallelen gibt. Unter anderem hatten wir uns beide über das Schreiben zu definieren begonnen. Sich zu Wort melden, über das Leben als Mutter und Berufsfrau schreiben, die weibliche Optik einbringen, das war uns beiden wichtig. Bei mir war der Kampf sicher sehr viel weniger hart als bei Irena. Aber wenn es um Frauenfragen geht, dann verstehen wir uns. Ich merke aber, dass Irena als Migrantin, die sich wegen ihrer Heirat mit einem Deutschen nicht einbürgern lassen konnte und zwanzig Jahre lang staatenlos blieb, viel einschneidender diskriminiert war. Was ihr vor allem fehlte, waren Verbündete. Mehr als einmal sagt sie «ich war doppelt diskriminiert: als Frau und als Ausländerin.»

1988 hatte ich den Schweizer Pass bekommen. Das war eine grosse Erleichterung, doch wirklich eingebürgert fühlte ich mich erst 2012 als ich für meinen Roman «Die undankbare Fremde»*) in Bern den Schweizer Literaturpreis vom Bundesamt für Kultur erhielt. Ich sagte in meiner Dankesrede, dass ich mich nun voll angenommen fühle, denn in diesem Entwicklungsroman habe ich schonungslos all die Schwierigkeiten einer jungen Emigrantin in der Schweiz geschildert. Wenn die offizielle Schweiz das als literarische Leistung – stilistisch wie auch inhaltlich – würdigt, bin ich eine vollwertige Bürgerin dieses Landes geworden.

Die Journalistin und Autorin Irena Brežná heute. (Foto: Privat)

Die Journalistin und Autorin Irena Brežná heute. (Foto: Privat)

In unserem Telefongespräch für diesen Artikel kommen wir am Schluss auf die jungen Frauen von heute zu sprechen. «Ja», sagt Irena, «es ist eine ganz andere Welt heute als vor fünfzig Jahren.» Sie freut sich – wie ich – über junge, selbstbewusste, gut ausgebildete Frauen, die sich wehren, aufmüpfig und unangepasst sind. Und ganz zum Schluss stellen wir fest: wir haben beide einen Sohn, der vor kurzem Vater geworden ist. Beide Männer teilen sich völlig selbstverständlich mit ihren Partnerinnen in die Berufs- und Betreuungsaufgaben. «Es ist doch einiges gegangen», müssen wir zugeben. Auch wenn vieles in diesem Land fast unerträglich lange dauert.

*)

Irena Brežná, «Die undankbare Fremde» (2012) Verlag Galiani, Berlin, ausgezeichnet mit dem Schweizer Literaturpreis.

 «Wie ich auf die Welt kam. In der Sprache zu Hause» (2018) Rotpunktverlag, Zürich.