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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Schaut her, wir gehören dazu

Wer hats erfunden? Jedenfalls waren sie einfach mal da, die Fahnen an den Hausfassaden. Sie warben für Abstimmungen: für die Konzernverantwortungsinitiative, die Papi-Zeit, gegen die Kampfjets, für die Gletscheriniative. Sie sind die neuen Geranien.

Für dies und das und jenes. Und als Ausweis, dass man dazugehört. (Foto: Peter Steiger)

Wie die bern-behäbigen Balkonpflanzen bevorzugen Politfahnen  bestimmte Lagen. Am besten gedeihen sie in links-grün dominierten Biotopen. Die ersten Abstimmungsfahnen müssen ein Werbeknüller gewesen sein: neu, überraschend, auffällig. Unterdessen ist die Wirkung abgeflacht. Obwohl manche Hausfassaden orangefarben eingekleidet wurden, scheiterte am letzten Novemberwochenende die Konzernverantwortungsinitiative. Was zur Gewohnheit wird, lüpft einem halt nicht mehr aus den Socken.

Statt Abstimmungspropaganda ist ein anderer Zweck wichtiger geworden. Die bunten Tücher zeigen, zu welcher Gruppe man gehört. Sie signalisieren, dass hinter dem Balkon mit dem Bekennertuch die richtigen, richtig denkenden Leute wohnen. Sie sind ein weithin sichtbares Erkennungszeichen für Gleichgesinnte. Schaut her, wir gehören dazu.

Bekennende Schweizer

Klar: Es geht auch um Politentscheide, man soll für dies und das und jenes ja oder nein stimmen. Aber wer Flagge zeigt, dokumentiert auch Gesinnung. Moral als Fassadenschmuck. Fahnen, orange, blaue, regenborgenfarbige, deuten auf links-grüne Gesinnung.

Nur links und grün? Nein. Flagge zeigen auch bürgerlich-rechte Kreise. Nämlich Schweizerfahnen. Wer öffentlich unser schmuckes weisses Kreuz präsentiert, neigt zu Kampfjet-Jas und Konzernverantwortungs-Initiativen-Neins und ist bekennender Schweizer.

Gegen dies und das und jenes. Und als Beweis, dass man weiss, wo man hingehört. (Foto: Peter Steiger)

Gegen dies und das und jenes. Und als Beweis, dass man weiss, wo man hingehört. (Foto: Peter Steiger)

Eine heikle These, gewiss. Ich bin froh, dass ich das nicht beweisen muss, sondern bloss behaupten kann. Wie die links-grünen Tuchplantagen haben auch die Schweizerfahnen ihre bevorzugten Lagen: Familiengärten, Einfamilienhaus-Areale, ferner Wohnblocks mit den Überresten der indigenen Bevölkerung.

Zu beachten sind die juristischen Grenzen der optischen Politbeeinflussung. Nämlich: Der Vermieter kann seiner Mieterin Fassadenreklame verbieten. Begründung: Die Aussenwände gehören nicht zum Mietobjekt. Umgekehrt funktionierts allerdings nicht. Die Vermieterin darf ihrem Mieter keine Fassadenwerbung aufzwingen. Konkret: Die WG muss den Balkon mit der Outdoor-Hanfplantage nicht mit einer Schweizerfahne schmücken. Die basisorientierte Wohngenossenschaft darf vom Rentnerpaar Rüedisühli nicht verlangen, dass die beiden eineRegenbogenflagge anbringen.

Ist der Schwerarbeiter ein Schwarzarbeiter?

Als Abschluss noch ein Bijou aus der Abteilung für unfreiwillige Komik. Mit dem Bild eines fröhlichen schwarzgeschminkten Mannes wirbt ein Bauunternehmen auf der Rückseite von Postautos und auf Plakatwänden in und im Bern. Was will uns die Firma mitteilen? Hat der abgebildete Büezer trotz offensichtlich knallhartem Job Freude an seinem Beruf? Ist der Schwerarbeiter ein Schwarzarbeiter? Ist Blackfacing halt doch nicht igitt, sondern lustig? Mit mildem Sinn haben wir den Namen der Firma wegretouchiert. Hä ja, manchmal muss man manche vor sich selber schützen.

(Foto: Peter Steiger)

(Foto: Peter Steiger)