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Gender-Budget und gratis Kitaplätze für alle

Stadtratswahl 2020

Sophie Achermann vom Grünen Bündnis findet, dass die Stadt Bern in punkto Kinderbetreuung visionärer werden sollte und stösst sich daran, dass institutionalisierte Kulturhäuser beim Thema Gleichstellung und Diversität der Gesellschaft hinterherhinken. 

«Natürlich ist es schön, dass alle Vereine von fussballspielenden Buben mit Sportfördergeldern unterstützt werden, aber erreichen die Fördergelder ebenso viele Mädchen?

Wer am 29. November eine grüne Liste wählen will, muss sich erst eine unter vielen aussuchen. Worin unterscheidet sich das Grüne Bündnis von den anderen grünen Parteien?

Das Grüne Bündnis ist rot-grün. Es hat seinen Ursprung in sozialen und ökologischen Bewegungen und ist heute noch breit vernetzt in diesen.

 

Warum muss grüne Politik mit sozialen Fragen verbunden werden?

Soziale Gerechtigkeit muss auf alles übertragen werden. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir viele neue Regeln für die Zukunft treffen müssen zugunsten eines gesünderen Klimas. Bei diesen Weichenstellungen ist es sehr wichtig, dass diese sozial verträglich sind. Es darf nicht sein, dass ein kleiner Prozentsatz von Menschen es sich leisten kann, weiterhin die Welt zu verschmutzen, während alle anderen dies ausbaden müssen. Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit sind also direkt miteinander verbunden.

 

Das Grüne Bündnis will neben grün und solidarisch auch feministisch sein. Sie selbst sind Geschäftsführerin bei Alliance F, dem grössten Schweizer Frauendachverband. Wie sieht feministische Stadtpolitik aus?

Puh, da könnte ich wohl hundert Beispiele aufzeigen. Ein Punkt, in dem sich Bern noch stark verbessern könnte, ist das «Gender-Budget». Dabei gilt es zu fragen, wofür unsere Steuergelder verwendet werden und wessen Bedürfnisse damit abgedeckt werden. Werden zum Beispiel die Strassen so gebaut, dass sie praktisch mit dem Kinderwagen begehbar sind oder sind sie eher darauf ausgerichtet, dass die Autos gut durchfahren können – das ist nun natürlich sehr stereotypisch ausgedrückt. Aber es geht beispielsweise um die Frage, wer wie gefördert wird. Natürlich ist es schön, dass alle Vereine von fussballspielenden Buben mit Sportfördergeldern unterstützt werden, aber erreichen die Fördergelder ebenso viele Mädchen? Es geht also immer darum zu schauen, wer profitiert. Wir haben eine Stadt, die seit fünfundzwanzig Jahren mitte-links regiert wurde, da könnte man eigentlich davon ausgehen, dass Gleichstellung schon relativ gut realisiert wurde. Das ist aber nicht der Fall. Nehmen wir das Beispiel der Kinderbetreuung – hier gibt es noch viel Luft nach oben.

 

Inwiefern?

Warum fällt die Kita-Betreuung nicht in die Sparte allgemeiner Infrastrukturkosten sowie Schulen und Kindergärten? Ist es nicht komisch, dass ein Kind ab vier Jahren ganz selbstverständlich fünf Tage die Woche im Kindergarten oder in der Schule betreut wird, aber zuvor ist seine Betreuung Angelegenheit der Eltern? Die Stadt Bern hat zwar vor einigen Jahren die Betreuungsgutscheine für Kitas eingeführt. Diese sind auf die Einkommen der Eltern abgestimmt, was natürlich ein sozial gerechtes Modell ist, aber: Zum Beispiel für verheiratete Akademiker*innen-Eltern lohnt es sich durch die hohe Steuerbelastung und die hohen Kitakosten nicht, wenn sie ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Das heisst, sie entscheiden sich dafür, dass jemand zuhause bleibt – und das ist in den häufigsten Fällen die Frau. Ich glaube, dass man das Problem viel grundlegender angehen müsste, nämlich mit gratis Kitaplätzen für alle. Ausserdem begrüsse ich beispielsweise die neuen Ganztagesschulprojekte sehr. Denn wieviele Mütter – und ja, es sind meistens Mütter – stressen sich jeden Mittag von der Arbeit nach Hause, um ihren Kindern ein Mittagessen zu kochen? Jeden Tag! Das kann man sich in anderen Ländern kaum mehr vorstellen.

 

Veränderungen streben Sie neben der Kinderbetreuung auch in der Kulturbranche an. Kürzlich haben Sie eine Motion im Stadtrat eingereicht, in der Sie Lohntransparenz und Gleichstellung in den subventionierten Theaterbetrieben fordern. Was steckt genau dahinter?

Eine Studie des deutschen Kulturrates hat offenbart, dass Intendanzen zu 78 Prozent von Männern besetzt werden, in Regiepositionen gerade mal 30 Prozent Frauen zu finden sind und dass neue Theatertexte zu 76 Prozent von Männern verfasst werden. Zudem verdienen Frauen je nach Sparte und Institution zwischen 26 und 46 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Es ist schwer anzunehmen, dass in der Schweiz eine ähnliche Realität herrscht.

 


 

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Zum einen will ich, dass die Institutionen gegenüber ihren Mitarbeitenden transparent in der Lohngebung sind, sodass diese selbst überprüfen können, ob die Lohngleichheit gewährleistet wird. Oftmals geschieht der Gender-Lohn-Gap ja nicht aus bösartiger Absicht, sondern unbewusst. Gerade deshalb muss die Lohnverteilung aber genau angeschaut werden. Es gibt heutzutage sehr einfache Online-Tools vom Gleichstellungsbüro zur Überprüfung der Lohnverteilung. Aber man muss es eben auch machen!

Zum anderen geht es darum zu schauen, wie freie Stellen in den Theaterbetrieben besetzt werden. Wie werden beispielsweise Leitungspositionen ausgeschrieben und wer entscheidet über die Nachfolge. Es gibt ja dieses «Thomas-Phänomen», das besagt, dass Thomasse mit hoher wahrscheinlich wieder einen Thomas einstellen werden. Oder anders gesagt, Menschen wählen bevorzugt Menschen in ihr Arbeitsumfeld, die ihnen nach Geschlecht, Alter, Herkunft und Ausbildung ähnlich sind. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Entscheidungsgremien divers besetzt sind, denn dies wird auch zu mehr Diversität in leitenden Positionen führen.

 

Wie soll dies konkret umgesetzt werden?

Ich erwarte, dass die von der Stadt subventionierten Institutionen zu konkreten Gleichstellungsmassnahmen in den Leistungsverträgen verpflichtet werden. Diese sollen also erstens mit einem Geschlechterrichtwert von 50 Prozent Frauen* in den Geschäftsleitungen sowie bei der Vergabe von Regie- und Textaufträgen ergänzt werden. Zudem soll festgeschrieben werden, dass die Zusammensetzung der Entscheidungsgremien öffentlich zugänglich gemacht wird und dass die Lohntransparenz gegenüber den Mitarbeitenden gewährleistet werden muss. Es kann nicht sein, dass gerade die grossen institutionalisierten Kulturinstitutionen wie beispielsweise das Stadttheater, die auch den Anspruch an sich haben, Perspektiven zu eröffnen und ihrer Zeit einen Schritt voraus zu sein, in punkto Diversität und Gleichstellung der Gesellschaft hinterherhinken.

 

Was wollen Sie in den nächsten zwei Jahren im Stadtrat umgesetzt haben?

Also erstens fände ich es wirklich schön und wichtig, wenn die eben erwähnte Motion in die nächsten Leistungsvereinbarungen von der Stadt mit den Theaterhäusern Einlass fände. Ein weiteres Anliegen ist für mich die Schaffung einer Beratungsstelle für Opfer von virtueller Gewalt in der Stadt Bern. Das Problem von virtueller Gewalt existiert schon lange, aber bisher hat sich niemand von offizieller Seite darum gekümmert. Die einzigen, die Beratungsmöglichkeiten anbieten sind die Leute von «Netzcourage» – und zwar auf dem Rücken von Freiwilligenarbeit. Per Gesetz ist aber der Kanton oder die Stadt für die Opferberatung zuständig. Die Stadt Bern könnte hier visionär und innovativ vorausgehen und in einer Zusammenarbeit mit Netzcourage einen professionellen Dienst für die Opfer von virtueller Gewalt aufbauen.

 

Welches Geschäft eines politischen Gegners werden Sie unterstützen?

Ich habe vor einigen Wochen die Interfraktionelle Motion «Stellvertretungsregelung im Stadtrat», initiiert und erarbeitet von Vivian Esseiva von der FDP, miteingereicht. In der Motion geht es darum, dass für eine gewisse Dauer eine Stellvertretungslösung im Stadtrat gefunden werden kann, beispielsweise bei Mutterschaftsurlaub. Ich habe diese Initiative sehr begrüsst. Es kann nicht sein, dass eine Mutter oder ein Vater, welche sich um ein Neugeborenes kümmert, entweder im Stadtrat ihre oder seine Stimme verliert oder zurücktreten muss. Auch besteht zusätzlich noch das Problem, dass Frauen während ihrem Mutterschaftsurlaub nicht an den Sitzungen teilnehmen dürfen, ohne dass ihr Anrecht auf Erwerbsausfallentschädigungen erlischt. Sie darf also ihr demokratisches Amt defacto nicht ausüben – ohne auf ihr zustehendes Geld verzichten zu müssen. Ich begrüsse sehr, dass diese Motion da eine Lösung bieten will.