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Lebensmittel unter Verschluss

Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko wurden beim Versuch, weggeworfene Lebensmittel aus einem Migrosanhänger zu entnehmen, verhaftet. Für diesen Akt des Containerns standen die beiden heute vor Gericht. Die Anklage: versuchter Diebstahl. Das Urteil: ein unpolitischer Freispruch.

Dieses Gemüse gibt es nicht im Supermarkt. Mikosch Loutsenko und Daniel Nacht mit Überschussware. (Foto: Luca Hubschmied)

Leere Kisten, Verpackungsmaterial und Warengestelle im Innern eines Anhängers. Auf diesen Anblick trafen Mikosch Loutsenko und Daniel Nacht in der Nacht auf den 26. Mai 2019. Die beiden, Mitte zwanzig, waren unterwegs um Lebensmittel zu retten, die bei den Grossverteilern im Abfall landen. Containern nennt sich der Akt, da die Esswaren oft in Container, manchmal auch in Lastwagenanhänger bei den Verkaufsfilialen zu finden sind. In dem grossen Anhänger bei der Könizer Migros-Filiale sollten sie in jener Nacht allerdings keine finden. Stattdessen nahm dort die Geschichte ihren Lauf, die nun fast eineinhalb Jahre später im Gerichtssaal des Regionalgerichts Bern-Mittelland ein vorläufiges Ende findet.

Bei einem Kaffee ein paar Tage vor dem anstehenden Prozess erinnert sich Mikosch Loutsenko zurück: «Wir hörten Geräusche von ausserhalb. Schreie, die uns aufforderten, sofort herauszukommen.» Mit erhobenen Armen standen die beiden kurz darauf acht Polizist*innen gegenüber, von denen zwei mit gezogener Waffe auf sie zielten. Ein Erlebnis, das seinen Eindruck hinterlassen hat. «Für mich war das enorm einschüchternd», sagt Daniel Nacht, «mein einziger Gedanke lautete: Bitte nicht schiessen!»

Auf die Festnahme und die polizeiliche Befragung folgte ein Strafbefehl. Das Delikt: Versuchter Diebstahl. Doch schuldig fühlten sich die beiden Freunde nie, den Akt des Containern verteidigen sie konsequent als legitim. «Schon in jener Nacht war für mich klar, dass sich unser Handeln, egal welche rechtlichen Konsequenzen es mit sich bringt, richtig anfühlt», sagt Mikosch Loutsenko  Lebensmittel aus dem Abfall zu retten ist ihnen zufolge die letzte Möglichkeit, sie vor der endgültigen Vernichtung zu konsumieren und nicht zu Food Waste werden zu lassen.

Zum Zeitpunkt des Strafbefehls hätten sich die Kosten für Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko auf je tausend Franken belaufen. Dazugekommen wäre ein Eintrag ins Strafregister. Doch die zwei erhoben Einsprache. «Wir haben uns zuerst rechtlichen Rat geholt und viel miteinander diskutiert», erklärt Daniel Nacht. Den Rechtsweg einzuschlagen und sich auf eine juristische Auseinandersetzung einzulassen, habe nicht nur zu existentiellen Fragen geführt, sondern sei auch für die Freundschaft der beiden eine Herausforderung gewesen. «Dani ist eher der Draufgänger, ich denke lieber zweimal über eine wichtige Entscheidung nach», sagt Mikosch Loutsenko und lächelt. Die Kombination habe sich als ziemlich hilfreich erwiesen. Trotzdem steht für beide viel auf dem Spiel. Bei einer Verurteilung könnten die Kosten inklusive Honorar der Rechtsvertretung und Verfahrenskosten auf bis zu 9000 Franken ansteigen, schätzt Daniel Nacht.

Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko containern aus einer ethisch-politischen Überzeugung heraus, wie sie selbst erklären. Sie seien nicht aus Geldgründen darauf angewiesen. «Es gibt auch Armutsbetroffene, die aufgrund einer finanziellen Not Lebensmittel aus Container retten», sagt Mikosch Loutsenko, «wir haben das Glück, dies aus einer privilegierten Situation heraus zu tun.» Es sei ein verstörendes Gefühl, in einen Container zu blicken und zu sehen, was es eigentlich nicht geben dürfte, erläutert Daniel N: «Zum Teil liegen dort ganze Fische drin. What the fuck! Warum geschieht das?» Es sind Anblicke, die bei den meisten Supermärkten gut verborgen bleiben. Standen früher noch öfters Container draussen herum, werden unterdessen - zumindest auf städtischem Gebiet - viele im Innern der Gebäude aufbewahrt oder sind verschlossen.

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Im Saal des Regionalgerichts Bern-Mittelland an der Hodlerstrasse sind die Abstände gross an diesem Dienstagnachmittag. Der heutige Prozess findet, den Corona-bedingten Einschränkungen entsprechend, praktisch unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Der Gerichtspräsidentin Bochsler gegenüber sitzen nebst den Beschuldigten und ihren Fürsprecherinnen fast nur Medienschaffende. Im ersten Teil der heutigen Verhandlung äussern sich  zwei Zeug*innen der Verteidigung kurz und knapp zu den Essgewohnheiten der Beschuldigten: Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko hätten sich zum Zeitpunkt der mutmasslichen Straftat vegan, beziehungsweise vegetarisch ernährt.

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Die grossen Detailhändler in der Schweiz sind heutzutage sensibilisiert und geben sich fortschrittlich, was die Verwertung von Lebensmitteln angeht. Das erstaunt nicht, denn das öffentliche Interesse an der Thematik und die Bekanntheit von Schlagworten wie Food Waste haben seit einigen Jahren stark zugenommen. Die Migros etwa schreibt, dass mittlerweile knapp 99% ihrer angebotenen Lebensmittel verkauft oder abgegeben werden. Im Abfall lande nur ein kleiner Teil der Gesamtmenge. Nebst den grossen Playern engagieren sich mittlerweile auch eine Vielzahl von neuen Initiativen und Organisationen für die Rettung von Lebensmittel, so etwa die Organisation Too Good To Go mit der gleichnamigen App. Auf die Frage, ob ihn diese Entwicklung freue, setzt Mikosch Loutsenko nach kurzem Innehalten zu einer Antwort an: «Für uns stellt sich dabei immer die Frage: Was ist Symptombekämpfung und wo wird ein neuer Ansatz generiert? Containern ist zwar auch eine Symptombekämpfung, aber eine sehr effektive. Dabei wird weiterverwendet und gerettet, was überproduziert wurde, ohne direkt die Nachfrage zu beeinflussen. Initiativen wie Too Good To Go sind zwar schöne Ansätze, aber dabei verschiebt sich die Problematik oder wird hinausgezögert.» Daniel Nacht pflichtet bei und fährt fort: «Ein Projekt wie die Äss-Bar ist ein Paradebeispiel für Symptombekämpfung, die keinen Sinn macht. Auch eine Äss-Bar sitzt am Ende des Tages auf unverkauften Lebensmitteln und gibt diese dann ihrerseits an eine dritte Station weiter. Wirklich essbar sind die Waren zu dem Zeitpunkt oft nicht mehr.» Bei diesen Ansätzen zeige sich eine gleichbleibende Problematik, fährt er fort. Der Überschuss werde nicht grundlegend bekämpft, sondern zu Geld gemacht und so legitimiert.

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Die Verhandlung schreitet in schnellen Schritten voran. Auf die Frage  der Gerichtspräsidentin, was die Beschuldigten mitten in der Nacht in einem Migros-Anhänger wollten, antworten die beiden unisono: «Ich habe gehört, dass in dem Anhänger Lebensmittel sind, die weggeworfen werden sollten.»
Weiter geben Mikosch Loutsenko und Daniel Nacht zu Protokoll, was in der betreffenden Nacht in dem Container stand: Verpackungsmaterial, Kisten, Gestelle, Recyclingmaterial.

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Dass die Chancen im heutigen Prozess intakt sind, liegt am Vergehen, dessen die beiden beschuldigt werden: Um den Tatbestand des versuchten Diebstahls zu erfüllen, muss die Ware, die gestohlen werden sollte, einen Wert von mindestens 300 Franken aufweisen. Ist dies nicht der Fall, spricht die Justiz von einem geringfügigen Vermögensdelikt. «Geh mal ins Migros und fülle deinen Rucksack mit Gemüse im Wert von 300 Franken. Das ist nicht möglich», enerviert sich Daniel Nacht und wird ausnahmsweise etwas lauter. Zudem liege es nun am Gericht, zu beurteilen, welchen Wert weggeworfene Lebensmittel denn noch hätten.

Das Kriterium des Warenwertes dürfte sich als entscheidend für den Ausgang des Prozesses erweisen, falls die Richterin des Regionalgerichts dieser Argumentation folgt. Doch Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko treibt nicht die Hoffnung auf ein juristisches Schlupfloch an, wie sie nicht müde werden zu betonen: «Es geht nicht um unseren allfälligen Freispruch», sagt Daniel Nacht, «sondern um die Sache dahinter. Wir stehen voll und ganz hinter dem Vorgang des Lebensmittelrettens. Eine Verurteilung deswegen wäre völlig illegitim.»

Und so wird die heutige Gerichtsverhandlung bereits im Vorfeld zu einer politischen Angelegenheit gemacht. Im Gespräch mit Mikosch Loutsenko und Daniel Nacht verweisen die zwei immer wieder auf die Klimakrise, die dringende Massnahmen erfordere und legitimiere. In der Argumentation zeigen sich Parallelen zu dem Credit Suisse-Prozess anfangs dieses Jahres, in welchem das Bezirksgericht Lausanne 12 Umweltaktivist*innen vom Vorwurf des Hausfriedensbruches freisprach. Das Gericht beurteilte die Aktion, bei der die Demonstrierenden in einer Filiale der Bank Tennis spielten, angesichts der Klimakatastrophe als «notwendig und angemessen». Das Containern - der «versuchte Diebstahl» gemäss Anklage – könnte sich in diese Logik einreihen. Fast drei Millionen Tonnen Lebensmittel werden entlang der gesamten Lebensmittelkette jährlich in der Schweiz weggeworfen, zitiert Daniel Nacht eine Zahl aus einem Bericht der ETH Zürich.

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Die Verteidigerin von Daniel Nacht hält einen schwarzen Rucksack in die Höhe. Er besässe ein Fassungsvermögen von knapp 25 Litern, erklärt sie. Gemäss der Polizei trugen die Beschuldigten in jener Mainacht zwei solcher Rucksäcke bei sich. Aus einer Tasche zieht sie einen Salat und legt ihn in den Rucksack. Obendrauf einen Brokkoli, einen weiteren Salat, ein Pack Äpfel, Trauben und nochmal einen Salatkopf. Demonstrativ verschliesst sie den Rucksack und erklärt, den Kassenzettel in der Hand, diese Waren habe sie zum Preis von 17.70 gekauft.

Die Argumentation ist auch ohne die nachfolgende Erklärung offensichtlich: Ungekühlte, vegetarische Lebensmittel im Wert von 300 Franken zu entwenden, ist mit zwei solcher Rucksäcke unrealistisch.

«Was ist Containern?» fährt Daniel Nacht mit dem Plädoyer fort und beginnt eine nüchterne Beschreibung der Beweggründe dahinter. Er rechnet vor, dass in der Schweiz jährlich ein Gewicht von 14 Milliarden grossen Äpfeln als Abfall endet. In seiner Hand hält er zur Demonstration einen roten, glänzenden Apfel umklammert und reckt ihn hoch in die Luft. Es ist der erste Moment von grösserer Symbolik in diesem Prozess. «Die Migros brüstet sich damit, Food Waste zu bekämpfen, indem sie ihr Überangebot, für das sie mitverantwortlich ist, spendet, verschenkt, oder vergünstigt verkauft», fährt er in lauterem Ton fort, «doch nichts wird dafür getan, dass dieser Lebensmittelüberschuss nicht entsteht.»

Die Verteidigerin schliesst an und erläutert, wie durch eine Notstandlage, wie der Klimakatastrophe, die Begehung einer Straftat legitim sein könne. «Das menschliche Leben ist unmittelbar durch den Klimawandel bedroht», erklärt sie. Containern verhindere, dass Lebensmittel fortgeworfen würden und sei die letzte Rettungsmöglichkeit für diese.

So oder so seien Daniel Nacht und Mikosch Loutsenko freizusprechen, wird am Ende der Plädoyers gefordert. Es handle sich keinesfalls um einen versuchten Diebstahl, sondern in Anbetracht des Wertes der möglichen Beute nur um den Versuch eines geringfügigen Vermögensdelikts, welcher straflos bleibt.

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In dem Gespräch im Vorfeld kommen die zwei immer wieder auf das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln zu sprechen, das heutzutage kaum mehr vorhanden sei. «Je weiter du dich vom Ursprung der Produkte entfernst, desto weniger schätzt du ihren Wert», sagt Daniel N, «wenn du aber zu einem Bauernhof gehst und siehst, woher deine Lebensmittel kommen, wird auch die Hürde viel höher, sie zu verschwenden.» Die Alternative zur heutigen Lebensmittelkette, die den Kund*innen normierte Lebensmittel verkaufe, sehen die beiden in Projekten der solidarischen Landwirtschaft. Wie etwa Initiativen, die Überschussgemüse von Biobauernhöfen zu den Haushalten bringen: «Solche Projekte schaffen ein Bewusstsein dafür, was wir konsumieren», meint Mikosch L, «das Gemüse sieht meist nicht aus wie standardisiertes Gemüse im Supermarkt. Dadurch lernen wir wieder, was ein Lebensmittel überhaupt ist und wie wertvoll es sein kann.»

Dass die heutige Situation noch anders aussieht, ist ihnen nur zu gut bewusst. Mikosch Loutsenko legt ein verknittertes Schwarzweissfoto auf den Tisch. Es zeigt ihn, liegend, den Velohelm noch auf dem Kopf, auf einem Berg Karotten im Container eines Biogrossverteilers. Der grosse Haufen füllt fast die untere Hälfte der Fotografie aus. Mikosch Loutsenko schüttelt den Kopf und meint: «Das ist so absurd. Kaum vorstellbar, dass all das fortgeworfen werden soll. Solche Eindrücke bestätigen uns in unserer Haltung: Wir jagen nicht einem Hirngespinst hinterher. Die Verschwendung ist bittere Realität.»

Der Container, gefüllt mit Karotten.

Der Container, gefüllt mit Karotten.

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Um 15 Uhr im langen Gang vor dem Gerichtssaal schwankt die Stimmung zwischen gedämpfter Nervosität  und sich anbahnender Erleichterung. Urteilsverkündung in einer halben Stunde, hat die Gerichtspräsidentin angesagt. Abwägende Köpfe und verzogene Mundwinkel verbreiten leise Skepsis während der Wartezeit.

Eine halbe Stunde später ein kurzer Satz, der unerwartet schnell über die Lippen kommt: «Ich spreche sie frei vom Vorwurf des versuchten Diebstahls.» Weiter fährt die Richterin Bettina Bochsler fort: «Strafrechtlich gesehen hat der Berg eine Maus geboren.» Um dieses Urteil fällen zu können, hätten ihr die paar Fragen an die Beschuldigten gereicht. Im Anhänger hatte es demzufolge kaum etwas von Wert. Mikosch Loutsenko und Daniel Nacht wollten lediglich Lebensmittel aus diesem Anhänger mitnehmen, sagt die Gerichtspräsidentin. Ihr sei schnell klar gewesen, dass die Beschuldigten unter diesen Umständen, mit diesen Taschen, keine Lebensmittel im Wert von mehr als 300 Franken hätten entnehmen können. «Damit ist die Sache erledigt. Mehr überlege ich mir nicht dazu, das muss ich auch nicht.»

Es ist eine Absage an den politischen Hintergrund dieses Prozesses, wie ihn die Verteidigung eingebracht hat. Mit Nachdruck erläutert Bettina Bochsler, dass Themen wie Lebensmittelverschwendung für dieses Urteil nicht nötig gewesen seien. Politik, so scheint man rauszuhören, wird nicht in diesem Saal gemacht. Und doch bleiben ein paar Punkte aus der Urteilsverkündung hängen: «Ob ein Diebstahl überhaupt möglich ist bei Lebensmitteln, die fortgeworfen worden sind, das muss sich ein anderes Gericht überlegen», schweift Bettina Bochsler für einen kurzen Moment etwas ab. Heute aber reichen ein paar pragmatische Tatsachen zum Freispruch. Die Flughöhe des Thema Klimanotstandes überstieg die weissen Decken im Gerichtsgebäude. Die nun Freigesprochenen werden verabschiedet mit den Worten: «Schauen Sie weiterhin zum Klima, das ist wichtig und es braucht jeden von uns!»

Das Urteil des Regionalgerichts Bern-Mittelland ist noch nicht rechtskräftig und kann weitergezogen werden.

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