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Ausnahme-Zustand im alten Turm

750 Jahre alt ist der Käfigturm, seit 40 Jahren dient er der (politischen) Information und Bildung, 2018 wurde er zum Polit-Forum Bern. Nach dem Lockdown organisiert das Forum eine Diskussionsreihe über die Folgen des Ausnahmezustands für Demokratie und Gesellschaft.

  • Diskutieren im Polit-Forum (Foto: Susanne Goldschmid / Polit-Forum Bern)
  • Thomas Göttin, Leiter des Polit-Forum Bern (Foto: Susanne Goldschmid)

Am 17. Juni beginnt im Polit-Forum Bern die Diskussionsreihe über die Folgen der Corona-Zeit mit einem ersten Einordnungsversuch durch den Politologen Claude Longchamp. Am 23. Juni geht es weiter mit einer Diskussion über Notrecht: Ständeratspräsident Hans Stöckli, Nationalrätin Regula Rytz und Staatsrechtlicher Markus Schefer beleuchten die ausserordentliche Lage. Zudem gibt es eine kleine «Ausstellung» in Form einer Timeline zu den Themen Demokratie, Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit für eine erste Einordnung dessen, was in der Zeit von Corona passiert ist. Die Timeline umfasst die Zeit vom 24. Februar bis 19. Juni, endet also zwei Tage nach der ersten Veranstaltung.

Am Puls der Zeit will das Polit-Forum Bern sein; mit der Reihe «Ausnahme-Zustand» löst es sein Versprechen ein. Doch was ist das Polit-Forum im Berner Käfigturm?

Ein besonderer Turm

1256 erbaut, war der Käfigturm ursprünglich Teil der Stadtmauer, bis diese nach Westen verschoben wurde. Der Christoffelturm als letzte Bastion wurde 1865 abgebrochen, um der Stadtentwicklung freien Lauf zu lassen.

Der Käfigturm – der Name sagt es – war in der frühen Neuzeit Verhörort, er war bis 1897 Gefängnis. Erst seit 1903 führt eine angeklebte steile Treppe in den ersten Stock, weil für den Fussgängerdurchgang die ausladende Treppe, die früher vom ersten in den vierten Stock führte, zuunterst aufgehoben wurde. Insgesamt hat der Käfigturm fünf nutzbare Geschosse. Unter ihm fahren die Trams durch.

Der Käfigturm gehört dem Kanton Bern. Seit den 1980 war er kantonales Informationszentrum und Ort für Wirtschafts- und Kulturausstellungen sowie der Bibliothek für Gestaltung. Diese zog 1998 aus ihren engen Verhältnissen um in die Kornhausbibliotheken.

Von 1999 bis 2017 nutzte die Bundeskanzlei den Turm für vielerlei Ausstellungen und Anlässe zu politischen Themen. Es gab Ausstellungen zur Arbeit der Bergier-Kommission, zum Thema Verdingkinder, Vorträge über den Wandel in Osteuropa. Der Käfigturm wurde als eines der ersten Demokratiehäuser Vorbild für ähnliche Institutionen in anderen Teilen der Welt – etwa für die City Hall in Seoul – und trug dazu bei, dem Thema Demokratie/direkte Demokratie ausserhalb Europas Schub zu verleihen.

Als der Bund seine Nutzung des Turms beendete, brandete Protest auf. Eine Petition mit 7000 Unterschriften forderte eine Fortsetzung; der Stadtrat stellte sich einstimmig dahinter und auch der Grosse Rat wollte keine Schliessung.

Neubeginn 2017

2017 bildeten die Stadt, der Kanton und die Burgergemeinde Bern den Trägerverein «Polit-Forum Bern». Bald darauf stiessen die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz sowie die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz hinzu. Zweck des Vereins: Anlässe und Ausstellungen zu politischen Themen; Angebote politischer Bildung; Öffnung der Räume für Veranstaltungen politischer Natur. Am 1. November 2017 begann das Team die Arbeit, am 1. Januar 2018 wurde der Turm geöffnet. Die neue Ära begann.

950‘000 Franken Budget, fünf knapp bemessene Stockwerke, in die kaum direktes Licht dringt, ein Team von 5 Personen einschliesslich Praktikantin – was kann man da erwarten? Die Erfahrung der ersten zwei Jahre zeigt: Viel. Viel, das heisst 50 Veranstaltungen und vier Ausstellungen im Jahr, davon zahlreiche Anlässe für ein junges Publikum, erstaunlich viele Passantinnen und Passanten, die einfach einmal hineinschauen, jährlich steigende Besucherzahlen. Wer hätte das in dieser Umgebung und in dem Gebäude für möglich gehalten, das kein Erdgeschoss hat und damit kein Schaufenster?

Das Polit-Forum Bern im Käfigturm, so sein offizieller Name, ist ein Labor der Demokratie geworden. Es hat sich mit anderen Orten und Organisationen im In- und Ausland vernetzt, die verwandte Themen bearbeiten, so das Zentrum für Demokratie Aarau, das Projekt Demokratiehaus Köln, Karl der Grosse Zürich, das Projekt DemokratieForum Basel.

Der mobil gewordene Käfigturm ist Partner mancher Berner Institutionen (etwa des Zentrums Paul Klee oder der Heiteren Fahne in Wabern), denen er Know-how und Räume zur Verfügung stellt.

Hüter der Idee der Demokratie

Nach seiner Vision belebt das Polit-Forum Bern die Demokratie und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dazu weckt es «bei jungen Menschen und in der Öffentlichkeit Interesse an politischen Fragen» und «ermöglicht neue Sichtweisen auf wichtige Fragen der Zeit». Die Strategie 2018-2021 zeichnet detailliert den Weg Richtung Vision.

Ausgangspunkt des Forums ist die stets gefährdete und laufend neu zu gestaltende Demokratie, die nur besteht, wenn sie alle sie mittragen und mitprägen. Der Käfigturm hütet das Thema, hält es wach, belebt es immer neu. Das Motto könnte Dürrenmatts Satz sein: «Was alle angeht. können nur alle lösen.» (2021 ist die Ausstellung «Helvetismen» in Zusammenarbeit mit dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel im Turm zu Gast) Politische Bildung der Jungen, der Zugewanderten, aller ist dafür zentral. Entsprechende Anlässe, Diskussionen, Seminare verdoppelten sich von 2018 auf 2019. Die Jungen, das ist wichtig, konsumieren Wissen und Kenntnisse nicht einfach, sie eignen sich beides in Eigenverantwortung an. Mit Jugendorganisationen unterschiedlicher Ausrichtung besteht eine feste Kooperation.

Viele finden gerade die kleinen Räume und die «schützenden» Mauern des Turms besonders geeignet für politische Diskussionen. In den überblickbaren Verhältnissen getraut man sich eher,  mitzumachen als in grossen Sälen. Dies zeigt eine unlängst durchgeführte Umfrage. Die durchschnittlich 60 Teilnehmenden an Veranstaltungen, für politische Themen eine beachtliche Anzahl, wirkt hier nicht verloren.

Erleichterung des Zugangs

Doch der Erfolg, der ideelle und der materielle, hat eine Limite. Der Turm ist unzugänglich für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Kein Lift, keine Rampe, wer an Stöcken geht, fürchtet die vielen Stufen. Das ist ein Problem, das gelöst werden muss. Die Machbarkeitsstudie für einen Lift eines auf historische Bauten spezialisierten Büros unter konstruktiver Mitarbeit der beteiligten Stellen von Kanton und Stadt liegt vor. Der Kanton möchte so die öffentliche Weiternutzung dieses bedeutenden Baudenkmals sichern. Derzeit läuft die Klärung der Finanzierung. Der Regierungsrat wird über das weitere Vorgehen entscheiden.

Dass der Zugang für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erleichtert wird, ist zentral. Das Polit-Forum setzt sich schliesslich  intensiv mit Inklusionsfragen auseinander. Es bietet  neu live-Streams aller Veranstaltungen. So verdienstvoll dies ist, nichts ersetzt die Möglichkeit physischer Teilhabe. Dafür braucht es den Lift.


Nächster Anlass am Mittwoch, 17. Juni 18:30: Claude Longchamp ordnet die Folgen des Corona-Ausnahme-Zustands ein. www.polit-forum-bern.ch