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Ausserholligen erhält das höchste Hochhaus Berns

Aus den Quartieren

In Ausserholligen nimmt eine über dreissigjährige Entwicklung endlich Gestalt an und soll im Zentrum des Quartiers mit Berns höchstem Hochhaus zusammen wachsen. Schon 1989 definierte der Kanton die Areale um das Weyermannshausbad und den Europaplatz als Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Ausserholligen - gleichzeitig mit dem Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf. Vielleicht muss man heute sagen: Glücklicherweise verzögerte sich das Projekt in Ausserholligen derart, sodass nun ein lebendiges Quartier anstelle einer Industrie- und Gewerbewüste entsteht. Genau das ist nämlich das Problem des ESP Wankdorf. Abends und am Wochenende ist es dort menschenleer und tot.

Mit den neusten Planungen von EWB und BLS wachsen die peripheren Teilprojekte des ESP Ausserholligen in der Mitte zusammen und es entsteht endlich ein Ensemble. (Bild: zvg)

Erbitterter Streit um Parkplätze und Wohnungen

Das hätte auch dem ESP Ausserholligen blühen können. Das Mitwirkungsverfahren für den Richtplan war ziemlich kontrovers. Umstritten waren insbesondere die Anzahl der Parkplätze und die Grösse der Wohnanteile. Gewerbliche und bürgerliche Kreise machten sich für viele Parkplätze stark, wollten gleichzeitig aber gar keine Wohnungen im Richtplan festgeschrieben wissen, während linke Parteien und der Mieterinnen- und Mieterverband einen soliden Wohnanteil forderten und die Parkplatzzahl mit Verweis auf die gute Anbindung durch den öffentlichen Verkehr eher tief halten wollten. Ende 1994 konnte der Richtplan unterzeichnet werden. Mit Nutzungsanteilen der 600'000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche von 45-50 % für Dienstleistungen, 15-20 % für Gewerbe, ca. 15 % für Zentrumsnutzungen wie Hotels, Restaurants, Kultur- und Freizeitangebote und 20-25 % für Wohnungen.

Langjährige Stagnation

Und dann geschah trotz Bau und Eröffnung der Bahnstation Bern-Ausserholligen fast 20 Jahre lang praktisch gar nichts. Investoren blieben aus, zogen andere Standorte vor, und inmitten des Entwicklungsperimeters ging die lärmige Bauschuttsortierfirma Resag ihrem Gewerbe nach und trotzte hartnäckig jedwedem Ansinnen, einen Wegzug ins Auge zu fassen. Erst 2015 zügelte sie nach Brünnen-Riedbach und wirbt jetzt dort mit dem Standortvorteil, dass die Anlieferung «ohne komplizierte Anfahrtswege durch Wohnquartiere» vonstattengehen könne.

Es funkte an den Rändern

Seit wenigen Jahren scheint jetzt aber der Funken zu zünden. Das geschah von den Rändern des Perimeters her. Schub gaben der Siedlungscluster ARK an der Murtenstrasse mit dem grossen ALDI-Laden im Erdgeschoss sowie das Bildungszentrum Pflege und das Haus der Religionen am Europaplatz. Langsam konnte man sich etwas unter dem ESP vorstellen, das nicht nur Autobahn und Industriewüste war. Vor einem Jahr konnte das QuartierMagazin das Siegerprojekt für den neuen Campus der Berner Fachhochschule vorstellen. Der Campus wird ein grosses Gelände zwischen den ARK-Häusern und dem Freibad Weyermannshaus belegen. Gegenwärtig befindet sich zudem weiter das Gangloff-Areal im Um- und Neubau und die Planung im Gebiet Untermattweg ist in vollem Gang. Dass auch das Freibad Weyermannshaus derzeit umfassend saniert und bis 2025 ebenfalls Kunsteisbahn und Hallenbad erneuert werden, ist das Tüpfelchen auf dem i. Damit werden diese wichtigen Freizeitanlagen in zeitgemässem Zustand in den Entwicklungschwerpunkt Ausserholligen integriert.

Der Turmbau zu Bern

Im Januar stellten nun auch noch Energie Wasser Bern (EWB) und das Bahnunternehmen BLS AG ihre Pläne vor. Werden diese realisiert, wachsen die bisherigen peripheren Teilprojekte in der Mitte zusammen und es entsteht endlich ein Ensemble. Dies trotz mehrfacher Zerschneidung des Geländes durch Autobahn und Bahnlinien. Das heute noch eingezäunte Industriegelände am Ladenwandweg solle ein «lebendiger und durchlässiger Quartierbaustein werden», wie die Medienstellen von EWB und BLS schreiben. Westlich des Autobahnviadukts sind nun drei in der Höhe abgestufte Hochhäuser mit gemischter Nutzung mit Geschäfts- und rund einem Viertel Wohnanteil geplant. Das höchste davon wird mit 110 Metern Höhe das höchste Gebäude der Stadt Bern werden, neun Meter höher als das Münster. Hier will EWB den neuen Hauptsitz einrichten. Ein weiterer Neubau ist östlich des Autobahnviadukts geplant. Um diese Planung zu realisieren, braucht es noch eine Umzonung, welche der Bevölkerung voraussichtlich Anfang 2022 zur Abstimmung vorgelegt wird. EWB hofft, Ende 2024 den neuen Hauptsitz beziehen zu können.

Christof Berger
Quelle: QuartierMagazin 207/2020