Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Wir haben den Wert des Essens aus den Augen verloren

Tiefstlöhne, prekäre Arbeitsbedingungen und eine fortschreitende Industrialisierung sind in der Landwirtschaft Realität - auch in der Schweiz. Die Versammlung «Widerstand am Tellerrand» diskutierte am Wochenende über diese Themen und mögliche Wege für eine sozial-ökologische Wende.

  • Die Abschlussrunde der  Veranstaltung, bei der Wege für eine sozial-ökologische Wende diskutiert wurden. (Foto: Céline Arnold)
  • Für eine solidarische Landwirtschaft - das Gruppenbild der Teilnehmenden (Foto: Céline Arnold)
  • Michelle Zufferey von der Gewerkschaft Uniterre (Foto: Céline Arnold)

Fast genau 20 Jahre ist es her, seit in der andalusischen Stadt El Ejido pogromartige Ausschreitungen gegen migrantische Landarbeiter*innen über 60 Verletzte forderten. Der spanische Staat blieb untätig und der Öffentlichkeit wurde vor Augen geführt unter welchen unwürdigen Umständen tausende Arbeiter*innen im Plastikmeer der Treibhäuser Südspaniens ihren Lebensunterhat bestreiten müssen. Das oft gepriesene Wirtschaftswunder von El Ejido, wo ein Grossteil des europäischen Frischgemüses im Winter angebaut wird, entpuppte sich als Schaufenster einer liberalisierten Agrarpolitik, der Ausbeutung in die DNA geschrieben ist.

«Wir sehen eine Landwirtschafts- und Migrationspolitik, die zum Ziel hat, Prekarität zu generieren», bringt es Raymond Gétaz vom Europäischen BürgerInnenforum auf den Punkt. Mehr als 200 Menschen sitzen an diesem Samstagmorgen in der Aula des Progr und hören seiner Einführungsrede zu. «Widerstand am Tellerrand» nennt sich die Versammlung für eine solidarische Landwirtschaft, die dazu aufgerufen hat, sich während zwei Tagen mit Gerechtigkeit in der Lebensmittelproduktion auseinanderzusetzen.

Erschreckende Ergebnisse

Die ausbeuterischen Verhältnisse in der spanischen Landwirtschaft seien brutal, fährt Silva Lieberherr von der Organisation Brot für Alle später fort, doch auch in der Schweiz präsentierten sich die Arbeitsbedingungen viel schlechter als oft angenommen. Zusammen mit der Soziologin Sarah Schilliger hat sie eine Studie zu den sozialen Bedingungen in der Schweizer Landwirtschaft durchgeführt, deren Ergebnisse erschrecken. Die beiden sprechen von einer Auslagerung vor Ort: «Wenn wir eine produzierende Landwirtschaft in der Schweiz haben wollen, können wir sie nicht vom Boden trennen. Um die Produktionskosten zu drücken, werden also billige Arbeitskräfte importiert», erklärt Silva Lieberherr. Viele Schweizer*innen sind aus der landwirtschaftlichen Arbeit ausgestiegen, jeden Tag schliessen drei Betriebe ihre Tore. Der Anteil familienfremder Arbeiter*innen, viele davon Migrant*innen, steige aber und rund 6000 Sans-Papiers fehlten in den Statistiken gänzlich, sagt Schilliger.

Unter dem starken Preisdruck der Grossverteiler stehend arbeiten viele Bäuerinnen und Bauern und ihre Angestellten in prekären Verhältnissen. «Problematisch ist, dass die Landwirtschaft nicht dem Arbeitsgesetz untersteht», so Schilliger, «stattdessen haben wir ein föderalistisches Flickwerk von kantonalen Normal-Arbeitsverträgen.» Diese unterscheiden sich stark voneinander, so sieht der Normal-Arbeitsvertrag in Genf eine maximale Arbeitsdauer  von 45 Stunden pro Woche vor, jener in Glarus beziffert diesen Wert auf 66 Arbeitsstunden. 2018 betrug der durchschnittliche Stundenlohn für Hilfskräfte in der Landarbeit 3200 Franken, davon werden bis zu einem Drittel für Kost und Logis abgezogen.

Die UN-Deklaration

Nach der Präsentation dieser Ergebnisse steigt Michelle Zufferey auf die Bühne der gut besuchten Aula. Die Gewerkschaftssekretärin der Bauerngewerkschaft Uniterre erklärt an diesem Vormittag die Bedeutung der UN-Deklaration über die Rechte von Bauern und anderen Personen die im ländlichem Raum arbeiten, abgekürzt UNDROP, welche die vereinten Nationen vor gut zwei Jahren verabschiedet haben. «Auch die Schweiz hat damals für die Annahme der Deklaration gestimmt», erläutert Zufferey später im Gespräch, «und die Inhalte der Erklärung sind auch für die hiesige Landwirtschaft von grosser Bedetung.» So gewähren die 28 Artikel der Deklaration etwa das Recht auf angemessenes Einkommen oder verlangen, dass nicht-staatliche Akteure wie etwa Grossverteiler die Rechte der in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter*innen respektieren und stärken.

«Eine konsequente Umsetzung dieser Punkte würde bedingen, dass alle Eidgenössischen Departemente zusammensitzen, davon sind wir aber noch weit entfernt», meint Zufferey und führt als Beispiel das Recht auf Saatgut an. Zwar sei dieses Recht festgehalten, doch könnten die Bauern kaum eigenes Saatgut produzieren und vermarkten, da der Druck gross sei, nur industriell hergestelltes Saatgut zu verwenden: «Durch die Homologisierung in der Landwirtschaft darf in den meisten Mühlen heutzutage nur Getreide gemahlen werden, das von Saatgut aus dem Katalog stammt.» Die NGOS Uniterre, Brot für alle, Swissaid, HEKS, Fastenopfer, FIAN und Cetim haben daher die Gruppe «Friends of the declaration» gegründet, die sich für eine konsequente Umsetzung der Deklaration sowohl in Innen- als auch Aussenpolitik einsetzt.

Eine gesellschaftliche Wahl treffen

Mittlerweile sitzen die Menschen im Innenhof des Progr, wo die Februarsonne für milde Temperaturen sorgt und verspeisen das Mittagessen, das die Jugendlichen vom Klimastreik in grossen Töpfen gekocht haben. «Wir müssen als Gesellschaft nun eine Wahl treffen», sagt die Gewerkschaftssekretärin und kneift die Augen leicht zusammen, «unser Bezug zu Lebensmitteln ist kaum mehr vorhanden, wir haben uns als Konsument*innen von der Herstellung entfernt.» Indem Detailhändler kommunizierten, dass nur der günstigste Preis zähle, hätten wir den Wert des Essens völlig aus den Augen verloren, fährt Zufferey fort.

Was dagegen hilft? «Die Zivilgesellschaft muss Druck machen und Transparenz fordern, etwa bei den Margen der Grossverteiler», antwortet Zufferey. Zwar brauche es endlich mutige politische Entscheide, aber auch die Konsument*in hätten Handlungsspielräume: «Grundsätzlich gilt schon: Je lokaler die Produkte sind, desto besser. Denn Nähe bedeutet auch eine gewisse Sicherheit in Bezug auf Herstellung.» Die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln sei ein komplexer Kontext, für den wir uns gegenseitig sensibilisieren müssten, meint Zufferey und lässt den Blick über die Leute wandern, darunter auffällig viele junge, die hier an den grünen Tischen sitzen und die sich später zum grossen Gruppenfoto aufstellen werden: «Der heutige Tag gibt mir Mut, dass wir das schaffen.»