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Kommentar /

Willi Egloff

Die SRG zieht die Notbremse

Die Pläne für einen Umzug des Radiostudios Bern nach Zürich landen im Schredder. Die SRG hat endlich gemerkt, welchen politischen Flurschaden sie angerichtet hat.

Die Politik tut gut daran, den Druck auf die SRF-Spitze aufrecht zu halten.

Von einer «übergreifenden Audiostrategie» ist die Rede in der SRG-Medienmitteilung vom Donnerstag, von neuen «Leitlinien für die strategische Weiterentwicklung von SRF». Der Kern der Botschaft aber ist viel banaler: Die SRG hat endlich eingesehen, dass die wider alle medienpolitische Vernunft beschlossene Verlegung des Radiostudios Bern nach Zürich nichts bringt als Ärger. Sie zieht daher die Notbremse und wirft dieses Umzugsprojekt mit dem Namen «Info 21» zum Altpapier. Journal B hat bereits zuvor über die Standortdebatte zum Radiostudio berichtet: Teil I und Teil II

Die Zentralisierungspläne waren ein Kind des früheren SRF-Direktors Rudolf Matter. Diesem war es gelungen, neben dem SRG-Generaldirektor auch eine Mehrheit des SRG-Verwaltungsrats von seiner technokratischen Idee zu überzeugen, die Informationsbereiche von Radio und Fernsehen in Zürich zusammen zu legen. Die medienpolitischen Einwände wegen des damit verbundenen Verlusts an journalistischer Vielfalt überging er ebenso wie den Widerstand des vom Umzug betroffenen Personals. Auch die heftige Opposition der eigenen regionalen Trägerschaft, welche die Aufgabe hat, das Publikum zu vertreten, interessierte die SRG-Spitze nicht weiter. Statt sich mit den geäusserten Bedenken auseinander zu setzen, verwies die SRG-Führung auf angebliche Einsparungen, welche mit diesem Umzug erzielt werden könnten.

Die Arroganz und Sturheit haben sich nicht ausbezahlt. Vor einer Woche nahm der Nationalrat fünf parlamentarische Initiativen an, welche die Zentralisierungspläne der SRG stoppen wollen. Die SRG hatte mit gewaltigem Lobbying versucht, das Parlament von einem solchen Entscheid abzuhalten, stand aber auf verlorenem Posten. Das überaus deutliche Abstimmungsergebnis kann angesichts dieser Vorgeschichte nur als Ohrfeige für die SRG-Führung verstanden werden.

Es war wohl die neue SRF-Direktorin Nathalie Wappler, welche das Steuer herumwarf. Nach nur 100 Tagen im Amt muss sie verstanden haben, welch vergiftetes Geschenk ihr Vorgänger ihr mit diesen Zentralisierungsplänen hinterlassen hatte. Und offenbar ist es ihr gelungen, auch die SRG-Spitze davon zu überzeugen, dass das hartnäckige Festhalten an den Umzugsplänen zu einem immer grösseren politischen Flurschaden führte.

Nun soll also unter dem Titel «Audiostrategie» neu geplant werden. Die Vermutung liegt nahe, dass dieses bisher nur sehr vage skizzierte Konzept vor allem einmal der Gesichtswahrung dient: Die SRG-Spitze will nicht zugeben, dass sie Mist gebaut hat, und bedeckt die eigene Blösse mit einem neuen Mäntelchen. Auch das Festhalten am angeblichen Sparziel ist blosse Augenwischerei: Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Personalkosten im teuren Zürich höher sind als in Bern.

Immerhin ist die Idee dieser «neuen Audiostrategie» schon deshalb ein Fortschritt, weil jetzt ausdrücklich nur noch von einer Synergie von linearem Radio und On-demand-Radio gesprochen wird. Radio wird also endlich wieder als das verstanden, was es ist, nämlich ein eigenständiges Medium, das ganz anderen journalistischen und medienpolitischen Gesetzen folgt als das Fernsehen.

Es wäre der SRG durchaus zu wünschen, dass aus diesem Nothalt ein wirklicher Neuanfang resultiert. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich günstig: Die neue SRF-Direktorin kann für die begangenen Fehler nichts, und sie kann sich jetzt sogar rühmen, diesen Fehler fürs erste korrigiert zu haben. Sie kann daher unbelastet von der Vergangenheit ihre übergreifende Radiostrategie entwickeln. Sie kann das umso mehr, als jetzt auch noch der vom Vorgänger übernommene Vizedirektor, der ebenfalls wesentlichen Anteil an der verfehlten Info21-Strategie hatte, von Bord gegangen ist.

Allerdings tut die Politik gut daran, den Druck auf die SRG-Spitze aufrecht zu halten. Die öffentlichen Verlautbarungen des SRG-Generaldirektors und anderer Führungspersonen lassen daran zweifeln, dass man sich an der SRG-Spitze der begangenen Fehler wirklich bewusst ist. Die SRF-Direktorin kann daher Unterstützung von aussen bei ihrem Versuch eines Neuanfangs durchaus gebrauchen.