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Journal B

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Bildung im Umbruch

Für das Buch zum 50-Jahr-Jubiläum der Stanley Thomas Johnson Stiftung hat Bernhard Pulver den folgenden Text geschrieben. In seinen zehn Thesen betont Pulver unter anderem die Ausgewogenheit des Schweizerischen Bildungssystems und die Bedeutung der Lehrpersonen.

Vorbemerkung: Die folgenden zehn Thesen versuchen, einige Erkenntnisse aus zwölf Jahren Arbeit als Erziehungsdirektor des Kantons Bern auf den Punkt zu bringen. Jede These würde mehre Seiten verdienen. Der Autor steht für Vertiefungen gerne zur Verfügung.

 

1.              Das Schweizer Bildungssystem ist hervorragend – es verdient Respekt und Wertschätzung

Die Ergebnisse des Schweizer Bildungssystems sind hervorragend: Eine sehr hohe Abschlussquote auf der Sekundarstufe II (je nach Kanton zwischen 90 und 95 %) und eine sehr tiefe (Jugend-)Arbeitslosigkeit zeigen dies (nicht als Stichprobe, sondern als Vollerhebung). Dies illustriert angesichts hoher Immigration auch die erstklassige Integrationsleistung unserer Bildungsinstitutionen. Vor allen Rufen nach Reformen gilt es, diese Qualität wahrzunehmen und zu erhalten.

 

 2.              Gute Schule steht und fällt mit guten, motivierten Lehrpersonen

Die Bildungspolitik hat die Tendenz, in erster Linie auf die Strukturen des Bildungswesens zu fokussieren. Gute Bildung steht und fällt aber mit den Menschen und nicht mit den Strukturen, vom Kindergarten bis zur Universität. Denn Bildung ist Beziehungsarbeit. Nur motivierte und gut ausgebildete Lehrkräfte können die Qualität der Schweizer Bildung sicherstellen. In erster Linie ist somit den Arbeitsbedingungen und der Unterstützung der Lehrenden Aufmerksamkeit zu widmen und nicht strukturellen Reformen.

 

 3.              Freiräume und Vielfalt sichern die Chancengerechtigkeit am besten

Weil Bildung Beziehungsarbeit ist, ist jede Klassensituation anders. Denn Menschen sind unterschiedlich. Was am einen Ort mit diesen Schülerinnen und Schülern funktioniert, muss an einem anderen Ort mit anderen Schülern oder auch schon an einem anderen Tag mit denselben Schülerinnen nicht unbedingt funktionieren. Der Wunsch nach Chancengerechtigkeit wird oft mit Standardisierung und Uniformisierung (z.B. Einheitsmatur) verwechselt. Ein fundamentaler Irrtum: Die gleiche Aufgabe ist je nach Kontext der Lernenden, der Lehrkräfte und der Schule völlig unterschiedlich schwierig. Den Schülerinnen und Schülern und ihren Zukunftschancen wird am besten gedient, wenn Schulen und Lehrkräfte Freiräume haben. Es ist das Ziel des „Pädagogischen Dialogs“ in Bern, Freiräume bewusst zu machen und deren Nutzung zwecks Weiterentwicklung der Pädagogik zu fördern. Das setzt die Bereitschaft voraus, Vielfalt in den Schulen zu schätzen: „Mischwälder sind gesünder als Monokulturen“.

 

 4.              Unser Verhältnis zwischen Berufsbildung und akademischer Bildung ist perfekt

Rund 70 – 80 % der Jugendlichen besuchen in der Schweiz die Berufsbildung, 20 – 30 % folgen einer akademischen Bildung. Dieses Verhältnis hat sehr zum Erfolg unseres Landes beigetragen. Es besteht eine hervorragende Berufsbildung, die dank Passerellen und Berufsmatur alle Wege offen lässt, und um die uns viele Länder beneiden. Gleichzeitig sind die Hochschulen unseres Landes von erstklassiger Qualität. An diesem Zusammenspiel sollte ohne Not nichts geändert werden. Und: Berufsbildung und akademische Bildung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden: Beide Wege gemeinsam machen den Erfolg unseres Landes aus.

 

 5.              Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist zentraler Erfolgsfaktor

Berufsbildung und akademischer Bildungsweg sind gleichwertig. Das setzt zugleich voraus, dass die Durchlässigkeit der Bildungswege garantiert ist. Die Bildungssystematik mit ihren Passerellen, welche zu Beginn dieses Jahrtausends überall umgesetzt wurde, ist eine der grössten Leistungen der Bildungspolitik. Diese Durchlässigkeit ist zu erhalten; auf sorgfältige Art muss zugleich geprüft und sichergestellt werden, dass Menschen aus bildungsferneren Schichten die entsprechenden Möglichkeiten auch wirklich nutzen (können).

 

 6.              Wertschätzung und Vertrauen

Bildung heisst, den Auszubildenden Vertrauen in sich, ihre Fähigkeiten und ihre Zukunft mitzugeben. Das Selbstvertrauen, etwas lernen zu können. Dazu braucht es Vertrauen der Lehrkräfte in die Schülerinnen und Schüler. Es gilt auch hier: Was die Mitarbeitenden leben sollen, muss die Führung vorleben. Die Politik muss den Bildungsinstitutionen Vertrauen und Autonomie schenken, damit die Schulleitungen ihren Lehrkräften mit Vertrauen begegnen und so auch die Lehrkräfte Vertrauen und Selbstvertrauen der Schülerinnen und Schüler aufbauen können. Vertrauen beinhaltet immer auch Freiräume, Entscheidungen so oder anders zu fällen. Dieser Grundsatz widerspricht somit zu starker Vereinheitlichung.

 

 7.              Heterogenität als Ressource nutzen

Erziehung, gesellschaftliche Normen und demographische Zusammensetzung der Bevölkerung haben sich verändert. Den dadurch zunehmenden Unterschieden innerhalb der Klassen kann letztlich nur mit einer anderen Haltung gegenüber Heterogenität begegnet werden. Heterogenität ist eine Ressource für den Unterricht, wenn Schülerinnen und Schüler anderen etwas erklären, wenn ältere Schüler in jahrgangsgemischten Klassen jüngeren Schülern Regeln und „Klassengeist“ weitergeben, wenn Lernende mit IT-Kenntnissen als ICT-Coach eingesetzt werden. Das wird an immer mehr Schulen so gemacht und ist letztlich die einzig überzeugende Antwort auf die Heterogenität.

 

 8.              Fächerbreite von Volksschule bis Universität

Bildung ist umfassend. Neben kognitiven Fähigkeiten und Wissen gehören auch musische Fächer, Sport, Spiel und anderes in die Bildung auf allen Ebenen. Darin sind sich zum Glück alle einig, denn auch die Wirtschaft erwartet von den Menschen Kommunikationsfähigkeit, Innovationskraft und Flexibilität. Diese Eigenschaften fördert man nicht allein mit kognitiven Inhalten, sondern auch durch Schulprojekte, Theateraufführungen, usw.

Die Fächerbreite ist auf allen Ebenen zu erhalten. Dies gilt nicht nur für die Volksschule, sondern für alle Bildungsebenen. Auch Kultur und Kunst sind für unsere Gesellschaft wichtige Erkenntnis- und Wissensformen.

Auf Hochschulstufe sind die Existenz eines breiten Angebotes und die freie Studienwahl entscheidend: Niemand weiss heute, welche Fächer und welches Wissen die Probleme der Zukunft lösen wird. Mit Einschränkungen der Fächerwahl oder planwirtschaftlicher Steuerung des Angebots riskiert man, auf das „falsche Pferd“ zu setzen.

 

 9.              Digitalisierung: Was zählt, ist das Wissen, Neues erlernen zu können

Ein grosser Teil der heutigen Jugendlichen wird in dreissig Jahren in einem Beruf arbeiten, den es heute noch nicht gibt. Die Antwort auf die Digitalisierung ist deshalb nicht in erster Linie das Erlernen der Bedienung aktueller Geräte und Programme. Diese werden bald veraltet sein. Vielmehr geht es – wie im Lehrplan 21 und neu auch am Gymnasium vorgesehen – um grundsätzliche Kenntnisse, wie Computer, künstliche Intelligenz und Medien funktionieren (cumputational thinking). Darüber hinaus ist das Wichtigste, dass die Schülerinnen und Schüler Lernen als positiven Prozess erleben, Selbstvertrauen und Vertrauen in die Zukunft gewinnen und in der Schule erlebt haben, dass sie sich neue Dinge aneignen können. Dies ist letztlich die ureigenste Aufgabe der Schule und kann an fast jedem Gegenstand erlebt werden.

 

 10.          Alle bilden: Die Migranten sind eine Chance

Wer hier lebt, braucht eine Ausbildung, unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Die Ausbildung ist bei einer Rückkehr ins Heimatland wichtig, um dort zur persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen; hier in der Schweiz ist sie zentrale Voraussetzung, um unser Land zu stärken und eine nicht integrierte Parallelgesellschaft zu verhindern. Bei kürzlich Zugezogenen ist dazu auf allen Altersstufen eine mehrstufige Strategie nötig: Als erstes meist intensive Sprachkurse, um Bildung überhaupt zu ermöglichen; integrierende Strukturen auf den verschiedenen Bildungsstufen und schliesslich Brückenangebote, um die Integration in die Berufsbildung zu ermöglichen. Bern ist hier in den letzten Jahren klare Schritte gegangen, auf Ebene Volksschule ebenso wie bei den berufsvorbereitenden Schuljahren für Migranten. Integrierende Strukturen müssen deshalb eine Selbstverständlichkeit sein.

Die Schweiz hat in ihrer Geschichte immer auch von der Migration profitiert: Engagement, Kultur und Arbeitskraft der Einwanderer sind auch heute für uns in erster Linie eine Chance.