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KOLUMNE /

Aline Trede

06.05.2019 | 11:34

Unsere Kolumnistin Aline Trede macht sich Gedanken über die kantonale Sozialhilfe-Abstimmung vom 19. Mai.

(Bild: pixabay)

In einer Gruppe machen wir uns auf, um mit Ändu, unserem Surprise-Guide, in der Stadt Bern die Orte zu erkunden, die für Sozialhilfe-EmpfängerInnen von grosser Bedeutung sind. Wir sehen Orte, an denen Leute helfen, Bewerbungen schreiben, Orte, wo sie einkaufen und auch den Sozialdienst. Ändu erzählt aus seinem Leben, persönlich, ungeschönt und ehrlich. Wir sind tief ge- und betroffen.

Ändu ist einer, den die Abstimmung am 19. Mai treffen wird. Wie genau, ist ihm noch nicht ganz klar. Aber dass er noch weniger Geld im Portemonnaie haben wird, das ist Fakt.

Wir stimmen über den Grossratsentscheid zur Revision des Sozialhilfegesetzes (SHG) ab. Gleichzeitig werden wir über den Volksvorschlag «Für eine wirksame Sozialhilfe» abstimmen. Der Volksvorschlag «Für eine wirksame Sozialhilfe» wurde gegen die Kürzungen in der Sozialhilfe ergriffen. Bei der Revision handelt es sich um eine Abbau- und Sparvorlage. Sie will den Grundbedarf in der Sozialhilfe um 8-30% kürzen.

Unter den SKOS-Ansätzen

Bei 8% Kürzungen bekäme Ändu nicht einmal mehr 1000 Franken, um seinen Grundbedarf zu decken. Das heisst rund 30 Franken pro Tag für Essen, Strom, Telefon, Kleider, Körperpflege etc. Stellen Sie sich dies bitte einmal plastisch vor. Mit diesem Entscheid würden die bewährten Unterstützungsrichtlinien der SKOS für den Kanton Bern nicht mehr gelten. Aber Gesundheitsdirektor Schnegg sagt in einem Bund-Interview, es handle sich hier nicht um eine Sparvorlage. Das ist ein Hohn für alle Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger und für alle, die sich für den sozialen Frieden einsetzen.

Denn einmal mehr wird bei den Ärmsten gespart. Ältere Arbeitslose werden leiden und die Altersarmut steigen. Dabei sollten diese Menschen mit Weiterbildungen unterstützt und wieder in den Arbeitsmarkt geholt werden. Aber auch Kinder und Jugendliche wären stark vom Abbau betroffen – bereits heute machen sie einen Drittel der SozialhilfempfängerInnen aus. Man kann hier lange sagen, die sollen doch arbeiten gehen. Die Erwachsenen würden sofort arbeiten, wenn sie eine Arbeit fänden, und bei den Kindern stellt sich die Frage bitte nicht.

Schwierig, nach oben zu kommen

Wir sollten definitiv die Armut bekämpfen, nicht die Armen. Die Personen, die es in unserer Gesellschaft sowieso schon am schwersten haben. Ändu benennt es so: Die einen sitzen am Tisch, die anderen darunter. Von unter dem Tisch wieder nach oben zu kommen, ist verdammt schwierig.

Erschweren wir diesen Menschen den Weg an den Tisch nicht noch mehr und entscheiden uns am 19. Mai für den Volksvorschlag.