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«CONTACT schreibt nur Erfolgsgeschichten»

Protestkündigungen und Sparmassnahmen haben zwei Vorzeigeprojekte der Stiftung CONTACT im Bereich Schadensminderung im letzten Herbst hart getroffen. Nun äussern sich ehemalige Mitarbeitende von «rave it safe» und erheben Vorwürfe gegen die Leitung der CONTACT-Stiftung. Wir sind der Geschichte nachgegangen.

An der Monbijoustrasse in Bern befinden sich die Büros und das von Contact betriebene Take-away (Foto: Luca Hubschmied)

Eine Viertel-Pille abliefern und dafür Informationen über Zusammensetzung und Stärke der Substanz erhalten. Auf diese legale Dienstleistung dürfen KonsumentInnen von Partydrogen in einigen Schweizer Städten zählen. Als vierte Säule ergänzt die Schadensminderung die Schweizer Drogenpolitik seit Mitte der 1980er Jahre. Unter Schadensminderung versteht man Information und Beratung über Gefahren und den sicheren Umgang beim Konsum psychoaktiver Substanzen. Im Raum Bern hat sich die Stiftung «CONTACT» als wichtige Institution in diesem Bereich hervorgetan. Wer online nach Informationen darüber sucht, stösst vor allem auf Erfolgsmeldungen. Seit vielen Jahren sind die Angebote «rave it safe» und «dib» (Drug Checking, Infos und Beratung) der CONTACT-Stiftung im Kanton Bern präsent. Zahlreiche Medien haben über die innovativen Projekte berichtet, darunter auch die ARD und BBC. Die stationäre Kontaktstelle «dib» bietet in Zusammenarbeit mit dem Kantonsapothekeramt Bern die Möglichkeit an, anonym Substanzen testen und sich dazu beraten zu lassen. Rave it safe richtet sich mit Informationen und Aufklärung an junge Erwachsene, die in ihrer Freizeit psychoaktive Substanzen konsumieren, sowie an Clubbetreiber*innen, die damit in Berührung kommen. Beide Angebote gehören bei CONTACT zum Bereich «Nightlife».

Gute Neuigkeiten oder grosser Umbruch?

Auf ihrer Homepage veröffentlichte CONTACT im letzten September eine Mitteilung mit dem Titel «Gute Neuigkeiten zu rave it safe und dib+». Darin steht, dass CONTACT die Angebote rave it safe und dib+ auch 2019 weiterführen wird und zwar eigenfinanziert. Denn der Kanton Bern wird die Angebote aufgrund des Entlastungspakets 2018 fortan nicht mehr unterstützen. Weitere Aussagen in dem Text geben aber Grund zur Vermutung, dass hier etwas Grösseres im Umbruch begriffen ist. So wird beiläufig erwähnt, dass Mandatsverträge mit den zwei Partnervereinen Safer Dance Swiss (SDS) und Aware Dance Culture (ADC) nicht mehr fortgeführt werden.

«Die Qualität der Leistungen war kaum noch von Interesse.»

Rave it safe bezeichnet sich selbst als «Ansprechpartner vor Ort an Partys und in Clubs, wenn es um Fragen zu psychoaktiven Substanzen geht.» PartygängerInnen, die sich für das Angebot interessieren, dürften aber in nächster Zeit enttäuscht werden. Unter der Rubrik «nächste Events» finden sich eine Vielzahl von vergangenen Veranstaltungen, aber seit September 2018 keine neuen Anlässe, an denen das Team von rave it safe vor Ort sein wird. Eine kleine Recherche auf der Internetseite von Aware Dance Culture könnte hier weiterhelfen. ADC ist eine sogenannte «Peergroup» und vereint Szenekenner*innen, die an kulturellen Anlässen Präventions- und Aufklärungsarbeit leisten. In den letzten Jahren taten sie dies unter anderem im per Leistungsvertrag geregelten Auftrag von rave it safe. Seit Anfang dieser Woche erscheint die Internetseite von ADC im neuen Look, das rave it safe – Logo in der Ecke ist verschwunden und unter dem Titel «Es war einmal... Rave it Safe» gibt ein kurzer Text einen Einblick in die Problematiken, die unter der Oberfläche brodeln. Dort steht über die institutionalisierten Angebote: «Somit entfremdete sich die Arbeit von ihrem eigentlichen Zweck und die Qualität der Leistungen war kaum noch von Interesse. Gleichzeitig wurden von den leitenden Personen strategische Entscheidungen gefällt, die unternehmerische Ziele dem Zweck der Nightlifearbeit vorzogen.»

Der Frust ist gross

Nik Hostettler und Roman Brunner haben bis vor wenigen Monaten bei der Stiftung CONTACT für das Angebot rave it safe gearbeitet. Sie waren Teil des Dreierteams an Mitarbeitenden und unterstanden einem Teamleiter, der allerdings nicht im Feld arbeitete. Auf Ende September 2018 kündigten alle drei Mitarbeitenden geschlossen ihre Stelle. «Wir haben eine Weile abgewartet, weil wir schauen wollten, wie sich die Situation weiterentwickelt», erklärt Nik, der seit 2014 für rave it safe arbeitete, «aber jetzt ist die Zeit gekommen, um zu reden.» Der Frust über die Vergangenheit ist gross, das zeigt sich schnell im Gespräch mit Nik und Roman. Kurz nachdem Nik seine Anstellung antrat, verliessen mit Hannes Hergarten und Andrea Suter zwei erfahrene Mitarbeitende das Team von rave it safe aufgrund unüberwindbarer Differenzen mit der Leitung. Hergarten und Suter engagierten sich fortan im Verein Safer Dance Swiss (SDS), der ähnliche Aufgaben im Bereich Schadensminderung wahrnimmt. SDS wurde in einem Mandatsverhältnis von CONTACT beauftragt. Nik blieb und Roman, der zuvor bereits im Peerverein ADC aktiv war, stiess zum Team von rave it safe. «Diese Umstellung führte zu einigen Veränderungen», sagt Nik, «ich versuchte weiterzumachen, auch wenn ich bereits realisierte, dass mir immer mehr und mehr Entscheidungskompetenzen weggenommen wurden.» Roman betont, dass sie als Experten, die im Feld arbeiteten, bei strategischen Entscheidungen nicht berücksichtigt wurden und sich nicht dazu äussern durften.

Eine Umstrukturierung mit Folgen

In diesem Zeitraum, gleichzeitig mit den personellen Veränderungen, fand die Umstrukturierung der damals noch «CONTACT-Netz» genannten Organisation statt. Das CONTACT-Netz musste sechs Beratungsstellen an den Verein Berner Gesundheit abgeben und nannte sich ab 2016 nur noch «CONTACT». Positiv formuliert führte diese Reorganisation zu einer «Professionalisierung» der Organisation. Für Nik Hostettler sah die Realität aber anders aus, wie er betont: «Viele Prozesse wurden geändert und weiter von uns weggerückt. Bei uns arbeiteten beispielsweise immer auch ein Zivi und ein Praktikant. Uns war daran gelegen, dass diese Personen die Szene bereits kennen. Früher durften wir diese Stellen selbst ausschreiben, nun durften wir bei diesen Entscheidungen kaum mehr mitreden.» Für ein niederschwelliges Angebot wie rave it safe seien falsche Personalentscheidungen sehr verheerend, ergänzt Roman Brunner. Bei den meisten internen Konflikten, die Nik und Roman ansprechen, sei es um Macht gegangen. Sie als Mitarbeitende seien in der veralteten Organisationsführung immer mehr verdrängt worden. «Die Transparenz in der Kommunikation fehlte, ebenso die Möglichkeit der Partizipation», sagt Roman Brunner, «also alles Dinge, die eigentlich zu einer modernen Betriebsführung dazugehören sollten.» In den letzten eineinhalb Jahren stiess noch eine dritte Mitarbeiterin zum Team von rave it safe. «Wir hatten grosses Glück mit ihr als Person», meint Roman, «aber auch in diesem Einstellungsprozess hatten wir zu keinem einzigen Zeitpunkt auch nur ein Wort mitzureden.»

«Wir haben eine Organisationsstruktur und sind nicht basisdemokratisch organisiert.»

Wir sprechen Rahel Gall, Geschäftsleiterin von CONTACT, Stiftung für Suchthilfe, auf die Vorwürfe an. Sie erklärt: «Wir haben das Team angehört bei strategischen Entscheidungen. Es haben zwischen Vorgesetzten und Team diverse Gespräche stattgefunden. Wenn es aber um finanzielle Fragen und Vertragsangelegenheiten geht, liegt die Entscheidungskompetenz nicht beim Team. Wir haben eine Organisationsstruktur und sind nicht basisdemokratisch organisiert. Gerade bei personellen Fragen ist es klar, dass Mitarbeitende nicht darüber entscheiden.» Allerdings sei es üblich, dass bei Neueinstellungen ein Schnuppern im Betrieb stattfindet, erklärt Gall: «Normalerweise gibt es ein Kennenlernen zwischen möglichen Kandidaten und dem Team, worauf das Team dem Vorgesetzten auch Rückmeldung geben kann.»

Unter dem Radar bleiben

Im Herbst 2016 beschloss der Regierungsrat des Kantons Bern die Erarbeitung eines Entlastungspaketes. Dieses soll in den nächsten Jahren den Finanzhaushalt des Kantons ausgleichen. «Die anstehende Sparrunde des Kantons löste damals auch bei CONTACT grosse Unsicherheit aus, welche Angebote in Zukunft noch bestehen könnten», erinnert sich Roman Brunner. Die Strategie der CONTACT-Leitung sei zu dieser Zeit aber nicht aufgegangen, so Nik Hostettler: «Eine der wichtigsten Aufgaben der Kader ist es, die benötigten Gelder zu sichern. Wir hätten gerne mit Ideen und Konzepten mitgeholfen, uns wurde aber gesagt, wir sollten einfach versuchen, unter dem Radar zu bleiben.»

«Entweder sind alles extreme Optimisten oder sie leiden unter einer schlechten Selbstwahrnehmung.»

So hätten die Mitarbeitenden von rave it safe die Anweisung erhalten, in dieser Zeit nicht medial präsent zu sein, um nicht öffentlich aufzufallen. Quasi in der Hoffnung, bei den Sparmassnahmen vergessen zu gehen. Diese Strategie ging, wie jetzt bekannt ist, nicht auf. Der Kanton strich im Rahmen des jüngsten Sparpakets die Unterstützung für die Angebote rave it safe und dib (das stationäre drug checking mit Beratung) der Stiftung CONTACT. Auf Anfrage erklärt Rahel Gall, dass man mit unterschiedlichsten Massnahmen versucht hätte, diese Streichung zu verhindern, gleichzeitig aber auch versucht habe, andere Angebote vor dem Rotstift zu schützen: «Die Strategie war es, nicht in den Medien zu sein, um nicht noch mehr unserer Angebote zu gefährden. Im Rahmen der Sparrunde hätte es die Stiftung CONTACT noch schlimmer treffen können. Wenn wir in dieser Zeit gross medial präsent gewesen wären, hätten plötzlich weitere Angebote von CONTACT zur Diskussion stehen können.»

Weiter ohne Peergroup?

Nach einer Phase der Unsicherheit, in der unklar gewesen sei, welche Angebote der CONTACT Stiftung weiterbestehen sollten, wurde der Entscheid gefällt, dass rave it safe und dib bei CONTACT weiterbestehen können. Allerdings sollten die Verträge mit den Mandatsträgern SDS und ADC gekündigt werden. «Der Entscheid, nicht mehr mit dem Peerverein ADC zusammenzuarbeiten war für uns unverständlich», meint Nik, «zu sagen, dass ein hochkompetenter Freiwilligenverein zu teuer sei, ist einfach eine Farce.» Zu den Peers von ADC hätten hochqualifizierte Personen und Szenekenner*innen gehört, die für eine kleine Entschädigung Freiwilligeneinsätze geleistet haben, erklärt Roman. «Beim Entscheid, den Vertrag mit ADC nicht fortzuführen, ging es teilweise um eine Kostenfrage», bestätigt Rahel Gall, «wir wollen jedoch weiterhin mit Peers arbeiten, diese aber näher bei der Stiftung CONTACT halten. Im Moment sind wir in einer Veränderungsphase und müssen abklären wie wir uns diesbezüglich organisieren.» Dass die Weiterführung der Angebote rave it safe und dib mit Eigenmitteln nun von CONTACT positiv verkauft werde, sei typisch, meint Nik Hostettler: «Das Kader von CONTACT schreibt nur Erfolgsgeschichten. Entweder sind alles extreme Optimisten oder sie leiden unter einer schlechten Selbstwahrnehmung.»

«Was lange gebrodelt hatte, entlud sich auf einen Schlag.»

«Unter diesen neuen Voraussetzungen wurde es für uns extrem schwierig, weiterzumachen», sagt Nik, «als letzter Versuch habe ich mich auf unsere freie Teamleitungsstelle beworben.» Als ihm ohne ordentliche Antwort abgesagt wurde, sei der Entscheid gefallen, zu künden.  Aus Protest kündeten sodann gleich das ganze Dreierteam von rave it safe, sowie die Vereine SDS und ADC vorzeitig ihre Verhältnisse mit CONTACT auf Ende September 2018. Was lange gebrodelt hatte, entlud sich auf einen Schlag und plötzlich war das langjährig etablierte und geschätzte Angebot von rave it safe ein Scherbenhaufen. Was davon an die Öffentlichkeit drang? Kaum etwas. Nur wer die betroffenen Personen kannte und sich in der Nachtlebenszene Berns bewegte, dürfte mitbekommen haben, dass ein Vorzeigeprojekt der Schadensminderung plötzlich ein Schattendasein fristet. «Wir wollten, bevor wir CONTACT verliessen, eigentlich gegen aussen kommunizieren, dass sich von nun an ein neues Team um die Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten kümmern wird», sagt Nik Hostettler.  Immerhin sei ihre Arbeit zu einem grossen Teil Beziehungsarbeit gewesen, erklärt Roman Brunner: «Mit vielen Leuten haben wir über die Jahre eine Beziehung aufgebaut. Für diese Personen kann es sehr irritierend sein, wenn ihnen plötzlich neue Gesichter gegenüberstehen.» Ihnen wurde aber untersagt, den anstehenden personellen Wechsel etwa auf Facebook mitzuteilen. Diese Vorgehen bezeichnet Nik als fachlich unsinnig: «Auch intern wurde die geschlossene Kündigung, die eigentlich eine Signalwirkung haben sollte, kaum kommuniziert. CONTACT betrieb praktisch eine Politik der Desinformation.»

Eine Lücke im Bereich Schadensminderung

Seit September sind einige Monate vergangen, doch die Situation habe sich nicht gross verändert, meint Nik: «CONTACT hat die Strategie beibehalten und versucht, weiterhin unter dem Radar zu bleiben.» Die beiden betonen, dass sie diesem wichtigen Thema der Schadensminderung im Bereich psychoaktiver Substanzen nicht schaden wollten. Allerdings sei es nun an der Zeit gewesen, den Schritt an die Öffentlichkeit zu wagen. Das stationäre drug checking - Angebot von CONTACT existiert weiterhin, was Nik und Roman auch als sehr wichtig empfinden. Ebenso besteht das Angebot von rave it safe noch, aber die Reichweite sei stark zurückgegangen und mit dem Weggang eines erfahrenen Teams und einem ganzen Peerverein fehlten wichtige Kompetenzen. Nik Hostettler und Roman Brunner haben mittlerweile neue Anstellungen, sind nebenbei aber der Aufklärung und Beratung im Nachtleben treu geblieben. «Wir sind beide für ADC tätig, mit dem Unterschied, dass wir das jetzt als Hobby und ohne Entschädigung machen», erklärt Nik, «wir sind aber offen für neue Zusammenarbeiten, die Nightlifearbeit muss nicht zwingend durch CONTACT besetzt bleiben.»

«Uns sind keine ‹Versorgungslücken› im Bereich der mobilen Schadensminderung bekannt.»

Bei der Stiftung CONTACT wird unterdessen der Entscheid des Kantons Berns, die Nightlifeangebote von CONTACT nicht mehr zu unterstützen, kritisiert. «Schadenminderungsangebote im Nightlife- und Freizeitbereich sind ein wichtiger Teil der Suchtpolitik», sagt Rahel Gall, «der Kanton Bern nimmt hier seine Verantwortung nicht wahr. Das widerspricht den Tendenzen auf nationaler Ebene.» Die zuständige Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) des Kantons Bern gibt sich auf Anfrage defensiv und lässt verlauten, dass die Schadensminderung nach wie vor ein wichtiger und zentraler Pfeiler der Suchthilfe des Kantons Bern sei. «Die Stiftung CONTACT hat sich entschieden, die Angebote DIB+ und ‹rave it safe› künftig eigenständig zu finanzieren und intern neu zu organisieren», schreibt Gundekar Giebel, Kommunikationsleiter bei der GEF, «die Angebote werden dadurch nicht in Frage gestellt, diese bestehen weiter.» Auch die jetzige Situation wird von der GEF als unkritisch beurteilt: «Schadenminderung ist viel mehr als nur die beiden erwähnten mobilen Angebote. Uns sind keine ‹Versorgungslücken› im Bereich der mobilen Schadensminderung bekannt respektive belegt worden.»

Nik und Roman sind überzeugt, dass im Raum Bern eine Lücke im Bereich der Schadensminderung herrsche. «Angebote der Schadensminderung erreichen schon grundsätzlich meist nur Personen, die bereits eine gewisse Reflexion vorweisen», sagt Nik, «wenn die Angebote stationär bleiben und sich nicht in der Szene bewegen, gibt es kaum Chancen, die wirklich interessanten und wichtigen Fälle zu erreichen.» Mit diesen Überlegungen ist auch eine Sorge um die Zukunft dieser Projekte verbunden, denn auch hier zeigt sich Nik Hostettler skeptisch: «Ich habe einfach Angst, dass diese Angebote, um die wir international beneidet wurden, nun durch eine Mischung aus Arroganz und Inkompetenz an die Wand gefahren werden.»