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Abstimmen nach Heuristik

Die beiden kantonalen Vorlagen, welche am 25. November zur Abstimmung kommen, wurden medial nur wenig behandelt. Auf welcher Grundlage werden die Stimmenden entscheiden?

Wie wirkt sich die dürftige Informationslage auf die beiden kantonalen Abstimmungen aus? (Foto: Sam von Dach)

Die heisse Phase eines jeden Abstimmungskampfes beginnt jeweils vier bis sechs Wochen vor dem Abstimmungssonntag und erreicht rund zwei Wochen davor ihren Höhepunkt. Das gilt sowohl für die Kampagnen der politischen Parteien und Interessensgruppen, als auch für die Medien. Der Grund ist recht einfach: Drei bis fünf Wochen vor dem Abstimmungstermin erhalten die Stimmberechtigten ihr Abstimmungsmaterial.

Klare Schwerpunkte

Die Auswirkungen des aktuellen Abstimmungskampfes auf den redaktionellen Teil der beiden grössten Berner Zeitungen, der «BZ» und dem «Bund» lassen sich in Zahlen ausdrücken. Innerhalb des letzten Monats, also ungefähr seit Beginn der heissen Phase, wurde das Wort «Selbstbestimmung» in 21 Artikeln verwendet (Online und Print zusammen). Das weitaus exotischere Wort «Sozialdetektive» kommt immerhin auf 16 Nennungen. Die kantonalen Initiativen fallen hingegen deutlich ab: Die Worte «Asylsuchende» oder «UMA» (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) wurden in Kombination mit dem Wort «Kredit» lediglich in 8 Artikeln erwähnt. Noch weniger beachtet wurde die Abstimmung zur Senkung der Unternehmenssteuern. In lediglich fünf redaktionelle Beiträge fand das Wort «Steuergesetz» Eingang. Sogar die «Hornkuh» verzeichnet mehr Erwähnungen als die beiden kantonalen Vorlagen.

Es geht in diesem Artikel nicht darum, eine Erklärung für die unterschiedliche Gewichtung der Abstimmungsvorlagen zu finden oder die genannten Zeitungen dafür zu kritisieren. Stattdessen geht es um die zentrale Frage, was eigentlich mit Abstimmungen passiert, die in der medialen Berichterstattung wenig beachtet werden. Ein Beispiel: Wenn sie AbonnentIn des «Bund» sind und jeden zweiten Morgen die Rubrik «Bern» lesen, so wurden sie mit den beiden kantonalen Vorlagen im letzten Monat lediglich dreimal (UMA-Kredit; aufgerundet) bzw. zweimal (Steuergesetz; aufgerundet) konfrontiert.

Die Bürde des Regionalteils

Das ist insofern von besonderer Relevanz, als Printmedien in Abstimmungskämpfen nach wie vor die am öftesten konsultierte Informationsquelle darstellen. Seit fast 20 Jahren hält sich der Anteil stimmberechtigter Personen, die redaktionelle Artikel als Informationsquelle nutzen, konstant zwischen 80-90%. An zweiter Stelle folgen Abstimmungssendungen im Fernsehen. Mit etwas abnehmender Tendenz gaben 2016 immerhin noch 71% der Befragten an, solche zu schauen. Hier offenbart sich bei genauerem Betrachten eine Bürde des Regionalteils der Printmedien: Bei kantonalen Abstimmungen fehlen prominenten Fernsehformate wie die SRF-«Arena». D.h. die zweitbeliebteste Informationsquelle der StimmbürgerInnen ist auf kantonaler Ebene geschwächte, was die Wichtigkeit der Printmedien erhöht.

Was bedeutet es aber, um auf die eigentliche Frage zurückzukommen, wenn die Stimmberechtigten über Abstimmungen wenig informiert sind? Auf die Stimmbeteiligung wird sich die Informationsdeprivation - zumindest am 25. November - kaum auswirken. Die beiden nationalen Vorlagen waren in Medien und Öffentlichkeit stark präsent, was wohl zu einer generellen Abstimmungsmobilisierung führen wird. Wer ohnehin an die Urne geht wird auch ein Kreuzchen neben die kantonalen Vorlagen setzen.

Wir mögen nicht, was wir nicht kennen

Psychologische Modelle liefern jedoch Hinweise darauf, wie informationsdeprivierte Personen abstimmen. Ein erster Effekt, der eine Rolle spielen könnte, ist der sogenannte «Mere-Exposure-Effekt». Er bezeichnet die Tatsache, dass alleine die wiederhole Wahrnehmung einer Sache diese positiver erscheinen lässt. Der Effekt trifft fast auf alles zu: Menschen, denen wir – wenn auch nur zufällig – oft begegnen, bringen wir automatisch Sympathie entgegen. Produkte, die wir oft sehen, kaufen wir eher. Meinungen, die wir oft hören, absorbieren wir eher. Oder umgekehrt: Abstimmungsvorlagen, die wir nicht kennen, lehnen wir eher ab.

Aus kompliziert mach einfach

Werden die beiden kantonalen Vorlagen also abgelehnt? Nun, so einfach ist es natürlich nicht, denn es gibt weitere (psychologische) Faktoren, die Abstimmungsentscheide beeinflussen. Einer, der besonders im Fall von Informationsdeprivation eine wichtigere Rolle als der «Mere-Exposure-Effekt» spielen dürfte, ist der Rückgriff auf kognitive Heuristiken. Eine Heuristik ist das Wissen darüber, welche Entscheidungsregel in welcher Problemsituation anzuwenden ist. Es handelt sich dabei um relativ simple Regeln, die ohne grossen kognitiven Aufwand abgerufen werden können, weil sie häufig zur Anwendung kommen. Es sind verschiedene Abstimmungsheuristiken denkbar. Naheliegend ist das Abstimmen auf der Linie bevorzugter Parteien oder das befolgen von Ratschlägen naher Verwandter oder Freunde. Ebenfalls möglich ist die Risikoaversion, also das generelle Festhalten am Status Quo. Letztere Heuristik dürfte aber wohl nur dann zum Zug kommen, wenn keine komplexeren Heuristiken herbeigezogen werden können. Heuristiken sind nicht unbedingt schlecht, sie sind jedoch fehleranfälliger als systematischere Herangehensweisen, bei denen vor der Entscheidung z.B. Pro- und Contra-Argumente abgewogen werden.

Bei der Abstimmung vom 25. November wird es wegen der prominenten nationalen Vorlagen eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche Abstimmungsbeteiligung geben. Aufgrund der dünnen Informationslage beim UMA-Kredit und der Änderung des Steuergesetzes dürfte eine nicht zu vernachlässigende Anzahl der Stimmenden ihr Kreuzchen jedoch nicht aufgrund inhaltlicher Kriterien setzen (oder schon gesetzt haben), sondern aufgrund von Heuristiken. Wie sich das auf die Abstimmungsergebnisse auswirkt, zeigt sich am Sonntag.

Die Informationen zu diesem Artikel entstammen hauptsächlich der Mediendatenbank «Factiva», der VOX-Analyse der gfs und dem «Handbuch der Abstimmungsforschung» von Thomas Milic, Bianca Rousselot und Adrian Vatter.