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Die SRG zerstört sich selbst

Prominenz aus allen grossen Parteien und Kulturschaffende wechselten sich auf dem Bundesplatz vor dem Mikrofon ab und verlangten vor allem eines: Dass die SRG ihre Zentralisierungspläne aufgebe.

Alec von Graffenried spricht vor dem Publikum (Foto: Lucie Bader)

So schnell kann die Stimmung umschlagen: Kein halbes Jahr ist es her, dass sich Kultur- und Medienschaffende verschiedenster Sparten vor die SRG stellten und die No-Billag-Initiative bekämpften. Politikerinnen und Politiker von links bis rechts warnten damals vor der Zerstörung der medialen Infrastruktur und dem Untergang der Medienvielfalt, wenn die SRG geschwächt und Radio und Fernsehen dem Markt ausgeliefert würden. Der Erfolg war überwältigend: Die Initiative wurde mit 72% Nein-Stimmen abgeschmettert, in der Stadt Bern sogar mit 84%.

Nun aber stehen die gleichen Leute wieder auf dem Bundesplatz und demonstrieren gegen die SRG. Sie werfen ihr vor, statt für die versprochenen Vielfalt zu kämpfen auf technische und publizistische Zentralisierung zu setzen, die Meinung der eigenen Angestellten und der Gremien der Trägerorganisationen schnöde zu übergehen, mit ihrem Technokratenblick den Medienplatz Bern zu vernichten und so den mühsam aufgebauten Goodwill in der Öffentlichkeit leichtfertig zu zerstören. Und das schlimme ist: sie haben recht. Die SRG ist gerade dabei, ihren Ruf, ihre Glaubwürdigkeit und damit sich selbst zu zerstören. Das zeigte sich nicht zuletzt in dem Moment, als der Präsident der Radiogenossenschaft Bern Freiburg Wallis, Leander Jaggi, eine Stellungnahme dieser drittgrössten SRG-Trägerorganisation verlas, in welcher die Begründung der Newsroom-Ideologie der SRF-Direktion Punkt für Punkt widerlegt und der Verzicht auf sämtliche Umzugspläne verlangt wird. Wer nicht einmal seine eigene Trägerschaft überzeugen kann, der hat offensichtlich keine guten Argumente.

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried sagte es klar: Die SRG hat sich in eine Sackgasse manövriert, und wenn sie nicht schleunigst umkehrt, werden alle verlieren, am meisten die SRG selbst. Auch der Freiburger CVP-Ständerat Beat Vonlanthen forderte die SRG auf, ihre Zentralisierungspläne unverzüglich zu schreddern. Der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus verlangte das gleiche. Und in eingeblendeten Statements sprachen sich die Parteipräsidentin der Grünen, die Parteipräsidenten der CVP und der SP sowie der Fraktionspräsident der SVP allesamt vehement für den Verbleib der Informationsredaktionen im Radiostudio Bern aus. Selbst die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr teilte per Videobotschaft mit, dass sie die Umzugspläne der SRF-Direktion für keine gute Idee halte. Eine ganze Reihe weiterer Politprominenz, vor allem aus Stadt und Kanton Bern, ergriff zwar nicht das Mikrofon, bekundete ihre Sympathie für die Protestaktion aber durch ihre Anwesenheit.

Auch die direkt Betroffenen kamen zu Wort. Vertreterinnen und Vertreter der «Berner Zeitung», der Zeitung «24 heures» und der «Schweizerischen Depeschenagentur» zeigten in kurzen Stellungnahmen auf, welche Verwüstungen der Zentralisierungswahn schon heute im Printbereich hinterlässt. Priscilla Imboden von Radio SRF begründete, weshalb sich die Belegschaft des Berner Radiostudios gegen einen Umzug in die Industriewüste von Oerlikon wehrt. Mireille Senn vom Westschweizer Radio und Danilo Catti vom Radio der italienischen Schweiz teilten in ihren Solidaritätsbekundungen sowohl diese fachlichen Bedenken als auch den Ärger über die fehlende Mitsprache der betroffenen Angestellten.

Unterstützung kam auch von anderen Kulturschaffenden: Die Performerin Sandra Künzi moderierte die Protestaktion, der Rapper Greis gab mit zwei einleitenden Beiträgen die Tonalität vor, der Bassist Mich Gerber und der Schlagzeuger Andi Pupato setzten einen stimmigen Schlusspunkt. Der Filmemacher Dieter Fahrer schilderte seine Erfahrungen beim Dreh des Dokumentarfilms «Die vierte Gewalt», und Pedro Lenz, begleitet von Christian Brantschen an der Harmonika, steuerte eine hinreissende Sprachstudie über das Verhältnis zwischen Tearoom und Newsroom bei.

Offen blieb an der ganzen Veranstaltung die immer gleiche Frage: Welcher Teufel hat die SRG-Oberen geritten, dass sie diesen journalistisch unsinnigen und politisch selbstzerstörerischen Studioumzug unbedingt durchziehen wollen? Will der abtretende SRF-Direktor sich ein Denkmal setzen? Haben die führenden Leute im Leutschenbach den Kontakt zur politischen Wirklichkeit verloren? Oder sind sie einfach betriebsblind? Wie auch immer: Der Berner Stadtpräsident liegt offensichtlich richtig: Wenn die SRG diesen Studioumzug durchzieht, werden alle verlieren, am meisten die SRG selbst.