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Journal B

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Die utopische Revolution

In der Nacht auf heute hat ein Kollektiv die Wiese des Gaswerkareals besetzt. Dort soll nun ein Projekt namens «Anstadt» entstehen. In unserer Reportage beleuchten wir die Hintergründe und Absichten der Gruppe.

  • Als die Sonne aufging hingen die Transparente bereits (Foto: Luca Hubschmied)
  • (Foto: Luca Hubschmied)
  • Auf dem Platz befindet sich eine Tafel mit den Grundsätzen (Foto: Luca Hubschmied)

Freitagnachmittag, 22.6.2018

Eine SMS auf meinem Handy: «Können wir uns treffen?»
Zwei Stunden später erfahre ich auf einer schattigen Parkbank das erste Mal von dem geplanten Vorhaben: Eine Gruppe, ein Kollektiv, plant die Wiese auf dem Gaswerkareal zu besetzen. Fabia*, meine Kontaktperson, erzählt mir, dass die Gruppe sich überlegt, bereits im Vorfeld einem Medium Einblick in das Projekt zu gewähren. So weit, so gut, das Interesse ist geweckt. Viel mehr weiss ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, offenbar gehe es darum, eine utopische Stadt in der Stadt nachzubauen.

 

Freitagabend, 22.6.2018

Das Kollektiv hatte soeben Sitzung, erzählt mir Fabia am Telefon: «Es gibt eine gewisse Skepsis, dir vollen Einblick zu gewähren. Wenn du an den Sitzungen teilnimmst, könnte das für uns das Gefühl erwecken, unter Beobachtung zu stehen. Das wäre schlecht für die Diskussionskultur.» Für mich sehr verständlich, wir besprechen andere Optionen und ich verspreche eine neutrale Berichterstattung.


Dienstagmorgen, 26.6.2018

Etwas später als abgemacht, erhalte ich ein Telefon: «Sorry, die Sitzung gestern Abend hat lange gedauert. Wir sind einverstanden mit einer Reportage. Einige Leute sind bereit, mit dir zu reden.»
Ich erkläre, dass die direkten Aussagen vor dem Erscheinen gegengelesen werden können. Den Text insgesamt zur Diskussion zu stellen liegt aber kaum drin. Dass die Quellen anonym bleiben, ist von Anfang an klar.

 

Mittwochabend, 27.6.2018

Auf einer Bank im Breitenrainquartier treffe ich Fabia, David und Alex. Die drei wirken entspannt, betonen aber, dass sie in Endspurtstimmung sind. In etwa einer Woche soll es losgehen. «Heute hatte ich im Halbstundentakt Anrufe», erklärt David, «eigentlich könnte ich jede einzelne Minute beschäftigt sein.» Kaum gesagt, klingelt sein Telefon und er entfernt sich für ein paar Minuten.
Unterdessen zählen mir Fabia und Alex die verschiedenen Ressorts auf, die momentan die letzten Vorbereitungen treffen: Das Sanitär-Ressort organisiert Toiletten. Das Küchenteam beschafft Utensilien für die geplante Gemeinschaftsküche. Das Werkstatt-Team baut einen entsprechenden Wagen zusammen. Das Medienteam schreibt Texte, wie etwa das Mediencommuniqué. Das Materialteam treibt möglichst viel Holz und andere Baumaterialien auf, in den nächsten Tagen soll dazu ein Haus in der Nähe Biels abgebaut werden. Das Awareness-Team trifft sich morgen zur Ausarbeitung eines Konzepts. Das Kollektiv ist gross, nur ein Teil davon hat Erfahrung mit Besetzungen. Die Organisation des Projekts beeindruckt mich.

David nahm im letzten November das erste Mal an einer Sitzung teil. «Am Anfang diskutierten wir über alternative Wohnformen. Die Idee war, anders zu wohnen als in herkömmlichen Mietverhältnissen. Eine Besetzung war damals noch kein Thema.» Unterschiedliche Motivationen in der Gruppe führten zu einer Spaltung, David blieb dabei und Alex stiess vor etwas mehr als zwei Monaten dazu. Mittlerweile ging es nicht mehr primär um das Thema Wohnen. Eine Besetzung, eine Belebung eines Areals rückte konkret in den Vordergrund. «Viele Prozesse in der Gesellschaft stören mich», erklärt Alex, «im Freiraumkonzept der Stadt Bern wird etwa der Casinoplatz als Beispiel für einen Freiraum aufgeführt. Das ist doch ein Witz!» Sie wollten etwas Eigenes erschaffen, einen Ort, wo Leute eigene Ideen umsetzen können.

Fabia stiess Anfangs Juni zu dem Projekt. Die Energie und die Motivation der Gruppe haben sie von Anfang an angespornt: «Viele verschiedene Kreise tragen dieses Projekt. Die Ziele sind daher divers, es hat immer Platz für eigene Ideen. In den herkömmlichen Strukturen dieser Stadt fühle ich mich eingeengt, wir wollen nun selbst etwas erschaffen.»

Nachdem verschiedene Gelände besichtigt wurden, fiel die Wahl bald auf das Gaswerkareal, die Wiese neben dem Gaskessel. «Der Platz hat viel Potential und steht seit Jahren leer. Das zeigt, wie schlecht die bürokratischen Prozesse funktionieren», meint David. Dass der Platz sehr stadtnah liege, sei ein weiteres Argument, ergänzt Alex: «Solche Lebensformen sollen sich nicht zurückziehen müssen, unsere Botschaft soll unter die Leute.» Ausserdem hat dieser Ort eine bewegte Geschichte, ist quasi ein Politikum. Von 1985 bis zur gewaltsamen Räumung 1987 stand dort die Zaffaraya-Siedlung, Symbol der Berner Jugendunruhen in den 80er Jahren.

Das Areal neben dem Gaskessel gehört Energie Wasser Bern (ewb). Diese wurde 2011 vom Kanton beauftragt, den durch Altlasten verseuchten Boden zu sanieren. Anstatt diese Altlasten lediglich zu sanieren, beschloss ewb, die Bauunternehmerin Losinger Marazzi AG mit der Entwicklung eines Bauprojekts zu beauftragen, um die Altlastensanierung, sowie die Neuplanung des Areals zusammen anzugehen. Nachdem im Stadtrat Befürchtungen laut wurden, dass sich die Planung des Areals der Stadt entziehen könnte, beschloss der damalige Gemeinderat im Jahr 2016 das Gelände von der ewb zu kaufen. Auf dem Gaswerkareal sollen in Zukunft Wohnungen für etwa 1000 Personen entstehen. Die Stadt strebt einen vielfältigen Nutzungsmix mit einem hohen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau an (Journal B berichtete). Das Kollektiv kennt diese Pläne und hat sich damit bereits befasst.  Aktuell befindet sich die Stadt Bern in Abklärungen über den Kaufpreis für das Gelände und in einem Partizipationsverfahren mit dem Gaskessel. Momentan befindet sich das Areal also noch in Besitz der ewb. Nach bisherigen Informationen könnten die Bauarbeiten im Jahr 2021 beginnen.

Die Aufteilung des Gaswerkareals (Grafik aus dem Bericht des Gemeinderats)

Die Aufteilung des Gaswerkareals (Grafik aus dem Bericht des Gemeinderats)

Die drei Mitglieder des Kollektivs reden sehr offen und sind auskunftsfreudig. Sie betonen, dass sie nur für sich sprechen können und nicht unbedingt die Meinung der ganzen Gruppe wiedergeben.  Diese Aussage werde ich auch später immer wieder hören. Ebenfalls wird mir erklärt, dass das Kollektiv Entscheide nur auf Basis eines Konsens fällt. Wir sprechen nun konkreter über den Inhalt der Besetzung. Ich erfahre zum ersten Mal den Namen dieses Gegenentwurfs, der auf der brachliegenden Wiese Realität werden soll: Anstadt. Im Mediencommuniqué des Kollektivs steht: «Anstadt ist eine kleine Stadt, nur anders: Ohne Profit. Ohne Miete. Basisdemokratisch. Mehr miteinander, mehr füreinander.» Und etwas weiter unten: «Anstadt ist eine kleine Utopiestadt, der Versuch einer solidarischen, antikapitalistischen Gesellschaft.»

Alex erläutert mir, dass sie nicht definieren wollen, was dort alles entsteht. Es sollen gemeinsam Such- und Lernprozesse ermöglicht werden, dazu zitiert er Einstein: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.» Er betont, dass ihm insbesondere die ökologische Nachhaltigkeit des Projekts am Herzen liegt. Dazu entsteht ein Nachhaltigkeitskonzept, das zum Zeitpunkt der Besetzung der ewb vorgelegt werden soll.

Mittlerweile ist es dunkel geworden und die fernen Jubelrufe vom public-viewing des WM-Spiels sind verhallt. Wir verabschieden uns. Für Fabia steht morgen die Sitzung des Awareness-Teams an, ausserdem wird sie mithelfen, das Mediencommuniqué zu überarbeiten. Alex hat am morgigen Tag eine Sitzung der Mediengruppe. David erklärt, er werde wohl den ganzen Tag mit dem Auto unterwegs sein, um Holz zu transportieren.

 

Samstag, 30.6.2018

Jasper hat mich eingeladen vorbeizukommen, sie seien gerade dabei, den Werkstattwagen umzubauen. Es ist brütend heiss an diesem Nachmittag, er und Rafael stehen draussen vor einem Bauwagen und diskutieren, wie sie die seitliche Ladeklappe zu einem begehbaren Podest herunterlassen können. «Wir stellen uns eine offene Werkstatt vor, die von allen benutzt werden kann», erklärt Jasper, «es braucht aber noch ein Konzept, wie wir sicherstellen, dass zu allem Material Sorge getragen wird.»

Wir setzen uns in den Garten, als dritter des Kollektivs stösst Pablo dazu. Die Handys nehmen wir aus der Tasche und deponieren sie ausser Hörweite.

Pablo und Rafael wohnen momentan in einem befristeten Wohnverhältnis, auch sie stiessen ursprünglich zu der Gruppe, als sich diese noch primär mit alternativen Wohnformen beschäftigte. «Als wir beschlossen, die ewb-Wiese zu besetzen, hatte sich das Projekt bereits in Richtung eines soziokulturellen Vorhabens verlagert», sagt Pablo.

Die drei Mitglieder erklären mir, dass sie sich in einer privilegierten Lage befinden: «Wir sind vernetzt und können uns die nötige Zeit für ein solches Projekt nehmen. Anderen Menschen ist das je nachdem nicht möglich», erklärt Jasper, «das bringt auch eine gewisse Verantwortung mit sich. Wir wollen etwas erschaffen, das möglichst allen Zugang bietet.» Trotzdem könne das Gelände in den ersten Tagen nach der Besetzung noch nicht gänzlich geöffnet werden. «Natürlich möchten wir das gerne, wir müssen uns aber zu Beginn vor allfälliger Repression schützen», sagt Rafael.  Die Öffnung soll dann ein bisschen später kommuniziert werden, geplant ist aber jetzt schon ein Nachbarschaftstreffen mit den Anwohnenden, dieses wird in den nächsten Tagen stattfinden.

Das Projekt «Anstadt» habe durchaus eine Legitimation, wird mir von Pablo erklärt: «Wir glauben, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht fixfertig präsentiert werden können. Sie müssen von unten kommen, damit sie nachhaltig sind.» Das sei auch der Unterschied zwischen ihrem Vorhaben und dem Neustadtlab, wo Reglementierungen herrschten und vorgängig ein Konzept eingereicht werden müsse. «Es braucht auch Räume, um Utopien zu testen», meint Jasper, «wir suchen nach Alternativen, wie eine Gesellschaft funktionieren kann.»

Auch in diesem Gespräch erlebe ich die Ansprüche an Nachhaltigkeit und eine starke antimaterialistische Haltung. «Es soll möglich sein, voneinander zu lernen und Limiten aufzuheben. Wir wollen Wissen und Material kollektivieren», erklärt mir Rafael. Der heutige Wohlstand sei ein Grund für die zunehmende Isolation der Menschen, ergänzt Jasper: «Mit einem 100%-Job kann ich mir praktisch alle Güter, die ich brauche, leisten. Ich muss mich nicht mehr mit anderen vernetzen.» Er beschäftige sich viel mit dem Materialismus unserer Zeit, für die Anstadt schwebt ihm deshalb bereits ein Wunschprojekt vor: «Meine Idee ist, dort eine solidarische Verleihbörse zu bauen. Ein Ort, wo Gegenstände kollektiviert und von allen ausgeliehen werden können.» Gerne würden sie auch Flicktage einführen, analog dem Berner repair café, wo gemeinsam repariert wird, um der herrschenden Wegwerfmentalität entgegenzuwirken.

Wir werden kurz unterbrochen, weil Nicola plötzlich zu der Gruppe stösst. Er hat zehn lange Kletterseile erstanden und bringt sie hier ins Materiallager. «Es ist unglaublich, wie viel Energie in diesem Kollektiv vorhanden ist», freut sich Pablo, «heute Morgen hat jemand Werkzeug vorbeigebracht, gestern haben wir Material für die Gemeinschaftsküche erhalten.» Auch bei ihnen fliesst momentan viel Zeit in die letzten Vorbereitungen, an viel anderes ist da nichts zu denken. «Die nächsten Tage werden sehr intensiv», betont Jasper, «mir geht es aber gut, obwohl ich wenig Zeit und Schlaf habe.» Auch Pablo stimmt zu: «Für Freundschaften und WG-Leben bleibt momentan nur wenig Zeit.»

 

Montag, 2.7.2018

Ich habe erfahren, dass ein kleiner Solarwagen gebaut wird, der auf der Wiese für Strom sorgen soll. Natürlich will ich diesen gerne sehen. Etwas ausserhalb der Stadt, in Bethlehem, treffe ich auf Rudolf und Jasper, den ich bereits kenne. Während die anderen Bewohnenden des Hauses die Gefahr einer möglichen Hausdurchsuchung diskutieren, basteln sie in der Garage an den technischen Gerätschaften herum. In einer Ecke stehen drei grosse Solarpanels, am Boden liegen eine Batterie, ein Wechselrichter und viele Kabel. «Ungefähr die Hälfte des Budgets, das wir haben, ging für dieses Material drauf», erklärt Jasper. Er und Rudolf schliessen Kabel um Kabel an, testen die Vorrichtung, bis am Ende, durch eine Mischung aus Vorwissen und Improvisationskunst, Strom fliesst. Natürlich wäre es einfacher, einfach einen Generator hinzustellen, doch das sei ja nicht ihr Ziel. Ein solcher sei höchstens am Anfang zur Unterstützung notwendig.

Rudolf ist seit letztem September in dem Kollektiv dabei. Eine lange Zeit, doch geschadet habe das der Motivation nicht: «Ich habe Lust darauf, in dieser Stadt, die mir sehr am Herzen liegt, etwas zu bewirken. Eine utopische Revolution zu starten. Heutzutage ist alles derart überreglementiert, dagegen will ich mich wehren.»

Noch in dieser Woche soll es soweit sein. über Nacht wollen die Mitglieder des Kollektivs mit ihren Fahrzeugen und möglichst viel Material auf das Gelände fahren. Dazu gehört der Werkstattwagen, das Solarmobil, ein Nähatelier, ein Bus, ein Feuerwehrauto und ein grosses Boot auf Rädern. Ich bekomme mit, wie über mögliche Zufahrtswege und eventuell verschlossene Tore diskutiert wird.

 

Montag, 2.7.2018

Etwas später an diesem Tag treffe ich Fabia an einer Tramstation. Sie händigt mir das fertige, von Hand geschriebene Mediencommuniqué aus. Noch existiert es nicht in digitaler Form, die Vorsicht ist gross. Wir machen ab, dass mein Text morgen Abend fertig sein soll, damit er an der letzten Sitzung des Kollektivs vor Tag X noch gelesen werden kann.


Donnerstagmorgen, 5.7.2018

Die Sonne geht über dem Gaswerkareal auf. Auf der vorher leerstehenden Wiese sind in einem kleinen Kreis die verschiedenen Fahrzeuge angeordnet. Unter einer Plane scheinen sich Menschen zum Frühstück zu versammeln. Noch hat kaum jemand Notiz davon genommen, was hier über Nacht geschehen ist. Das dürfte sich bald ändern.

 

(*alle Namen im Text wurden geändert)