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Vereine statt Polizei

Der Stadtrat will in der Kapo-Einsatzzentrale Ringhof in der Lorraine ein «Haus der Vereine» einrichten. Darin sollen sich Vereine und NGOs kostengünstig einmieten können.

Aktuell noch KaPo-Einsatzzentrale, bald schon Haus der Vereine? Der Ringhof in der Lorraine. (Bild: ys)

Gesten hatten sich vor dem Berner Rathaus rund zwei Dutzend Leute versammelt, die allen Rathausbesuchenden an diesem warmen Frühsommerabend einen Flyer in die Hand drückten. Der Flyer stammte vom «Trägerverein Ringhof» und bewarb dessen Idee, im Ringhof am Nordring 30/32, welcher derzeit die regionale Einsatzzentrale der Kantonspolizei beherbergt, ein «Haus der Vereine» zu schaffen. Anlass der Versammlung vor dem Rathaus war eine an diesem Abend zu beratende Motion der AL, die verlangte, dass der Gemeinderat Kaufinteresse für die Liegenschaft beim Kanton anmeldet, um darin später ein solches «Haus der Vereine» einzurichten. Die Kantonspolizei will innerhalb der nächsten Jahre ausziehen und ihren Sitz in ein neues Polizeizentrum in Niederwangen verlegen. Gemäss der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons sollen die Bauarbeiten für das neue Zentrum 2026 abgeschlossen sein.

Vereinsland Schweiz

In der Grossregion Espace Mittelland sind gemäss Bundesamt für Statistik ziemlich genau die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner Aktivmitglied in einem Verein. Damit liegt die Region sogar leicht über dem ohnehin schon beachtlichen nationalen Durchschnitt von 48%, der es der Schweiz erlaubt sich mit dem Prädikat «Vereinsland» zu schmücken und Mani Matter seinerzeit dazu bewog zu singen: «Mir hei e Verein, i ghöre drzue». In der Motion wird zu bedenken gegeben, dass viele kleine Vereine und NGOs in Bern Mühe hätten, geeignete und bezahlbare Büroräumlichkeiten und –infrastruktur in Zentrumsnähe zu finden. «Bern ist Hauptstadt der Schweiz und Sitz zahlreicher Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und Vereinen», schreibt die AL. Diese seien wichtiger Bestandteil des demokratischen Prozesses in diesem Land.

Gegenwind schlug dem Anliegen von rechts entgegen. Thomas Berger (JF) unterstellte den UnterstützerInnen, alles zur Staatsaufgabe machen zu wollen. Vereine, die ihre Hausaufgaben gemacht hätten, könnten auch entsprechend Miete zahlen und bräuchten keine Unterstützung vom Staat, sagte Berger. Roland Iseli (SVP) hätte lieber eine gewerbliche Nutzung des Gebäudes gehabt. «Ausserdem wird man dort dann wohl keine Motorradclubs oder Schützenvereine wollen», beschwerte sich Iseli.

Für eine lebendige und sozial durchmischte Stadt

«Die Stadt ist grundsätzlich sehr offen und würde das Gebäude gerne kaufen», sagte der zuständige Gemeinderat Michael Aebersold (SP) gestern vor dem Stadtrat. Man könne die Liegenschaft auch kostengünstig vermieten, sofern es zu einem Kauf komme. «Es ist nicht Aufgabe der Stadt, sich eine goldene Nase zu verdienen, sondern vielmehr für eine lebendige und sozial durchmischet Stadt zu sorgen.» Gerade mit dem PROGR und der Feuerwehrkaserne haben man diesbezüglich bisher gute Erfahrungen gemacht, ergänzte Aebersold.

Aebersold vertrat damit eine andere Position als der Gemeinderat in der Antwort auf die Motion. Zum Zeitpunkt der Beantwortung – das war im Juni 2016 – hatte der Gemeinderat die Motion zu Ablehnung empfohlen, weil es seiner Meinung nach kein Bedürfnis nach einem «Haus der Vereine» gebe. Damals war indessen noch nicht Aebersold zuständiger Gemeinderat. «Ich kann die Position des Gemeinderates zwar nicht einfach drehen, aber ihr habt vielleicht aus meiner Rede gehört, mit welchem Engagement ich mich im Fall einer Annahme der Motion hinter die Aufgabe machen würde», so Aebersold.

Grundstein gelegt

Der Stadtrat stimmte der Motion mit 31 zu 26 Stimmen bei einer Enthaltung zu. Wie genau sich die Situation rund um den Ringhof entwickeln wird, ist aber noch nicht gänzlich geklärt. Erstens ist fraglich, ob der Kanton nicht Eigeninteresse an der Liegenschaft anmelden wird. Zweitens gelten beim Verkauf einer kantonalen Liegenschaft das Gleichheitsprinzip für Interessierte, sowie marktgerechte Preise, schreibt der Gemeinderat. Die Stadt muss sich also am ordentlichen Verkaufsverfahren beteiligen, sofern sich der Kanton zum Verkauf entscheidet. Trotzdem: Der Grundstein für eine neue Nutzung des Ringhofs wurde gestern gelegt.