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«Die Jugend ist nicht strukturiert»

Gibt es in Bern genug Freiraum für die Jugend? In einem Manifest, herausgegeben von «Bern für die Jugend», formulieren Jugendliche in 15 Punkten ihre Ansprüche und Forderungen.

Belinda Aréstegui und Thomas Jacobi von der Gruppe «Bern für die Jugend» (Foto: Luca Hubschmied)

An der diesjährigen Tour de Lorraine entstand im Rahmen des Workshops «Bern für die Jugend» ein Manifest, in dem Jugendliche ihre Forderungen und Anliegen zusammengetragen haben. Organisiert wurde der Workshop von verschiedenen Organisationen, die direkt mit Jugendlichen arbeiten oder selber von Jugendlichen organisiert sind. Das Manifest wurde jetzt veröffentlicht und kann hier gelesen werden (Version zum Ausdrucken und Aufhängen). Journal B sprach mit zwei der OrganisatorInnen, Belinda Aréstegui vom Vorstand des Gaskessels und Thomas Jacobi von der Tour de Lorraine und der Musikvermittlungsplattform Tönstör.


Im «Freiraum-Manifest der Jugend Bern» sind in kompakter Form 15 Anliegen Jugendlicher zusammengetragen. Was ist die Idee dahinter?

B. Aréstegui: Im Moment ist das Thema Freiraum in Bern sehr aktuell. Es gibt viele Angebote für Erwachsene, aber nur wenige für Jugendliche. Institutionalisierte Angebote wie Jugendtreffs existieren an vielen Orten, oft fehlen aber Räume, wo Jugendliche autonom selbst etwas gestalten können oder einen «Raum» beanspruchen können. In Bern gibt es zudem keine Stelle, wo die Ansprüche der Jugendliche gesammelt werden. Wir wollten uns dem annehmen.

T. Jacobi: Wir haben an der Tour de Lorraine einen Jahrmarkt der Ideen mit Diskussionstischen veranstaltet und Jugendliche ermutigt, kritisch nachzudenken darüber, was ihre Bedürfnisse sind. Diese haben wir zusammengetragen und am Ende der Veranstaltung entstand eine erste Version dieses Manifests. Damit liegt nun ein Papier vor, das so nach aussen getragen werden kann.


Dieses Manifest entstand im Rahmen der Tour de Lorraine im Januar 2018. Warum dauerte es so lange bis zur Veröffentlichung?

B. Aréstegui: Wir sind eine Gruppe, die das alles freiwillig macht. Das Verschriftlichen dauerte eine Weile, wir wollten inhaltlich nichts verändern, mussten es aber ein bisschen anpassen, damit die Struktur sinnvoll ist.

T. Jacobi: Im Nachgang der Tour de Lorraine haben wir auch diskutiert, wie wir damit weiterarbeiten können. Es gab viel Zuspruch von den involvierten Gruppen, diesen Ansatz irgendwie weiterverfolgen zu wollen.

B. Aréstegui: Mittlerweile haben wir uns zur Gruppe «Bern für die Jugend» zusammengeschlossen, eine Gruppe, die dafür zuständig ist, Anfragen und Bedürfnisse Jugendlicher aufzunehmen, weiterzuleiten und zu vermitteln. Mit der Veranstaltung an der Tour de Lorraine wurde der Grundstein dafür gelegt.


Wie geht es denn konkret weiter jetzt?

T. Jacobi: Dieser erste Schritt, das Manifest, ist gut gelungen. Ab jetzt wollen wir als Gruppe eine Vertretung für die Jugendlichen darstellen. Es ist geplant, mit dem Manifest in dieser Form durch die Stadtteile zu touren. An Veranstaltungen sollen diese Forderungen noch einmal diskutiert und den Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, daraus konkrete Schritte abzuleiten.

B. Aréstegui: Wir werden auch an einem Stand des TOJ am Neustadtlab vom 22.-26. August vertreten sein, um das Manifest zu präsentieren und Jugendliche damit direkt anzusprechen.


Ihr vertretet mit diesem Manifest eine grosse Gruppe von Menschen. Wie könnt ihr sicherstellen, dass alle Betroffenen auch erreicht werden?

B. Aréstegui: In der Jugendarbeit ist das allgemein eine schwierige Frage. Wenn wir beispielsweise über die Schulen an Jugendliche herantreten, entsteht sehr schnell wieder ein institutioneller Eindruck, den wir eigentlich nicht wollen. Wir haben zum Glück alle ein grosses Netzwerk in der Jugend- und Kulturarbeit und hoffen auch auf Mund-zu-Mund Propaganda. Wir sind gespannt ob das funktioniert, wichtig ist uns aber, dass es niederschwellig bleibt.


Inwiefern erhofft ihr euch, mit diesem Manifest auch politisch etwas auszulösen?

B. Aréstegui: Im Rahmen der Kulturstrategie der Stadt Bern hoffen wir, dass das Manifest einen Input darstellen kann, der nicht aus der Verwaltung, sondern von Privatpersonen her kommt. Ob das eine Reaktion auslösen wird, können wir nicht wissen, wir hoffen aber darauf.

T. Jacobi: Wir möchten eine eigenständige, unabhängige Plattform bieten, die nicht nur darauf ausgerichtet ist, alles so zu verpacken, dass es als politische Forderung eingereicht werden kann. Wir sind auch offen für widersprüchliche, wilde und unpraktische Forderungen. Es geht darum widerzuspiegeln, was Jugendliche denken.

B. Aréstegui: Es handelt sich dabei auch nicht um ein abschliessendes Dokument, es wird bestimmt Anpassungen daran geben und das ist auch gut so. Dieses Manifest soll ein erster Anstoss sein. Unsere Zielgruppe ist im Alter von 14 bis 25 Jahren und vereint damit ganz unterschiedliche Ansprüche, die oft nicht deckungsgleich sind.


Macht die Stadt Bern zu wenig für die Jugendlichen?

B. Aréstegui: Die Geschichte um den Jugendclub «Tankere» ist ein bisschen symptomatisch dafür. Die Einsprachen gegen den Standort Nägeligasse kamen zwar von Privatpersonen, trotzdem dauerte es sehr lange, bis das Projekt überhaupt erst ins Rollen kam, wenn wir bedenken, wie lange bereits Jugendliche einen Raum in der Stadt Bern fordern. Oft wird vonseiten der Stadtpolitik zwar betont, man wolle mehr Angebote bieten, diese Versuche bleiben aber meist sehr strukturiert. Die Jugend ist aber nicht strukturiert und dafür fehlt häufig das Verständnis. Auch die Präventionsmassnahmen die unternommen werden, sind meist sehr zurückhaltend, in diesem Bereich sollte mehr passieren. Es ist aber auch nicht richtig, alles von der Stadt zu erwarten. Das Engagement der Bevölkerung ist genauso gefragt, schliesslich bildet die Bevölkerung die Stadt.

T. Jacobi: In der Bevölkerung ist oft nicht klar, wie speziell die Situation für junge Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren ist. Diese Personen befinden sich in Ausbildung, haben wenig Geld zur Verfügung und nur wenig günstige Ausgangsmöglichkeiten. Obwohl sie ein sehr verständliches Bedürfnis haben, an dem sozialen Leben der Stadt teilzuhaben. Da stellt sich dann die Frage nach dem Freiraum. Als Gesellschaft sollten wir doch ein Interesse haben, dieser Generation, die sehr bald wichtige Funktionen übernehmen wird, mehr Möglichkeiten zu bieten. Weiter sollten wir die Situation junger Mädchen und Frauen berücksichtigen. Diese sehen sich im Ausgang häufig mit einer bevormundenden und degradierenden Kultur konfrontiert. Dieses Problem sollte breit thematisiert werden, eben auch mit jungen Männern, um eine Veränderung zu erreichen.

B. Aréstegui: Der Diskurs über die Situation junger Frauen und Männern in unserer Gesellschaft muss aber gesamtgesellschaftlich geführt werden. Diese Thematiken haben in letzter Zeit bereits mehr Gewicht erhalten, dürfen nun aber nicht zum Erliegen kommen.


Wie gross ist die Gefahr, dass ihr hier Forderungen verbreitet, die schlussendlich von Seiten der Jugendlichen gar keinen Zuspruch erfahren?

B. Aréstegui: Dieses Risiko existiert. Wir versuchen etwas zu ermöglichen, aber wenn das nicht wahrgenommen werden sollte, können wir das akzeptieren. Uns geht es aber auch um Gegenseitigkeit im Sinne davon, dass Erwachsene und Jugendliche sich annähern können. Wir wollen mit dem Manifest nicht nur Jugendliche ansprechen.

T. Jacobi: Die Art, wie das Manifest zustande kam, hat eine gewisse Beispielfunktion, indem wir zeigen, dass es hier für Jugendliche die Möglichkeit gibt, Anliegen zu deponieren, die auch aufgenommen und schlussendlich abgedruckt werden. In diesem Sinne hoffen wir, dass diese neue Plattform von allen Seiten auch als Ansprechpartner wahrgenommen wird.


Im Manifest steht die Forderung nach einer Beratungsstelle. Die Stadt Bern bietet mit dem Jugendamt aber bereits eine solche an.

B. Aréstegui: Es gibt in der Tat bereits verschiedene Beratungsstellen, wie etwa das Jugendamt.  

T. Jacobi: Die Tatsache, dass diese Forderung in den Diskussionen der Jugendlichen auftauchte, zeigt aber eine gewisse Lücke auf. Jugendliche kennen anscheinend diese Beratungsstellen nicht gut genug und darüber könnte man kreativ nachdenken.


Beim Thema Freiräume und Jugendliche fällt einem unweigerlich der Vorplatz der Reitschule ein. Welche Rolle erfüllt dieser?

B. Aréstegui: Der Vorplatz der Reitschule übernimmt eine enorm wichtige Funktion. Ich sehe aber die Stadt Bern in der Pflicht, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen, ebenso wie umliegende Gemeinden. Fragen nach Zivilcourage, Substanzenkonsum und Gewalt wurden zu lange vernachlässigt und an die Reitschule abgeschoben.

T. Jacobi: Auf dem Vorplatz sieht man das Beste und das Schlechteste, was in Bern momentan läuft. Einerseits sieht man dort Jugendliche, die eine gute Zeit haben, die selbst Musik und Getränke mitbringen und kreativ ihre eigene Art des Zusammenseins ausleben dürfen. Andererseits zeigt dieser Platz das Versagen der Stadt Bern und auch des Kantons Bern auf. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Vorplatz von ganz vielen Jugendlichen aus umliegenden Regionen frequentiert wird. Die Verwaltungen dieser Orte haben ihren sozialen Auftrag verfehlt, sie haben ihren Jugendlichen zu wenig Raum geboten. Die Leute aus der Reitschule müssen dann die undankbare Aufgabe übernehmen, auf dem Vorplatz mit all seinen sozialen Gegensätzen zu vermitteln.

B. Aréstegui: Bei der Polizei kann im Nachtleben ein eher repressives Verhalten beobachtet werden. Es fehlt das Verständnis dafür, dass Jugendliche ihre Grenzen ausprobieren wollen, auch wenn dies manchmal mit unschönen Momenten einhergeht. Allerdings sind diese Verhaltensweisen auch stark übernommen von erwachsenen Personen. Jugendliche sind oft ein Spiegelbild der erwachsenen Gesellschaft. Deshalb müssen wir uns alle für Diskussionen, etwa über Gewalt oder Sexismus, öffnen.