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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Serie Grossratswahlen – Die Rolle der Stadt Bern

Bern trägt die wirtschaftlichen und kulturellen Zentrumslasten der Region. PendlerInnen strömen frühmorgens in die Stadt und verlassen sie mit dem abendlichen Stossverkehr wieder. Das vielfältige kulturelle Angebot und das Nachtleben werden bis weit über die Stadtgrenzen hinaus genutzt. Politisch ist Bern doppelt belastet: Einerseits als rot-grüne Insel im bürgerlichen Kanton, andererseits als Bundes-und Kantonshauptstadt und damit als Austragungsort der nationalen und überregionalen Politik. Wie sehen die Kandidierenden die Rolle der Stadt Bern im Kanton?

  • Vania Kohli (BDP) arbeitet als Anwältin in Bern und ist seit 2010 im Grossen Rat.
  • Simone Machado Rebmann (GaP) ist Juristin und studiert derzeit in Fribourg Soziale Arbeit. Seit 2014 ist sie Mitglied im Grossen Rat.
  • Daniel Lehmann (SVP) ist gelernter Landwirt und seit 2017 im Berner Stadtrat.
  • Melanie Mettler (GLP) ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und zurzeit tätig für den Verein Sunraising im Bereich Solarstrom für MieterInnen. Seit 2013 ist sie im Berner Stadtrat.

Vania Kohli (BDP): Die Stadt Bern hat sich entwickelt, ist mit vielen angrenzenden Gemeinden zusammengewachsten, wie z.B. mit Ostermundigen, Muri/Gümligen, Köniz, Ittigen. Fakt ist, dass diese Stadtregion sogar im internationalen Vergleich über ausserordentlich hohe Standortqualitäten verfügt. Wir bieten eine gute Lebensqualität, hohe Sicherheit, kulturelle Vielfalt, ausgezeichnete Wohn- und Ausbildungsqualität, intakten Naherholungsraum, ein grosses Freizeitangebot und noch viel mehr. Ebenso unbestritten ist, dass unsere Stadtregion wirtschaftlich für den Kanton Bern eine immens wichtige Rolle spielt. Die Stadtregion ist wirtschaftlich besser dran, als man öffentlich wahrnimmt, sie ist politisch stabil und steht finanziell gut da. Sie ist so etwas wie das Herz des Kantons – wenn es ihr gut geht, geht es dem ganzen Kanton gut; wenn nicht, leidet der ganze Kanton darunter.

Simone Machado Rebmann (GaP): Die Stadt Bern soll Kulturort sein und, auch als Bundeshauptstadt, den Bürgerinnen und Bürgern Platz für die Ausübung der Meinungsäusserungs- und Versammlungsfreiheit bieten. Es soll aber nicht alles in Bern zentralisiert, sondern auch die mittleren Städte wie Biel, Thun, Burgdorf oder Interlaken sollen als regionale Zentren gestärkt werden. Damit werden der Siedlungsdruck und der Pendlerverkehr vermindert.

Daniel Lehmann (SVP): Die Stadt Bern ist klar das Zentrum unseres Kantons. Sie hat grössere Aufgaben im Kulturbereich, ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt und das politische Zentrum. Auch im Gesundheitsbereich ist das Uni-Spital «Insel» zentral. Die Agglomeration Bern bildet klar einen Schwerpunkt. Wir müssen diese Situation aber so leben, dass der ländliche Raum sich so entwickelt, dass die Grundversorgung, wie Schulen, ÖV, Gesundheitswesen, sichergestellt werden. Eine Urbanisierung und Abwanderung Richtung Stadt ist kein Ziel, weltweit führt dies zu einer grösseren Unterschicht.

Melanie Mettler (GLP): Die Kernregion Bern erwirtschaftet nach Basel das zweitgrösste Bruttosozialprodukt pro Kopf in der Schweiz. Also ermöglicht der urbane Lebensraum, den wir mit den Agglomerationsgemeinden teilen, dem weitläufigen Kanton Bern trotz immens hoher Zentrumslasten zu einem grossen Teil die hohe Lebensqualität und die komfortable Infrastruktur. Kulturell hingegen identifiziert sich der Kanton Bern mit einem ländlichen, berglerischen Image. Urbane Realitäten werden weniger hoch gewichtet, und oft hört man, die Stadt werde als arrogant wahrgenommen, oder werfe kantonale Gelder zum Fenster raus. Dies hat leider wenig mit der Realität zu tun. Durch unser Wahlsystem sind WählerInnen aus bevölkerungsarmen Gebieten viel stärker im Parlament vertreten als WählerInnen aus den Städten. Ich wünsche mir, dass die Stadt Bern und die Agglomerationsgemeinden im Kanton selbstbewusster auftreten. Dazu gehört, dass Stadt und Land einen Dialog auf Augenhöhe führen.