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Yannic Schmezer

Die Razzien nützen niemandem

Kantonspolizei und Reto Nause führen seit Jahren ihren eigenen kleinen «War on Drugs» im Perimeter Schützenmatte. Ende Januar eskalierte die Situation erneut. Die Reitschule regt sich darüber zu Recht auf.

«Stand by the wall and take your fucking hands back», fährt ein Polizist einen angehaltenen mutmasslichen Drogendealer an. Ein kürzlich veröffentlichtes Handyvideo zeigt, was in und um die Räumlichkeiten der Reitschule seit Jahren gängige Praxis ist. Eine Schar von Zivil- und Uniformpolizisten und –polizistinnen läuft hektisch im Restaurant Sous le Pont umher. In der Toilette versuchen drei von ihnen eine Person, die sich offenbar eingeschlossen hat, aus der Kabine zu holen. Draussen drücken vier Polizisten eine Person zu Boden, von der, unter den Knien und bewegten Oberkörpern der Beamten, kein Zentimeter mehr zu sehen ist. Ein Zivilpolizist bewacht mit Gummischrotgewehr den Eingang zum Restaurant.

Die Kantonspolizei führt seit längerer Zeit regelmässig Drogenrazzien auf der Schützenmatte und in der Reitschule durch. Gegenüber der Berner Zeitung sagte Polizeisprecher Dominik Jäggi, dass die Bekämpfung des Drogenhandels ein vom Gemeinderat definierter Schwerpunkt der polizeilichen Arbeit sei. Die Kantonspolizei und der zuständige Gemeinderat, Reto Nause, führen im Perimeter Schützenmatte ihren eigenen kleinen «War on Drugs» und niemand ausser der leidtragenden Reitschule scheint sich daran ernstlich zu stören.

Dabei dürfte allen Beteiligten klar sein, dass sich der Drogenumschlag in Bern nicht durch einzelne Polizeieinsätze im Bereich der Schützenmatte eindämmen lässt. Trotz zahlreicher Razzien und hoher Polizeipräsenz in ebendiesem Gebiet hat sich der Drogenhandel nicht verkleinert, denn solange es die tragenden Strukturen im Hintergrund erlauben, werden sich immer wieder Menschen finden, die für kleine Gewinne harte Drogen unter die Leute bringen. Dies gilt umso mehr, wenn die DealerInnen ihre Arbeit nicht ohne Not wählen, was für die meisten zutreffen dürfte.

Die verfolgte Politik schadet stattdessen der Reitschule. Durch zahlreiche Medienberichte über Polizeieinsätze brennt sich ein Konnex zwischen dem Kulturort und dem davorliegenden Drogenumschlagsplatz in die öffentliche Wahrnehmung. Gerade wer sich nicht regelmässig bei der Reitschule aufhält oder sich ernsthaft für sie interessiert, kennt ihr Engagement gegen den Drogenhandel nicht: Mit regelmässigen Aktionen machen die BetreiberInnen deutlich, dass der Drogenumschlag in der Nähe der Reitschule unerwünscht ist. Zuletzt blieb die Reitschule 2015 gar geschlossen, um ein Zeichen gegen den Deal zu setzen.

Schlussendlich leidet die Reitschule unter einem Problem, das sie weder hervorgerufen hat noch toleriert. Die Polizei leistet dazu ihren Beitrag. Dass vonseiten der Reitschule die regelmässigen Einsätze kritisiert werden, ist nicht etwa als Inschutznahme des Drogenumschlags oder der DealerInnen auszulegen. Stattdessen ist es die berechtigte Kritik der (vom Gemeinderat offenbar gewollten) oberflächlichen Polizeiarbeit, die schlussendlich kaum jemandem nützt. Zumal dadurch auch das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen Kantonspolizei und Reitschule belastet wird. Da helfen dann auch keine Mediationsversuche mehr, wie zuletzt jener des Alt-Bundesrichters Hans Wiprächtiger.

Das Handeln der Behörden im Perimeter Schützenmatte ist unkoordiniert. Polizeidirektor Nause fährt eine sinnlose Polizeioffensive gegen Kleinkriminelle während das Stadtpräsidium einen externen Berater nach dem anderen verschiesst (Ueli Mäder, 2015; Hans Wiprächtiger, 2017). Stattdessen bedürfte die Politik des Gemeinderats einer ernsthaften Neujustierung. Der erst kürzlich beigezogene neue Berater der Stadt, Thomas Kessler, wird laut dem Bund unter anderem damit beauftragt sein, das Handeln der Stadt im Perimeter Schützenmatte zu optimieren und für ein möglichst kohärentes Verhalten aller Behörden zu sorgen. Nach dem Scheitern Wiprächtigers, der Polizei und ReitschülerInnen an einen Tisch bringen sollte, wird nun also Kessler mit einer gänzlich anderen Aufgabe in den Ring geschickt. Das kann durchaus positiv gewertet werden: Zumindest scheint dem Gemeinderat sein eigenes Handeln verbesserungswürdig.