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Keine Haltung

Trump am WEF und niemand zeigt Haltung. Ein Kommentar.

Claire Zachanassian war da, mit Gefolge, mit Roby und Toby. Sie pflügte die kleine Stadt Güllen um. Sie riss den Heuchlern und Scheinheiligen die Maske hinunter und prüfte ihre Haltung. Sie hatten keine. Ilg, Claires Geliebter aus fernen Tagen, der nicht zu ihr gestanden war, als Güllen sie verstiess, büsste den Besuch mit dem Leben. Die Dorfleute – opportunistisch damals wie heute – tragen am Ende alle neue, gelbe Schuhe.

Wie es 1956 in Dürrenmatts Güllen zuging, war es dieser Tage in Davos. Seit bekannt geworden war, dass der 45. US-Präsident ans WEF kommt, kam es nur noch auf ihn an. Auf einen irrlichternden, grössenwahnsinnigen, sexistischen und rassistischen Rüpel, dem bestenfalls ein Teil der USA etwas bedeutet. Der freiwillige Kotau vor ihm zeigt das Fehlen eines freien Willens vieler Davoser, Schweizer und weiterer Menschen. Dass US-Agenten für Trumps Sicherheit zuständig sind, während die Schweizer Kräfte für jene aller anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer am WEF genügen, wertet diese – gewollt oder nicht gewollt – ab. Und es bezeugt, wie viel das Gerede von Souveränität, Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit Wert ist, wenn es darauf ankommt, Haltung zu zeigen: Nichts.

Dürrenmatts „Besuch der alten Dame" endet mit dem Chor: „Es bewahre uns aber / ein Gott / in stampfender rollender Zeit / den Wohlstand / bewahre die heiligen Güter uns, bewahre Frieden / bewahre die Freiheit / Nacht bleibe fern / verdunkele nimmermehr unsere Stadt / die neuerstandene prächtige / damit wir das Glückliche glücklich geniessen".

Im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist hat Peter Bichsel im „Magazin" (No 3 – 20. Januar 2017) etwas gesagt, das als Kommentar zu Davos gelesen werden kann: „Ich habe den Eindruck, dass ich in einem Land lebe, das sehr, sehr gefährdet ist. Und zwar nicht durch Terrorismus, sondern durch uns selbst". Dem ist nichts beizufügen.