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Hat sichs ausgewachsen?

Am Mittwochabend ist die Ausstellung „Endlich Wachstum“ in der alten Feuerwehr Viktoria zu Ende gegangen. Zum Abschluss diskutierte Markus Flück mit Gästen über die Perspektiven einer zukunftsfähigen Wirtschaft.

Antonin Calderon, Christian Stocker, Melanie Mettler und Manuel Lehmann. (Foto: Luca Hubschmied)

Während fast zwei Wochen thematisierte die Ausstellung «Endlich Wachstum» die Grenzen des Wachstums. In einer stark wachstumsorientierten Gesellschaft müssen auch kritische Fragen gestellt werden: Wem nützt dieses Wachstum? Überschreitet dieses Wachstum bereits jetzt die Kapazitäten unserer Umwelt? Geht der wirtschaftliche Fortschritt mit einem ökologischen Rückschritt einher? Unterstützt wurde die Ausstellung von verschiedenen wachstumskritischen Organisationen wie attac, Fairbindung, décroissance Bern und transition Bern sowie der Tour de Lorraine und der Materialsammlung «Endlich Wachstum». Koordiniert hat die Ausstellung der Soziologe und Mitglied der Alternativen Linke, Markus Flück.

Die Finissage der Ausstellung am Mittwochabend stand unter dem Titel «Von der Nische zur Normalität». Dabei drehte sich die Diskussion hauptsächlich darum, wie eine Wirtschaft gefördert werden kann, die nicht auf Kosten sozialer Ungleichheit und ökologischer Überbeanspruchung stattfindet. Manuel Lehmann von thinkpact sprach sich stark für das Potential einer kollaborativen Wirtschaft aus. Darunter fallen etwa die Konzepte von Commons, sharing economy und Genossenschaften: «Es handelt sich dabei um eigentlich alte Vorstellungen, die momentan wieder einen Aufschwung erleben.» Lehmann präsentierte einen Katalog an Forderungen wie etwa Forschungsgelder für den Bereich der kollaborativen Wirtschaft und auch eine gesellschaftliche Neudefinition des guten Lebens, entlang der Idee von ‚buen vivir‘.

Antonin Calderon, Vertreter der Chambre economic sociale et solidaire genève, erwiderte passenderweise, dass kollaborativ noch lange nicht solidarisch bedeute, wie die Beispiele von AirBnB und Uber zeigten. In der Chambre economic sociale et solidaire genève sind an die 300 Firmen vereint, die sich aufgrund ihrer gemeinsamen Werte zusammengefunden haben. Innerhalb der chambre wird eine Vernetzung dieser Firmen gefördert, unter anderem auch mit dem Werkzeug einer eigenen Lokalwährung, dem «Le Léman». Dieser erfüllt eine Labelfunktion, indem die Unternehmen, die ihn als Zahlung akzeptieren, sich zu einer Charta verpflichten, die ökonomische, soziale und ökologische Standards festlegt.

Einen anderen Weg zeigte die grünliberale Berner Stadträtin Melanie Mettler auf. Als Co-Präsidentin des Vereins SIBA (Soziale Innovation Bern Accelerator) ist sie aktiv engagiert, bottom-up Projekte und Grassrootsinitiativen im Bereich sozialer Innovation zu fördern. Der Verein veranstaltet Anlässe, an denen sich solche Initiativen vorstellen und untereinander vernetzen können. Ebenfalls an der Diskussion vertreten war Christian Stocker von der Denknetz-Gruppe Wirtschaftsdemokratie. Die Gruppe fand sich an dem vom Denknetz organisierten Kongress «Reclaim Democracy» zusammen. Bis heute haben sie 35 Thesen zur Demokratisierung der Wirtschaft zusammengetragen. Insbesondere der Glaube an einen funktionierenden Markt sei innerhalb der Gruppe immer wieder kontrovers diskutiert worden. Diese Problematik widerspiegelte sich auch an der Finissage der Ausstellung. Teile des anwesenden Publikums äusserten sich kritisch zu den vorgestellten Lösungsvorschlägen und wendeten ein, dies seien doch nur neue Formen des Wirtschaftens, die aber das Problem des unbegrenzten und masslosen Wachstums nicht lösen könnten. «Der Begriff der Nachhaltigkeit wird zwar noch zu oft wachstumsorientiert betrachtet», meinte Melanie Mettler, «es ist aber Realität, dass auch unsere Sozialsysteme von Wachstum abhängig sind.»

Die grundlegenden Fragen nach neuen Formen einer Wirtschaft, konnten an dem Abend nicht beantwortet werden. Einig wurden sich die Anwesenden aber bei dem, was Manuel Lehmann so zusammenfasste: «Letztendlich liegen linksalternative Gemüsekooperativen und social entrepreneurship nicht weit auseinander, was sie aber alle verbindet ist eins: Sie existieren lokal in zahlreicher Form, sind aber auf nationaler Ebene nicht präsent.»